Wissen Macht Mut

Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen

Hausarbeit
Im Fach Grundlagen und Konzepte der Sozialen Arbeit
Des Fachbereichs Sozialpädagogik
Der Fachhochschule Hamburg


Vorgelegt von:

Denise Desmarowitz

Leiter des Seminars: Dr. Richard Sorg
Semester: Wintersemester 2000/ 2001

Was ist sexueller Missbrauch?

Versuch einer Definition

Sexueller Missbrauch ist in erster Linie eine sexuelle Form des Machtmissbrauchs, d.h. es geht dem Täter nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um Macht.
Sexueller Missbrauch beginnt bei Grenzverletzungen mit sexueller Absicht eines Er-wachsenen (oder Jugendlichen), z.B. ständiges Eindringen in die Intimsphäre, anzügliche Blicke oder Redensarten mit sexuellem Inhalt. Diese im ersten Moment harmlos wirkenden Dinge fallen aber genauso unter Missbrauch wie das Zeigen und Anfertigen von Pornofilmen oder der jahrelang erzwungene Geschlechtsverkehr. Dabei ist immer entscheidend, was das Kind empfindet. D.h. dort, wo Grenzen und "Nein-sagen" nicht beachtet wurden und das Kind sich sexuell ausgebeutet fühlt (auch, wenn es das nicht so formuliert), hat auch Missbrauch stattgefunden.
Es besteht grundsätzlich ein Machtgefälle zwischen Täter und Opfer, das durch Wissen, emotionale oder strukturelle Abhängigkeit gekennzeichnet ist. Diese Abhängigkeit, Liebe und Vertrauen des Kindes werden vom Täter ausgenutzt und ausgebeutet. Gleichzeitig beinhaltet das vorhandene Machtgefälle auch, dass ein Kind NIEMALS ein willentliches Einverständnis zu sexuellem Handeln geben kann, da es weder die kognitive noch die soziale Reife hat, die Folgen zu überblicken. Die Verantwortung für die Tat liegt also alleine und ausschliesslich beim Täter, niemals beim Opfer!
Sexueller Missbrauch ist meistens eine Wiederholungstat, da der grösste Teil der Täter aus dem nahen sozialen Umfeld stammt. Die Tat ist geplant und bewusst herbei geführt, damit der Täter seine eigenen Bedürfnisse durch sexuelle Handlungen befriedigen kann. Er/ Sie missbraucht die eigene Macht und Autorität um seinen Willen durchzusetzen, evtl. auch körperliche Gewalt, und zwingt das Kind zur Geheimhaltung.

Von verschiedenen Autoren/ innen wurden noch andere Aspekte mit aufgenommen, so z.B. der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer oder ähnliches. Aus diesem Grunde gibt es keine allgemein gültige Definition.

Das Ausmaß von sexuellem Missbrauch

Opfer

.Nach verschiedenen Untersuchungen ist in Deutschland ca. jedes 3. bis 4. Mädchen und
ca. jeder 9. bis 12. Junge von sexuellem Missbrauch (einmalig wie auch langjährig) betroffen.
Die Zahlen können nur geschätzt werden, da der grösste Teil der Taten nie zur Anzeige gebracht wird, die Dunkelziffer ist also extrem hoch. Es handelt sich um Kinder jeder Altersstufe, vom Säugling bis zur Volljährigkeit, bei Frauen setzt sich die Angst fort, auch als Erwachsene vergewaltigt zu werden.
Dazu kommt, dass juristisch nicht alles als sexueller Missbrauch gilt, was in der Definition aufgezählt wurde, und somit auch nicht in der Statistik der Polizei auftaucht.

