MBB

Enes Savic hat im Jahre 1996 zusammen mit weitern engagierten Sportlern, und zusammen mit dem damaligen Mitarbeiter des Streetlife e.V. Norbert Koberg, unser Projekt Midnight Basketball aufgebaut. Das Projekt wird nach wie vor von Enes Savic begleitet und betreut, und ist ein im Stadtteil Hohenhorst mballetablierter fester Bestandteil der interkulturellen Jugendsozialarbeit.

Unsere Sportveranstaltung findet jeden Freitag von 22.00h bis 02.00h in der großen Turnhalle Kielkoppelstraße 16 statt.

StraSo-Rahlstedt, Herbst 2003

Enes Savic
Hausarbeit zum Integrierten Sozialpraktikum
Fachbereich Erziehungswissenschaft,
Sommersemester 2003

Gewaltprävention durch Sport zur Verhinderung von Jugendkriminalität in sozialen Brennpunkten -
dargestellt am Beispiel des Projektes "Midnight-Basketball" in Hamburg - Rahlstedt

Einleitung

In der folgenden Hausarbeit "Gewaltprävention durch Sport zur Verhinderung von Jugendkriminalität in sozialen Brennpunkten - dargestellt am Beispiel des Projektes ´Midnight-Basketball´ in Hamburg - Rahlstedt " geht es hauptsächlich um die Sozialisationsfunktionen des Sports und die Möglichkeiten die Sport hat, zunehmender Gewalt vorzubeugen. Daneben gehe ich auf die heutige Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen ein, insbesondere derer in so genannten sozialen Brennpunkten. Schließlich stelle ich das Projekt "Midnight-Basketball" vor, in dem das sozialpädagogische Sportmodell als präventive Maßnahme zur Bekämpfung der Jugendkriminalität umgesetzt wird. In dieser Arbeit soll ein Bild vermittelt werden, ob und inwieweit solch ein Sportprojekt als pädagogische und politische Maßnahme zur Gewaltprävention dient.


Hauptteil
Begriffsbestimmungen und Beschreibungen

Kindheit
Das Verständnis für Begriffe, wie Besitz und Eigentum, sind nicht angeboren, sondern derartige Wertvorstellungen müssen erst allmählich durch Erziehung und Sozialisation vermittelt und erlernt werden. Erst im Verlauf der Kindheit sorgen die Intelligenz und die auf deren Grundlage erlernten Regeln für Kontrollinstanzen und ein Verständnis für Werte, Normen und Moral, damit der Besitztrieb nicht die Oberhand behält. Vorbildfunktion in dieser frühen Phase erfüllen zuallererst die Eltern, allen voran die Mutter, die als wichtigste Bezugsperson gilt. Gewissensbildung, Kommunikation, soziale Interaktion, der Erkundungstrieb und die Orientierung an Vorbildern bilden das Fundament für das entstehende Sozialverhalten des Kindes. Die Beeinflussung von anderen Personen nimmt stärker zu und das Kind erlernt auch sehr schnell, negative und falsche Handlungen und Vorstellungen. Eine ungenügende, fehlerhafte und diffuse Erziehung führt zu einer geringen und instabilen Sozialbasis, was zur Folge hat, dass das Kind auf der Suche nach Halt und sozialer Verankerung ist, und somit leicht für kriminelle Aktivitäten zu gewinnen und im Sinne der Gleichaltrigengruppe (Peer Group) zu beeinflussen ist.

