Zur Ausgrenzung unserer Jugendlichen auf dem Sozialamt

Zur Ausgrenzung unserer Jugendlichen auf dem Sozialamt

Unser Arbeitsaufwand bezüglich Unterhaltssicherung und Einzug in eigenen Wohnraum hat sich immens gesteigert.
Die immer mehr greifenden Methoden der Zugangssteuerung auf dem Sozialamt bewirken eine Zunahme von Jugendlichen, die wir seitens unseres Projektes mit Überlebenshilfe ausstatten müssen, da von ihnen verlangt wird Unterhaltsklagen gegen ihre Eltern einzureichen. Eine Forderung, die jedem Ziel einer familiären Krisenintervention im Hinblick darauf eine Rückkehr in die Familie zu ermöglichen oder zumindest den Dialog zwischen Kindern und Eltern wieder positiv aufzubauen widerspricht. Es kann nicht angehen, daß wir auf der einen Seite mit viel Fingerspitzengefühl versuchen Eltern und Kinder wieder miteinander auszusöhnen und auf der anderen Seite diese Kinder dazu ermutigen sollen ihre Eltern zu verklagen.
Auch wird zunehmend Druck auf unsere Jugendlichen, die fast alle ihren Hauptschulabschluß nicht innerhalb der Schulpflichtzeit geschafft haben ausgeübt, darauf zu verzichten an Hauptschulabschlußmaßnahmen teilzunehmen mit dem Argument, daß sie lange genug Zeit dazu gehabt hätten und nun endlich für ihren Lebensunterhalt arbeiten zu gehen hätten (man beachte: junge Menschen aus finanziell abgesicherten Familien können sich jahrelang von einer Bildungsinstitution in die nächste begeben).

Es ist mittlerweile völlig unmöglich Jugendliche oder Jungerwachsene alleine ohne fachliche Begleitung zum Sozialamt gehen zu lassen. - Sie werden zugangsgesteuert, d.h. abgewimmelt und kehren frustriert und unverrichteter Dinge zurück.

Bei der Übernahme von Wohnungskosten entstehen die gleichen Hürden und Probleme, was zur Folge hat, daß die Aufenthaltsdauer der Jugendlichen, die aus unseren Gästewohnungen in eigenen Wohnraum ziehen wollen, ständig steigt.

Nebenbei bemerkt erfordert es ein hohes Maß an Motivationsbemühungen unsererseits den Jugendlichen, die aufgrund dieser Zugangssteuerungsmaßnahmen zunehmend das Gefühl bekommen, daß es für sie keine positive Zukunftsperspektive gibt, trotz alledem Mut zu machen, die langwierigen Versuche zu ihrem Recht zu kommen, durchzustehen.

Es ist für uns schier unerträglich, wie diese Jugendlichen, die seelisch wirklich schon genug belastet sind durch die schwere Krise im Elternhaus, permanent dafür bestraft werden, daß sie nicht in einem wohlhabenden Elternhaus geboren wurden. Wie hier auf den jungen Menschen aus armen Familien herumgetrampelt wird, ihnen die Teilhabe an dieser Gesellschaft und das Recht auf Bildung verwehrt werden, ist ein Sozialpolitikum sonder gleichen.

Wen es hier noch verwundert, wenn diese Jugendlichen rechtspopulistischen oder faschistischen Rattenfängern mit schnellen Feindbildlösungen leicht auf den Leim gehen, der lebt fern ab von der alltäglichen Realität der permanenten Demütigung der Menschen in unseren Arbeitervierteln (heute treffender: "Arbeiter-Brauchen-Wir-Nicht-Mehr-Vierteln").

Streetlife e.V., Schlupfloch - Modellprojekt zur flexiblen familiären Krisenintervention

 

© Bündnis für mehr Solidarität