Täter

Täter sind zu 90 % Männer, 10 % sind Frauen. Über den Missbrauch durch Frauen gibt es bislang kaum Bekanntes, aber dieser Bereich kann und darf nicht vernachlässigt werden, denn die Opfer leiden trotzdem.
Die Täter finden sich überwiegend im sozialen Nahumfeld der Kinder:

22 % kommen aus der Familie des Kindes (Vater, Onkel, Stiefvater, Bruder, ...)
28 % sind Fremdtäter, davon 9 % Exhibitionisten
50 % kommen aus dem Umfeld des Kindes (Nachbarn, Lehrer, Trainer, Freunde der
Familie, Gruppenleiter, ...)
(Die Zahlen sind aus: "Fass mich nicht an", Hrsg. Violetta e.V., S.6)

Daraus lässt sich schliessen, das ca. ¾ der Täter dem Opfer vorher bekannt waren. Viele Täter missbrauchen innerhalb und ausserhalb der Familie und mehr als nur ein Kind. Oft beginnen sie schon in jungen Jahren mit dem Missbrauch:

40 % sind unter 18 Jahren
50 % sind 19 bis 50 Jahre
10 % sind über 50 Jahre
(Die Zahlen sind aus: "Fass mich nicht an", Hrsg. Violetta e.V., S.6)

Die Täter können aus allen sozialen Schichten stammen und scheinen nach aussen hin meistens eher angepasst und unauffällig.

Die Situation der Opfer

Der Missbrauch durch Täter aus dem nahen Umfeld des Opfers hat meist eine ganz bestimmte, eigene Dynamik. Im Gegensatz zum Missbrauch durch Fremdtäter ist er normalerweise keine einmalige Tat.
Der Täter baut Vertrauen auf, gleichzeitig schafft er die Isolation des Opfers in der Familie, Klasse, Freundeskreis, z.B. durch Bevorzugung, so das andere neidisch werden.
Er sucht SituaAnimation2tionen, in denen er mit dem Opfer alleine ist.

Es geschehen scheinbar zufällige Grenzüberschreitungen, Berührungen, z.B. beim Sport, Toben im Badezimmer. Manchmal wird das Geschehen vom Täter als Spiel bezeichnet. Das Kind wird zur Geheimhaltung gezwungen, z.B. durch Aufmerksamkeiten oder Drohungen: "Du kommst ins Heim, wenn Du jemanden was erzählst", "Dein Haustier stirbt", Deine Mutter wird krank/ stirbt vor Kummer", ... Oft reicht auch nur die Verwirrung des Kindes, indem der Täter versichert, das Geschehene wäre völlig normal und gehöre sich so.
Dadurch bekommt das Kind Schulgefühle, meint, sich nicht genug gewehrt zu haben und hat Angst, dass ihm nicht geglaubt wird. Es weiss nicht mehr, ob es dem Täter oder den eigenen Gefühlen glauben soll. Der Täter nutzt dieses aus und steigert die Häufigkeit und Intensität der Handlungen.

 

Je länger der Missbrauch dauert, desto stärker wird die innere Zerrissenheit des Kindes. Es erfährt eine Demütigung zum Sexualobjekt und verliert auch das letzte bisschen Selbstachtung. Dies kann dazu führen, dass die später erwachsenen Menschen in ähnliche Abhängigkeitsverhältnisse gelangen (Frau - gewalttätiger Ehemann, etc.), denn sie haben gelernt, nicht auf ihre eigenen Gefühle zu achten und sich bedingungslos zu unterwerfen. Die Fähigkeit Grenzen zu setzen, ist nicht mehr vorhanden.
Trotz allem Zwang, das Geheimnis zu wahren, senden viele betroffene Kinder Signale aus, in der Hoffnung, jemand würde sie bemerken. Diese können sehr widersprüchlich sein, ebenso, wie die Widersprüche, die das Kind empfindet.
Beispiele aus einer Auflistung nach Enders (entnommen aus: Koch, Kruck: "Ich werd´s trotzdem weitersagen!", S.26 f.)