Jugend
Jugendliche bewegen sich vielfach in "Phasenkulturen", um möglicherweise hier Abgrenzungs- und Protestgefühle ausleben zu können. Dort finden sie altersgemäße Anerkennung unter Gleichaltrigen, die ihnen eventuell in Familie, Schule oder allgemein in der Gesellschaft nicht zuteil wird. Diese, auch als "Jugendkultnischen" bezeichneten, Gruppierungen bieten für die Jugendlichen eine gemeinsame Identität, ein "Wir-Gefühl", Solidarität, Akzeptanz und Verantwortung. Ein weiteres Merkmal dieser Jugendkultur besteht oft darin, den 'Kick' zu suchen und gefährliche Handlungen zu vollziehen, um ihre Extremität, Extravaganz und Tollkühnheit unter Beweis zu stellen. So sind aggressive Freizeitaktivitäten entstanden, die z. T. lebensgefährlich sind. Erst aufgrund von Alterungs- und Reifeprozessen etablieren sich feste Partnerschaften und berufliches Entwicklungs- und Weiterbildungsstreben von Jugendlichen und Heranwachsenden. Aufgrund dessen verbreitet sich allmählich die Akzeptanz zur Übernahme von Verantwortung in Beruf und Familie und Handlungsformen, die der bürgerlichen Werteordnung und Moral entsprechen. Je klarer ein Lebensziel definiert und erreichbar erscheint, desto weniger besteht die Neigung, sich in extreme Phasenkulturen zu begeben. Die Herauslösung und das selbstständige Auflösen von "Peer-Groups" gestalten sich extrem schwierig, da soziale Bindungen zerstört werden und meist kein geeigneter Ersatz zu bekommen ist. Aussteiger aus straff organisierten Gruppen, wie sie im kriminellen Milieu die Regel sind, werden häufig bedroht, erpresst und schwer sanktioniert, einhergehend mit einer sozialen Ächtung. Gemäß dieser Feststellung sollte sich Sozialarbeit vornehmlich dem Individuum zuwenden und nicht der kriminell gefährdeten Gruppe, da diese damit nur in ihrer Intention und Struktur bestätigt und stabilisiert wird.

Gewalt
Gewalt zu definieren gestaltet sich problematisch, da es kulturell und gesellschaftlich keine einhellige Meinung gibt, welche konkreten Verhaltensformen darunter zu subsummieren sind. Wenn man nur den strafrechtlichen Gewaltbegriff zu Rate nimmt, so umschreibt § 240 StGB folgendes: "Gewalt im Sinne der Nötigung ist die durch körperliche Kraftentfaltung bei einem anderen herbeigeführte körperliche oder als solche empfundene Zwangseinwirkung, die geeignet und bestimmt ist, die Freiheit der Willensbildung oder -betätigung aufzuheben oder zu beeinträchtigen. Gewalt in diesem Sinne ist auch der seelische Zwang, der als körperlicher Zwang empfunden wird." Unbestritten hat jugendliche Gewalt in den letzten Jahren qualitativ und quantitativ zugenommen. Besonders besorgniserregend stellt sich die qualitative Zunahme dar, die sich z. B. darin äußert, dass sich ein jugendlicher Straftäter nicht mehr allein damit zufrieden gibt, dem Opfer die Diebesbeute zu entreißen, sondern das hilflose Opfer noch am Boden liegend zusammenzutreten, um seine Übermacht und Stärke zum Ausdruck zu bringen. Für Kinder- und Jugenddelinquenz ist vor allem die Gruppengewalt kennzeichnend, da die Täter oft nicht in der Lage sind, die körperliche Gewalt und die drohende Haltung allein auszuüben. Als kriminelle Maßnahmen, die unter Gruppengewalt fallen, wertet z.B. die Berliner Polizei Raub und räuberische Erpressung, Körperverletzungen jeder Art, Bedrohungen, Sachbeschädigungen und sonstige Begleitdelikte, wie unerlaubter Waffenbesitz. (Vgl. Polizeipräsident, Jugendkriminalität, S. 42-44)

Kriminalität
"Kriminalität im quantitativen Sinne stellt die Summe aller mit Strafe bedrohten Norm- und Gesetzes-Verstöße dar, die von einer bestimmten Gruppe oder in einer festgelegten Region in einem gewissen Zeitraum begangen wurden." (Polizeipräsident, Jugendkriminalität, S. 40)
Nach qualitativen Merkmalen lässt sich Kriminalität etwa in Jugend-, Alters-, Rauschgift- oder organisierter Kriminalität unterteilen.
Für diese Arbeit relevant ist die Jugendkriminalität, die zwei konkrete Ausprägungen zeigt. Zum einen ist die entwicklungsbedingte, vorübergehende kriminelle Episode des Jugendlichen zu unterscheiden von einer dauerhaften, meist psychisch und sozial verwurzelten, kriminellen Lebensweise. Erstere ist oft häufiger Bestandteil der individuellen menschlichen Entwicklung, wobei hier die Prämisse gilt, eine derartige Phase früh zu erkennen und Normverstöße gering zu halten. Diese entwicklungsbedingten Delinquenz trägt auch das Jugendgerichtsgesetz Rechnung und sieht Strafe nicht als Vergeltung, sondern als erforderliche erzieherische Maßnahme, was vor allem in der Strafmilde zum Ausdruck kommt. Man will hier dem jungen Menschen die Möglichkeit zur Einsicht geben und ihn auf den rechten Weg zurückführen. Bei einer Prognose der dauerhaften und bewussten Kriminalität äußern sich Strafmechanismen entschieden rigoroser und vehementer.

