Zum Geburtstag viel Glück...

Zum Geburtstag viel Glück...
oder wie das Amt für Jugend Präsente verteilt

Am 1. April diesen Jahres konnte das Projekt "IGLU - Unterstützung für Kinder und ihre drogenabhängigen Eltern" seinen 10. Geburtstag feiern.

Zugegeben:
in der uns umgebenden Atmosphäre im Sozialbereich muß dies kein Grund sein Geschenke zu bekommen. Und doch servierte uns das Amt für Jugend eins: eine Kürzung unserer Zuwendung um 7,5%. Dem Anlaß entsprechend in ein schlichtes Fax verpackt. Unser Beitrag zur Haushaltskonsolidierung. Danke schön.

 

Haushaltskonsolidierung? Quatsch! Akzentverschiebung ist die Antwort! Gleichzeitig mit den Kürzungen bei uns und anderen niedrigschwellig arbeitenden Einrichtungen wird der Etat der behördlichen Drogenberatung 'Kö 16a' um 16,3% (59.000 Euro) hochgepumpt. Um es in behördendeutsch zu verdeutlichen: "Durch aufgabenkritische Umsteuerung, insbesondere in den

Junkies%20tot

 

Akzeptierende

Anteilen akzeptierender Drogenarbeit soll der Schwerpunkt auf zielgerichtete Ausstiegshilfen gelegt werden."
Ja, aber warum sagt uns das denn keiner?

Stattdessen wird man, wie in einer Schmierenkomödie der Dorfdepp


, unter lautem Gejohle
(" Die von Ihnen dankenswerter Weise durchgeführten Veranstaltungen und Fachberatungen ..., sind nicht mehr in dem Maße zwingend, wie seinerzeit in Ihrer Zweckbeschreibung dargelegt.") von der Bühne geleitet. Haben wir gelacht!

Zugegeben:
Subsidarität ist ein Fremdwort. Und doch gibt es für diejenigen, die der Fremdworte nicht mächtig sind, klare und verständliche Übersetzungen: "Soweit geeignete Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen von anerkannten Trägern der freien Jugendhilfe betrieben werden oder rechtzeitig geschaffen werden können, soll die öffentliche Jugendhilfe von eigenen Maßnahmen absehen." Daraus folgt, daß keine öffentlichen Einrichtungen geschaffen werden dürfen, wenn der festgestellte Bedarf durch Einrichtungen freier Träger bereits gedeckt ist.
Genau solch einen Bedarf (nämlich Information und Aufklärung zum Thema Kinder drogenabhängiger Eltern) hat IGLU über 10 Jahre abgedeckt. Jetzt formiert das Amt für Jugend ein Suchtpräventionszentrum (SPZ) und erklärt, daß unsere Tätigkeit überflüssig geworden ist. Man ist sich im Amt auch nicht zu blöde zuzugeben' daß die KollegInnen dort sich in der Materie Kinder drogenabhängiger Eltern nicht auskennen. Damit das SPZ Fortbildungen zu diesem Thema anbieten kann bittet das Amt uns, sie für ihre Arbeit fit zu machen. Finanziert wird das Ganze dann mit der bei uns gestrichenen Kohle (siehe oben).
Das ist abgezockt. Da kann manch einer aus einer anderen Branche sich noch eine Scheibe von abschneiden.

Zugegeben:
wenn die Drogenbeauftragte der Hansestadt im Sommer 2001 gestützt auf eine 'Basisdatendokumentation' feststellt, daß die Kinder drogenabhängiger Eltern eine 'Herausforderung' darstellen und daß für sie Angebote geschaffen werden müssen (44% der weiblichen und 33% der männlichen Drogenkonsumenten haben Kinder), könnten wir uns drüber ärgern, weil wir das schon seit Jahren predigen und in unseren Sachberichten fordern.
Haben wir aber nicht! Wir - ganz schlicht gestrickt - dachten: jetzt (endlich) passiert mal was. Denkste! Weil diejenige, die den Handlungsbedarf feststellt, im Drogenreferat angestellt ist, für Kinder aber das Amt für Jugend zuständig ist, verhallt ihr Ruf ungehört in der Weite des Raumes.
Da wünscht man sich doch wirklich mehr Marktwirtschaft: dort würde solches Handeln dankenswerter Weise die Pleite nach sich ziehen.

Zugegeben:
wenn Frau Brinckmann von der SPD Bürgerschaftsfraktion öffentlich bekundet, daß man die Kinder drogenabhängiger Eltern in den letzten 10 Jahren stiefmütterlich behandelt hat, dann könnte man ihr einen ausgesprochen gesunden Schlaf bescheinigen. Tun wir aber nicht! Weil es an der Sache vorbeigeht. Das Projekt hatte schon zu seiner Gründung damit zu tun, daß es von Behördenseite eigentlich nicht gewollt war. Aber die Leute rennen uns die Tür ein - und das ist nicht geheim. Und sie rennen uns die Tür ein, weil sie vor dem 'öffentlichen Hilfesystem' einen Heidenschiß haben. Und Schiß haben sie, weil sie genau spüren, mit welch intensiver Abneigung man ihnen trotz aller Rechtsansprüche entgegentritt.
So herum wird ein Schuh draus: wer das (und andere Schwachstellen des Hilfesystems) thematisiert, der darf - auch von Frau Brinckmann zu seligen rot-grün Zeiten - nur mit Backenfutter rechnen. Und so kann es nur als Zynismus begriffen werden, wenn bei der SPD die 'neue Nachdenklichkeit' entdeckt wird.

Jens Pries, Koordinator Projekt IGLU

 

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