  • Körperlich: Verletzungen im Genitalbereich
    Blutergüsse
    Geschlechtskrankheiten
    Schwangerschaft
  • Psychosomatisch: Schlafstörungen
    Sprach-, Konzentrationsstörungen
    Essstörungen (Magersucht, Bulimie)
    Hauterkrankungen, Allergien, Asthma, Kopfschmerzen
    Bauchschmerzen, Unterleibsbeschwerden
    Ohnmachtsanfälle
    Bettnässen
    Multiple Persönlichkeiten
  • Emotionale Reaktionen: Angstzustände
    Geringes Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein
    Scham-, Schuldgefühle
    Zweifel an der eigenen Wahrnehmung
    Überangepasstes/ Distanzloses Verhalten
    Aggressives Verhalten
    Zwanghaftes Verhalten (Waschzwang, etc.)
    Depressionen
    Autoaggressive Handlungen (Schnibbeln, Suizidversuche)
    Drogensucht
    Ohnmächtiges Verhalten/ Machtstreben
    Verschlossenheit, extremes Misstrauen
    Weglaufen
    usw., usw.
  • All diese Signale können, müssen aber keinesfalls auf sexuellen Missbrauch hinweisen. Sie deuten aber auf Probleme hin, denen man Beachtung schenken sollte, auch wenn es kein Missbrauch ist.
    Zu dem sollte man sich vor Augen halten, dass all dies Zeichen des Widerstandes sind. Das Kind versucht mit der Sprache, die ihm geblieben ist, auf seine Probleme aufmerksam zu machen und Hilfe zu holen. Von sexuellem Missbrauch betroffene Kinder entwickeln letztendlich also unheimlich viel Kraft und ihre ganz eigenen Strategien um überhaupt überleben zu können. Sie sind also nicht in erster Linie Opfer, sondern Menschen mit ganz besonderen Stärken und Fähigkeiten.

Was ist Prävention?

Das Wort "präventiv" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt: vorbeugend, abwehrend, zuvorkommend. Ursprünglich wurde der Begriff der Prävention in der Medizin verwendet und ist unterteilt in primäre Prävention (d.h. Krankheiten vorbeugen) und sekundäre Prävention (d.h. Krankheiten möglichst früh erkennen, damit sie besser behandelbar sind).
Im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch ist dieser Begriff ein wenig anders zu verstehen, denn Missbrauch ist keine Krankheit, die man mit Tabletten heilen kann. Aber auch hier lassen sich verschiedene Ebenen unterscheiden:

  • · Primäre Prävention: Sie hat das Verhindern von sexueller Ausbeutung zum Ziel. Es geht also darum, Kinder durch Aufklärung und Information zu helfen, sich selbst zu schützen. Aber auch Tätertherapieprogramme zur Verhinderung neuer Missbrauchsfälle gehören dazu, ebenso, wie der Versuch gesellschaftliche Strukturen so zu ändern, dass Missbrauch unmöglich wird.
  • · Sekundäre Prävention: Sie ist gleichzusetzen mit der Intervention, denn unter den Begriff "sekundäre Prävention" fallen das möglichst frühzeitige Erkennen und Beenden akuter Missbrauchssituationen, sowie das Aufdecken von Missbrauchsgeschehen, die länger zurück liegen.
  • · Tertiäre Prävention: bedeutet das Aufarbeiten des Erlebten, z.B. durch eine Therapiebehandlung, um Folgeschäden zu vermindern. Der Begriff der tertiären Prävention ist gleichzusetzen mit Rehabilitation.
    (Unterteilung übernommen aus: Koch, Kruck: "Ich werd´s trotzdem weitersagen!", S.33)
  • Streng genommen ist nur die primäre Prävention wirklich vorbeugend im Sinne des Wortes "präventiv", aber die drei Ebenen sind nicht klar von einander zu trennen. Denn sieht man sich die oben genannten Zahlen an, muss man davon ausgehen, dass bei jedem Präventionsprojekt auch Kinder anwesend sind, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Insofern ist es unverantwortlich, sich nicht damit zu beschäftigen, wie man mit der Aufdeckung eines Missbrauchs umgeht.
    Wenn man eine Atmosphäre schafft, die Offenheit für das Thema signalisiert, ist es gut möglich, dass betroffene Kinder sich dazu entschliessen, ihr schlechtes Geheimnis jemandem zu erzählen. Als verantwortungsbewusster Sozialarbeiter sollte man dann in der Lage sein, kompetent und sensibel darauf einzugehen und das Kind evtl. an entsprechende Stellen weiter zu vermitteln.
    Durchschnittlich muss ein betroffenes Kind neun Mal verschiedene Menschen um Hilfe bitten, bis es jemand findet, der ihm glaubt!