Prävention
Der Begriff Prävention wird häufig im Zusammenhang mit Gesundheit oder Strafrecht verwandt. Allgemein sind darunter vorbeugende Maßnahmen zu verstehen, um künftige schädliche Faktoren, Straftaten oder Missstände auszuschalten (primär- präventiv). Es soll gehandelt werden, bevor etwas passiert. Bezogen auf Gewalt, soll also Gewalt verhindert werden, bevor sie entsteht. Daneben gibt es die sekundäre Prävention, die eine frühzeitige Erkennung und Behandlung von Missständen gewährleisten soll. Dieser Ansatz zielt bezüglich der Gewaltprävention vor allem auf Kinder und Jugendliche in den sog. "sozialen Brennpunkten" und dient auch der Integration von ausländischen Kindern und Jugendlichen.



Sozialer Hintergrund von Jugendlichen

Soziale Entstehungsfaktoren
Familie, Schule, Freundeskreis und die spätere Berufswelt beeinflussen Kinder und Jugendliche nachhaltig in ihrer Entwicklung und fördern durch Lernsituationen die soziale Orientierung. Es darf aber keinesfalls der Eindruck entstehen, Kinder wären passive Sozialisationsobjekte, sondern sie vermögen in ihrer Entwicklungsgestaltung aktiv und gegenüber Belastungen sehr unterschiedlich und flexibel zu agieren. Soziale Entstehungsfaktoren von Jugendkriminalität können in allen Lebenssituationen und -bereichen lauern, gegen die sich die erwähnte Zielgruppe durch Problembewältigungsverfahren zur Wehr setzen muss. Da sich die Umwelt und die Situation von Jugendlichen im Laufe der Zeit extrem gewandelt haben, sind neue Probleme entstanden, doch alte Konflikt- und Unsicherheitskomponenten blieben bestehen. Ein Beispiel dafür ist der gestiegene Leistungsdruck, der exzellente Ergebnisse der Schüler fordert. Schon früh wird den Lernenden von Eltern und Lehrern deutlich gemacht, dass sie ohne qualifizierten Schulabschluss im Berufsleben keine Chance haben und scheitern werden. Leistungsmängel werden immer weniger geduldet und akzeptiert, ohne oft nach Gründen des Leistungsdefizits zu fragen. Außerdem sind Kinder und Jugendliche entwicklungsspezifisch eher und häufiger gefordert, auf eigenen Beinen zu stehen und selbst Entscheidungen zu treffen, zu denen manche noch nicht in der Lage sind. So kann Unsicherheit und Stress entstehen, der sich in delinquenten Aktionen entladen kann. Bei der Problemverarbeitung unterscheiden wir zwei Typen von Menschen, nämlich einmal den "Konfliktorientierten Typ" und zweitens die "Rückzugsorientierte Person". Ersterer teilt seiner Umwelt unmissverständlich mit, dass er mit sich oder seiner Umwelt unzufrieden ist. Dies kann auf verschiedene Arten geschehen, z.B. durch auffällige Kleidung, Aussehen oder durch auffälliges kriminelles Verhalten.
(1) Zu dieser Gruppe gehören besonders männliche Personen, da sie Probleme zu verdrängen versuchen und keine Schwächen zeigen wollen. Die Erwartungshaltung der Gleichaltrigengruppe, wie der Gesellschaft ist dahingehend ausgerichtet, dass Männer mit Problemen fertig werden, keine Schwächen und Schmerzen zeigen, psychisch wie physisch stabil sind und wenig "verpönte" Emotionen äußern. Rückzugsorientierte Jugendliche verbergen ihre Probleme nach innen, sie möchten nicht, dass ihre Mitmenschen von ihren Problemen und Belastungen wissen. Auswege werden dann häufig in Drogen, Alkohol und Medikamenten gesucht. Durch gestörte und inakzeptable Problembewältigungsverfahren von Jugendlichen entsteht also sozial geächtetes Verhalten in Form von Kriminalität. Soziale Problemherde