Schließung: Schon die Ankündigung wirkt zerstörerisch

Schließung: Schon die Ankündigung wirkt zerstörerisch

Die Behörde entscheidet über Kürzungen und Streichungen von Zuwendungsgeldern. Nach welchen Kriterien? Wie kann ein Verständnis von Demokratie in einer Gesellschaft bestehen bleiben, in der grundlegende Strukturen diskussionslos gesetzt werden? Mit dem aktuellen Vorgehen des Senates, Kürzungen und Streichungen von Zuwendungsgeldern im sozialen Hilfesystem vorzunehmen ohne dieses Handeln unter fachlichen Gesichtspunkten zu begründen und ohne die fachlich versierten Mitarbeiter der freien Träger in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, wird deutlich, wie schwierig die Kommunikation und Koordination zwischen der Behörde und den Einrichtungen ist. Es wird anscheinend kein Wert auf Transparenz gelegt. Vielmehr wird das "zu frühe Durchsickern von Informationen" von denen, die die Entscheidung zu vertreten haben, als bedrohlich erlebt. Diese Abwehrhaltung lässt die Entscheidungskriterien willkürlich und wenig durchdacht erscheinen.

Die Klienten, die im SUBway betreut werden, entsprechen in vieler Hinsicht nicht dem Durchschnitt von Drogenabhängigen. Die konzeptuelle Ausrichtung auf gewaltbereite, strukturablehnende und psychotische Klienten beschreibt eine besonders hilfsbedürftige Zielgruppe. Die dort betreuten Menschen sind unter anderem deutlich älter, häufiger obdachlos, weniger in die Gesellschaft integriert und leiden zumeist unter gravierenden körperlichen und psychischen Krankheiten. Im Laufe ihrer jahrelangen Drogenabhängigkeit haben sie oft sämtliche Bezüge zur "Normalgesellschaft" verloren. Die häufig riskanten Konsummuster bilden eine selbstzerstörerische Grundhaltung ab, die sich bei verstärkter Bedrohung und Verfolgung auch gegen andere richten kann. Derart im Abseits, entsteht leicht eine erhöhte Gewaltbereitschaft. Verständlich wird dies, wenn man berücksichtigt, dass viele der Betroffenen Sozialisationserfahrungen haben, die durch schwere psychische und physische Misshandlungen geprägt sind. Gewalt wurde als angemessene Form der Kommunikation, Auseinandersetzung und Konfliktlösung erfahren. Willkürliche und unberechenbare Lebensbedingungen führen dazu, dass Gesellschaftsregeln nicht erlernt werden und dass die Umwelt als bedrohlich und ablehnend erlebt wird. Dies bedingt dann eine niedrige Gewaltschwelle, da es angemessen erscheint, sich gegenüber Bedrohungen sofort und rigoros zu wehren, um sich durchzusetzen und um zu überleben. Verstärkt wird diese Tendenz noch durch eine deutlich herabgesetzte Frustrationstoleranz. Sie führt aber ebensooft zu Rückzugsstrategien, z.B. zum Ausblenden von Sachlagen oder zu situationsunangemessenen Reaktionen. Behördenbriefe werden nicht mehr geöffnet, Termine nicht mehr zur Kenntnis genommen usw. Das daraus entstehende Chaos führt bei vielen Klienten zu einer resignativen Haltung. Irgendwann scheint es sich nicht mehr zu lohnen, noch etwas zu unternehmen, um Dinge in Ordnung zu bringen. Wartezeiten werden als unangemessen erlebt. Wenn sich doch eh nichts erreichen lässt, wozu denn noch warten? Es kommt leicht zum Empfinden von Willkür, wenn die gesellschaftlichen Regeln nicht verstanden werden. Um dieses Klientel zu erreichen, braucht das Drogenhilfesystem niedrigschwellige Angebote. Stabile Strukturen, die Orientierung und ein Gefühl von Sicherheit ermöglichen, sind unerlässlich.

Die Mitarbeiter des Drogenhilfesystems sind es, die einen Teil der Vermittlung zwischen der Gesellschaft und den Abhängigen übernehmen. Drogenarbeit erfordert neben der Akzeptanz dieser anderslebenden Menschen sowohl Fachkenntnisse als auch ein erhöhtes Maß an Einsatzbereitschaft.. Es ist erforderlich, die Maßstäbe der verschiedenen Gruppierungen zu kennen und zu verstehen. Die erst dann mögliche Auseinandersetzung mit den Ursachen der Ausgrenzung ist ein wichtiger Faktor in der Entwicklung unserer Gesellschaft. Unerlässlich für diese schwierige Arbeit ist eine Planungssicherheit und ein steter Austausch zwischen dem Klientel, dem Hilfesystem, der Behörde und der Politik. Erst der Dialog ermöglicht eine verantwortungsvolle Steuerung von Maßnahmen und damit eine effektive Drogenpolitik.

Das aktuelle Vorgehen der Behörde führt demgegenüber dazu, dass die Mitarbeiter das ohnehin belastende Arbeitsfeld als unsicher erleben. Der zunehmende Druck führt nicht selten zu einer beruflichen Umorientierung oder zu vermehrten Erkrankungen. Im Verhältnis zu den Klienten kommt es zu Beziehungsunterbrechungen und -abbrüchen. Eine tiefe Verunsicherung führt zur Destabilisierung von therapeutischen Prozessen und zu extremen Belastungen. Die negative Grundstimmung in der Einrichtung kann so in den Vordergrund treten, dass bestehende Entwicklungsprozesse behindert oder zerstört werden. Für die bleibenden Mitarbeiter bedeutet dies Veränderung (bis hin zum Zerfall) bestehender Strukturen. Ein großer Teil der Arbeitszeit und Energie der Mitarbeiter muss darüberhinaus für den Erhalt der Einrichtung verwandt werden und wird dem Klientel von der ohnehin knapp bemessenen Betreuungskapazität abgezogen. Die Klienten erleben sich als vernachlässigt, als "nicht so wichtig", fühlen sich abgelehnt. Es entsteht ein Teufelskreis, der nicht selten zur Eskalation führt.

Der an Brandrohdung erinnernde soziale Kahlschlag führt durch die dazu, dass sich punktuelle Veränderungen im gesamten Hilfesystem bemerkbar machen. Das soziale Hilfesystem hat sich im Laufe von Jahrzehnten entwickelt, es ist schneller zerstört als wiederaufgebaut. Das Fachwissen und die erarbeiteten Kompetenzen drücken sich in den verschiedenen Konzepten der Einrichtungen aus. Sie verdeutlichen die Spezialausrichtungen, die notwendig sind, um auf die vielfältige Hilfsbedürftigkeit der Menschen zu reagieren, die die Anforderungen dieser Gesellschaft nicht erfüllen können oder die dem System nicht entsprechen. Die Hilfen zur Reintegration dieser Menschen oder zumindest die Minderung des Elends kann als Maßstab des demokratischen und sozialen Verhaltens einer Gesellschaft angesehen werden. Die Abkehr von der sozialen Verantwortung - und damit das Versperren eines potentiellen Zugangs zur Gesellschaft - ist ebenso unmenschlich wie gefährlich. Eine weiter verstärkte Kluft zu sozialen Randgruppen wird unweigerlich zu verstärkten Übergriffen, Feindbildern und Aggressionen führen.

SUBway

 

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