Ansätze zur Opferprävention

Traditionelle Ansätze oder "Wer hat Angst vorm bösen Mann?"

Das charakterisierende an den früheren Präventionsansätzen waren die ausdrücklichen Verhaltensregeln: "Geh nicht alleine weg!", "Nimm nie Süssigkeiten von Fremden an!", "Lass dich nicht von Fremden ansprechen!", "Zieh dich anständig an!", usw.
Dadurch wird aber nicht vor eventuellen Gefahren aufgeklärt, sondern es entsteht eher Angst bei den Kindern. Auch die übermittelte Information, nämlich "Missbrauch geschieht durch Fremde", ist nicht korrekt, denn der überwiegende Teil des Missbrauchs passiert nicht durch Fremde, sondern durch dem Kind bekannte Personen. Daraus wiederum folgt, dass Kinder, die innerfamiliären Missbrauch ausgesetzt sind, zusätzlich verunsichert werden und die Schuld dann noch eher bei sich selbst suchen. Das Thema "Missbrauch durch Bekannte" wird zum Tabu und verstärkt die eh schon grosse Sprachlosigkeit und das Nicht-Aussprechen-Können der Kinder.
Die sekundäre und tertiäre Prävention wird bei den frühen Ansätzen nicht mit einbezogen, d.h. ein betroffenes Kind bekommt keine Handlungsmöglichkeiten vermittelt oder Informationen darüber, wo es Hilfe kriegen kann.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Abhängigkeit zu den Eltern verstärkt wird, denn die Eltern werden ausschliesslich als "gut" beschrieben. Sie wissen alleine, was das Richtige fürs Kind ist.
Zudem werden die Gefühle und Selbstbestimmung des Kindes vernachlässigt, die Kinder werden zum Gehorsam erzogen, unabhängig davon, was sie fühlen oder selber wollen. Die liegt aber auch z.T. an der geschlechtsspezifischen Erziehung: Mädchen (also der grössere Teil der Betroffenen) müssen brav und angepasst sein, dürfen ihren eigenen Willen nicht durchsetzen und sollen Rücksicht auf andere nehmen. Aus diesen Gründen werden Mädchen eher zum Opfer als Jungen.
Aber unabhängig vom Geschlecht machen es "brave" Kinder dem Täter leichter, da diese Kinder es gewohnt sind, Erwachsenen ohne Widerspruch zu gehorchen.

Trotz allen Kritikpunkten an diesen Präventionsansätzen, es ist immer positiv zu bewerten, das Menschen sich überhaupt Gedanken zu so einem Thema machen, das mit Vorliebe totgeschwiegen wird. Wichtig ist jedoch, das die Gedanken mit wachsender Erfahrung auch weiter entwickelt werden, denn diese Form der Präventionsarbeit hat sich als nicht wirksam genug erwiesen.

Die Weiterentwicklung der Präventionsarbeit oder "Mein Körper gehört mir!"

Mitte der 80er Jahre wurde durch die Frauenbewegung das Thema sexueller Missbrauch durch Verwandte und bekannte Personen zunehmend in die Öffentlichkeit gerückt. Es entstanden Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die betroffenen Frauen gingen mit ihrem Schicksal an die Menschheit. Ein herausragendes Beispiel dafür ist eine Demonstration in den USA (leider ist mir kein genaueres Datum bekannt), wo Tausende von Frauen auf die Strasse gingen und sich als Überlebende outeten.