existieren zahlreich, z.B. durch eine schlechte sozial-ökonomische Lage der Herkunftsfamilie. Kinder aus armen Verhältnissen, in Plattenbausiedlungen wohnend, mit schlechtem bis nicht vorhandenem Schulabschluss besitzen keine Aussicht auf einen Beruf und somit fehlt eine Zukunftsperspektive. Gesichertes Einkommen versetzt den Jugendlichen in eine ruhige und planbare Lage, die ihn innerlich ermutigt und zu weiteren Leistungen anspornt. Soziale Missstände aber bieten einen günstigen Nährboden für Delinquenz, vor allem wenn diese Kinder- und Jugendlichen Reichtum und Wohlstand der anderen täglich vor Augen haben, und so ist es nicht verwunderlich, dass sich in ihnen die Intention und der Gedanke breit macht, ein Stück des Kuchens abzuschneiden, vor dem Hintergrund eh nichts verlieren zu können.
Als ein weiterer wichtiger Entstehungsgrund ist ganz allgemein der Zustand von instabilen und gestörten Familienbeziehungen zu nennen, der den Heranwachsenden das Gefühl von Sicherheit, persönlicher Wertigkeit und Akzeptanz zu entziehen imstande ist. Die familiäre Atmosphäre und das
soziale Umfeld beeinflussen die Selbstfindung und die individuelle, schulische und berufliche Qualifikation immens, was unter normalen Umständen zum Aufbau eines eigenen Wert- und Normensystems im Sinne eines ethisch-moralischen Bewusstseins führt. (Vgl. Schumann, Karl F., Jugendkriminalität, 1987, S.62-66) Es darf aber ein wichtiger Gesichtspunkt nicht ausgeblendet werden, nämlich, dass Aggressivität, Gewalt und im weiteren Sinne Verbrechen zum einen entwicklungsbedingt, zum anderen aber persönlichkeitsbezogen auftreten kann. Nach Meinung von Adolf Gallwitz zeigen circa 7- 14 % der Kinder und Jugendlichen zeitweise Störungen des Sozialverhaltens, das man als "temporäre Dissozialität" bezeichnet. Gründe dafür sind Kosten - Nutzen- Überlegungen, also der positive Kick, Nutzen, Gewinn, erscheint höher als die Kosten oder der Einsatz oder eine gewisse Rollenunsicherheit bzw. die Diskrepanz zwischen der biologischen Reife und dem sozialen Status. Problematischer erscheint aber die "dauerhafte Dissozialität", die die Persönlichkeit beeinflusst oder schon beeinträchtigt hat. Ursachen können ein feindliches Familienklima, vernachlässigende Eltern, eine negative Grundeinstellung zum Leben / sozialer Umwelt oder zu hohe Aggressivitätstoleranz sein. Zu erwähnen wären noch Bedingungsfaktoren, die Gewaltanwendung und Kriminalität fördern und sich als starke Persönlichkeitsdissonanzen nach außen hin präsentieren, wie exzentrischer Egoismus, fehlende Moral und dem Phänomen eines gesellschaftsübergreifenden Werteverfalls, der einhergeht mit einer kategorischen Ablehnung von Vorbildern, Bindungsinstitutionen und staatlicher Herrschaft.

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Über Internet nach Hurrelmann, Klaus, Lebensphase Jugend, Eine Einführung in die
sozialwissenschaftliche Jugendforschung, 3. Aufl., Weinheim, München, 1994.

Kriminelles Verhalten von Kindern und Jugendlichen ist die Reaktion auf derartige soziale Mängellagen, welches natürlich fatale Auswirkungen auf den weiteren Lebensweg und die Persönlichkeitsentwicklung hat, da die 'Kriminellen' immer mehr in den Teufelskreis der sozialen Ächtung und Isolation hineingeraten. Deshalb erscheint es politisch und sozialpädagogisch notwendig, die Verhütung von Straftaten, also die Prävention, besonders hoch einzuschätzen und dementsprechend zu fördern.