Durch dieses neue Selbstbewusstsein entstanden neue Präventionsleitsätze, die sich in sechs Punkte zusammen fassen lassen. Dabei gilt: "Vorrangiges Ziel ist es nicht, Angst zu erzeugen, sondern die Kinder zu stärken, indem sie lernen, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen." (Aus: Koch, Kruck: "Ich werd´s trotzdem weitersagen!", S. 43)

1. Jedes Kind hat das Recht, über seinen eigenen Körper zu bestimmen und auch darüber, wer ihn wie anfasst.

 

2. Jedes Kind soll wissen, dass es gute, schlechte und komische Gefühle haben kann und darf. Es soll lernen, dazwischen zu unterscheiden.
 

3. Kinder sollen lernen, sich auf ihre eigenen Gefühle und Wahrnehmungen zu verlassen, auch wenn andere (z.B. Erwachsene) ihnen das Gegenteil erzählen.
 

4. Kinder sollen den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen erkennen können und wissen, dass schlechte Geheimnisse immer weitergesagt werden dürfen.
 

5. Jedes Kind hat das Recht "NEIN" zu sagen, wenn ihm etwas nicht gefällt, auch und gerade gegenüber Erwachsenen.
 

6. Jedes Kind hat das Recht darüber Bescheid zu wissen, bei wem es ein offenes Ohr und Unterstützung findet, wenn es ein schlechtes Geheimnis hat.
 

Diese Grundsätze haben das Ziel, die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu fördern, denn je mehr Kinder ihren eigenen Gefühlen und Empfindungen trauen, desto weniger leicht sind sie zu manipulieren. Zum anderen bekommen sie konkrete Handlungsmöglichkeiten vermittelt und sollen lernen, diese anzuwenden.
Ausserdem vermittelt dieser Präventionsansatz nicht von vorn herein ein negatives Verhältnis zur Sexualität und zum eigenen Körper, wie frühere Ansätze. Er schafft vielmehr den Raum, offen zu reden, was gerade bei Jugendlichen in der Pubertät bzw. Vor-Pubertät unheimlich wichtig ist.

Zu jedem der sechs Punkte gibt es kleine Spieleinheiten, die -leicht abgewandelt- in jedem Alter eingesetzt werden können. Eine ausführliche Sammlung ist im Buch "Ich sag NEIN!" von Gisela Braun zu finden, auf das ich hier verweisen möchte.
Daneben gibt es viele Kinder- und Jugendbücher, die sich einfühlsam und mehr oder weniger direkt mit der Thematik des Missbrauchs, aber auch mit Gefühlen und Selbstbewusstsein beschäftigen. Ein geringer Teil davon ist in der Literaturliste zu finden.

An dieser Stelle möchte ich auch auf verschiedene Theaterstücke hinweisen, die einen schönen Einstieg in die Thematik ermöglichen, wie z.B. "Das Familienalbum" vom Fundus Theater Hamburg oder "Mein-Körper-gehört-mir!", dass von der Hamburger Beratungsstelle Dunkelziffer getragen wird.

Auch wenn die neueren Ansätze der Prävention durchaus positiv sind, heisst das noch lange nicht, dass sie ohne weiteres, jederzeit und von jedem eingesetzt werden können.
Menschen, die Präventionsarbeit mit diesen Grundsätzen durchführen wollen, sollten in der Lage sein, offen über Sexualität und Gefühle reden zu können und ihr Verhalten zu reflektieren. Zum anderen sollten sie zunächst sich selbst genügend Informationen zur Thematik beschaffen und wissen, wo sie sich evtl. Unterstützung holen können, damit ein betroffenes Kind eben nicht neun Mal um Hilfe rufen muss, sondern schneller jemanden findet.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, darauf zu achten, dass betroffene Kinder eben nicht "Nein" sagen konnten bzw. nicht darauf gehört wurde. Diese Kinder werden denken, dass sie zu schwach oder unfähig sind, wenn ihnen immer erzählt wird, dass sie sich wehren können. Sie werden somit nur noch stärker in ihre Selbstzweifel und Schuldgefühle getrieben. Es ist also unheimlich wichtig, immer und immer wieder zu betonen, dass die Schuld NIE beim Opfer liegt, sondern immer beim Täter, denn Kinder sind nun einmal nicht so stark wie Erwachsene. Ausserdem haben sie ein essentielles Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung, ohne das sie gar nicht überleben könnten und haben somit auch nicht die Verantwortung dafür, wenn jemand dieses ausnutzt. Zu den oben genannten sechs Punkten gehört also eigentlich noch ein siebter:

7. Jedes Kind sollte wissen, dass es keinerlei Schuld an Missbrauch hat, egal ob es sich gewehrt hat oder nicht.
 

Die Wirksamkeit dieses Ansatzes lässt sich nicht einfach überprüfen, bislang gibt es noch keine Studien darüber, da noch keiner verwertbare Methoden zum Messen entdeckt hat. Wie soll man auch überprüfen, wie Kinder in vermeintlichen Gefahrensituationen reagieren. Allerdings sehe ich es als grundsätzlich positiv an, wenn Kinder lernen, ihren eigenen Gefühlen zu trauen, sich eigene Gedanken zu machen und diese zu vertreten. Dafür nehme ich persönlich auch in Kauf, dass ich viele Sachen mehr erklären und vielleicht auch mehr ausdiskutieren muss, da die Kinder einfach mehr nachfragen und verstehen wollen.

Täterprävention

In diesem Kapitel bezieht sich der Begriff "Täter" immer auf männliche Täter, da über Frauen als Täter kaum Literatur oder Information vorhanden ist.
Viele Täter beginnen in jugendlichem Alter mit ihren Taten , und da sexueller Missbrauch meist eine Wiederholungstat ist, machen sie weiter, bis sie daran gehindert werden. Leider gibt es auch über diesen Bereich der Prävention wenig Informationen, ebenso wenig, wie es spezialisierte Hilfsangebote für Täter gibt, obwohl eine gut funktionierende Täterprävention die einzige Möglichkeit ist, dass sexuelle Gewalt erst gar nicht ausgeübt wird. Viele Jugendliche fallen durch sexuell übergriffiges Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht auf. Dann ist es Aufgabe der Erwachsenen, darauf angemessen zu reagieren und nicht stillschweigend darüber hinwegzusehen oder es als vorübergehendes pubertäres Verhalten abzutun, denn allzu oft ist dies der Einstieg in eine lang andauernde Täterkarriere.

Zunächst einmal soll hier das Vorurteil widerlegt werden, dass alle Täter in ihrer Kindheit auch sexuell missbraucht worden sind. Das mag sicherlich auf einen Teil zutreffen, aber wenn es allein danach gehen würde, dass alle Missbrauchsopfer zu Tätern werden, müsste es definitiv mehr weibliche als männliche Täter geben.
An der University of California wurden von Neil Malamuth u.a. Untersuchungen zu den Ursachen von sexueller Gewalt durchgeführt, allerdings nicht speziell bezogen auf den sexuellen Missbrauch von Kindern. Dies soll hier kurz erläutert werden, denn sinnvolle Prävention muss bei den Ursachen ansetzen.
Malamuth entwickelte ein Modell in dem es zunächst um zwei Risikofaktoren geht:

A. feindselige Männlichkeit
B. unpersönliche Sicht von Sexualität

A. beschreibt ein soziales Verhalten, dass von hohem Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber Frauen gekennzeichnet ist. In sexuellen Beziehungen werden Kontrolle und Dominanz als Möglichkeit gesehen, das Misstrauen zu befriedigen. Zur "feindseligen Männlichkeit" kann es aus unterschiedlichen Gründen kommen, z.B. durch "hypermaskuline Bilder und frauenfeindliche Einstellungen unserer Kultur, die über das Elternhaus, die Gleichaltrigengruppe oder Medien an die Jungen herangetragen werden." (Aus: "Die leg´ ich flach!", Hrsg. Amyna e.V., S. 34) Aber auch fehlende männliche Bezugspersonen scheinen eine grosse Rolle zu spielen. Ausserdem erfahren gerade Jungen, die sowieso schon aggressiv auffallen, besonders viel Ablehnung und Misstrauen. Dies kann dann möglicherweise vom Jungen während des Heranwachsens auch auf andere Bereiche, z.B. Beziehungen zu Mädchen, übertragen werden.

B. bedeutet, dass Sexualität von Beziehungen und Emotionalität getrennt betrachtet wird. Gerade pubertierende Jungen beschäftigen sich meistens (im Gegensatz zu Mädchen) zunächst mit der körperlichen Seite der Sexualität, erst später trauen sie sich an die damit verbundenen Gefühle heran. Wird die emotionale Sicht der Sexualität aussen vor gelassen, ist es möglich, dass Frauen und Mädchen nur als Objekt der Befriedigung gesehen werden. Dies wiederum kann zu Konflikten in der Beziehung führen, die von den Jungen/ Männern mit Zwang gelöst werden, was erneute Zurückweisung ermöglicht.


Ein dritter, entscheidender Faktor ist die fehlende Empathie der Täter. So sorgt nach Malamuth eine hohe zwischenmenschliche Empathie letztendlich dafür, dass Menschen mit hohen Werten auf beiden Risikofaktoren trotzdem keine sexuelle Gewalt ausüben. Die Fähigkeit zum Mitgefühl entsteht u.a. aus dem respektvollen Umgang der Eltern mit den Grenzen des Kindes und auch in der Ermutigung des Kindes, wenn es versucht die Gefühle anderer nachzuvollziehen.
Aus diesen drei Faktoren, feindselige Männlichkeit, unpersönliche Sicht von Sexualität und fehlende Empathie, entsteht laut Neil Malamuth sexualisierte Gewalt.

Für die Täterprävention lassen sich daraus natürlich auch Handlungsmöglichkeiten ableiten, wobei es ganz wichtig ist, dass Täterprävention unter keinen Umständen eine Stigmatisierung oder Vorverurteilung sein soll. Sie soll vielmehr den Jungen helfen, ihre eigene Identität zu finden und soll sie in ihrer Entwicklung fördern. Die sozialen Erfahrungen von Jungen sollen bereichert werden, z.B. in Jungengruppen, der Stellenwert von Gewalt zwischen Jungen, aber auch in anderen Beziehungen sollte thematisiert werden. Letztendlich sollte auch hier wieder bei der geschlechtsspezifischen Erziehung angesetzt werden, denn es geht darum, den Jungen zu vermitteln, dass "männlich-sein" nicht bedeutet Macht auszuüben, stark und aggressiv zu sein, sondern dass auch Männer Gefühle haben und zeigen dürfen, schwach und hilflos sein dürfen. Wer selber Gefühle zeigen kann, respektiert auch eher die Gefühle anderer.

Es gibt auch bei der Täterprävention drei Ebenen:

· Primäre Prävention: soll verhindern, dass jemand überhaupt grenzverletzend wird.
· Sekundäre Prävention: soll aktuell ausgeübte Gewalt frühzeitig beenden
· Tertiäre Prävention: ist Rückfallprävention im klassischen Sinne als Teil einer Therapie. Sie soll eine Chronifizierung verhindern.
(Unterteilung übernommen aus: "Die leg´ ich flach!", Hrsg. Amyna e.V., S. 112)

Auch hier lassen sich ähnlich wie bei der Opferprävention die drei Ebenen nicht klar voneinander trennen.

Wie schon oben aufgezeigt, gibt es aber bislang noch keine ausgearbeiteten Konzepte einer wirkungsvollen Täterprävention. Was die primäre Prävention angeht sind mittlerweile einige Handlungsmöglichkeiten bekannt, aber für die sekundäre und tertiäre Täterprävention ist noch nicht mal das vorhanden, ebenso wenig gibt es empirische Untersuchungen über die Wirksamkeit von Tätertherapieprogrammen o.ä.

Das Aufdecken von sexueller Gewalt, die Unterbindung derselben und der Umgang mit dem Täter (sekundäre Prävention) ist nach wie vor dem Ermessen des Pädagogen/ Sozialarbeiter überlassen. Bei vielen herrscht hier jedoch die "Strategie der Hilflosigkeit" und eine so grosse Unsicherheit, dass es dringend notwendig wäre, sich intensiv damit auseinander zu setzen, wie man es verhindert, dass aus jugendlichen "Einmal"-Tätern keine Wiederholungstäter werden.

Fazit

Abschliessend lässt sich feststellen, dass wirkungsvolle Prävention immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzten muss:

  • · Bei den (potentiell) Betroffenen, also den Jungen und Mädchen jedes Alters
  • · Bei uns selbst als Bezugspersonen von Jungen und Mädchen
  • · Bei Tätern/ innen und zukünftigen Täter/ innen
  • · Bei den gesellschaftlichen Strukturen, die sexuellen Missbrauch erst möglich machen

  • Dabei ist mit gleichzeitig nicht gemeint, dass ein und die selbe Person mit Opfern, Tätern, Eltern, Kindern, Institutionen, etc. gleichzeitig arbeiten soll, sondern es müssen unterschiedliche Einrichtungen entstehen, die auf ihrem Gebiet kompetent und eigen-verantwortlich (!) arbeiten können. Beispielsweise gibt es im Hamburger Osten genau eine Beratungsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs, allerdings erst für Mädchen und junge Frauen ab 14 Jahren. Was macht man aber, wenn man Mädchen kennt, die erst 9, 10 oder 11 Jahre alt sind und auch von Missbrauch betroffen sind? Soll man diese Kinder dann ans andere Ende der Stadt schicken, damit sie Unterstützung und Hilfe erhalten, die sie dringend brauchen, die man ihnen aber als "normaler" Sozialarbeiter nicht geben kann? Und was ist mit betroffenen Jungen? Oder auch mit jugendlichen Tätern, die einem evtl. bekannt sind?
    Es ist also noch viel zu tun, um auf dem Bereich des Missbrauchs und der Prävention ein sinnvolles Netzwerk aufzubauen.

Davon abgesehen ist Präventionsarbeit immer noch viel zu sehr auf Einrichtungen und Institutionen beschränkt. Einzelne Schulen, Kitas oder Jugendeinrichtungen führen Präventionsprojekte durch, aber noch lange nicht genug.
Meiner Meinung nach muss Prävention in den alltäglichen Umgang mit Kindern einfliessen, jeden Tag und überall, ob zu Hause oder in der Schule, denn eigentlich ist eine Erziehung zum eigenen Denken der beste Schutz. Leider teilen nicht besonders viele Menschen diese Meinung, denn Kinder mit eigenen Ideen, Gedanken und einem gesunden Selbstbewusstsein sind schliesslich nicht immer nur pflegeleicht. Sie fragen nach und fordern Erklärungen und Antworten, die manchmal auch für uns Erwachsene nicht einfach zu finden sind. Nicht zuletzt wird auch das "Nein" eines Kindes immer noch zu oft als ungehorsam verstanden.
Kinder haben das Recht auf eine eigene Meinung, auf "Nein-sagen" und darauf, das niemand ihre Seele verletzt, indem er sich an ihrem Körper vergreift!
Es wird noch lange dauern, bis diese Einstellung sich wirklich verbreitet und nicht nur von Pädagogen, sondern auch von Eltern akzeptiert wird. Solange sind aber gerade die Menschen gefordert, die sich schon mit der Thematik auseinander gesetzt haben, sie weiter zu vermitteln.
Jedes Kind, dass sexuell missbraucht wird, ist eines zu viel; jedes Präventionsprojekt, dass einen Missbrauch verhindert, hat seinen Sinn erfüllt!