Familienstruktur im Wandel
"Erfahrungen im familiären Kontext sind ein wichtiger Baustein in der Lebens- und Erfahrungswelt von Kindern. Einerseits ist die Familie der Ort, an dem Kinder Liebe, Geborgenheit und Zuwendung erfahren, andererseits ist sie ein bedeutender Lernort, somit also auch grundlegend für eine erfolgreiche Bildungskarriere" (BRÜCKEL 1999, 239). In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich die Familienstruktur erheblich gewandelt, was sich natürlich auch auf die Sozialisation der Kinder und Jugendlichen auswirkt. So hat heute ein Großteil (fast 40%) der Familien nur noch ein Kind. Dadurch kommt es, dass immer weniger Kinder Erfahrungen mit Geschwistern machen können. Daher fehlen wertvolle Spielpartner, mit denen man sich nicht extra verabreden muss, sondern spontan spielen könnte (vgl. BRÜCKEL 1999, 239/240). Hinzu kommt, dass heute beinahe jede dritte Ehe geschieden wird. Die dadurch erlittenen Trennungserfahrungen "...können die Ursache für die reale Angst vieler Kinder sein, geliebte Erwachsene zu verlieren und bedeuten in der Regel Bedrohung oder eine tief greifende Unsicherheit" (BRÜCKEL 1999, 240), was sich natürlich negativ auf die ohnehin schon vorhandene Orientierungslosigkeit vieler Kinder und Jugendlicher auswirkt.
Eine weitere Folge dieser enorm gestiegenen Anzahl von Scheidungen ist, dass Kinder oft nur noch von einem Erwachsenen großgezogen werden. Durch die Doppelbelastung von Beruf und Erziehung kann es zu erheblichen Problemen in der Erziehung und zur Überbeanspruchung des Alleinerziehenden führen, was sich wiederum negativ auf das Kind auswirkt. Außerdem fehlt dem Heranwachsenden eine dauerhafte weibliche oder meist männliche Bezugsperson. Auch dies hat Konsequenzen für die Sozialisation, da ein Vorbild und damit ein mögliches Modell für das entsprechende Rollenverhalten des Kindes nicht vorhanden ist.

Einschränkung des natürlichen Freiraums
"Kinder leben heute in einer zunehmend funktionsgebundenen und spezialisierten räumlichen Umwelt. Große Teile ihres Lebensraumes sind Erwachsenenwelten, Kinder finden immer weniger freie Räume, die im nahen Wohnumfeld vielfältige Nutzungsformen zulassen" (BRÜCKEL 1999, 240). Der Alltag der Kinder wird durch Termine bestimmt, was zur Folge hat, dass "...wichtige Freiräume für ungeplante Tätigkeiten [...] immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden" (BRÜCKEL 1999, 245). Insgesamt kommt es zu einer Verhäuslichung des Kinderalltags, begünstigt auch durch die familiären Veränderungsprozesse und die Tendenz zur Institutionalisierung.

Beeinflussung durch Medien
Medien, wie Fernsehen oder Internet, haben heutzutage einen beachtlichen und manchmal beängstigenden Stellenwert in unser Gesellschaft und Freizeitgestaltung erlangt. Vor allem das Fernsehen greift massiv in den Alltag der Kinder ein, so dass es zu einem zentralen Bezugspunkt geworden ist. Sogar vom "Familienmitglied Fernsehen" ist die Rede, da es an "...zentralen Sozialisationsaufgaben der Familie beteiligt ist: Fernsehen bestimmt die Alltagsorganisation der Kinder, beeinflusst die Gestaltung der Beziehung zwischen Eltern und Kindern und vermittelt Informationen über die außerfamiliäre gesellschaftliche Umwelt" (BRÜCKEL 1999, 241).Durch die zunehmende Mediatisierung der Kindheit nimmt neben den Medien auch der Kinderkonsummarkt Einfluss auf die Entwicklungs- und Lebensbedingungen der Kinder. Kinder werden lediglich als Konsumenten betrachtet, wobei erzieherische durch profitorientierte Motive ersetzt werden. So kommt es, dass Kinder immer mehr konsumieren wollen, dass es "cool" ist, teure Konsumgüter, wie Handys oder Kleidung zu besitzen und damit anzugeben. Schließlich wird diese Konsumhaltung von den Kindern verinnerlicht, was natürlich gerade in ärmeren Familien zu Problemen führen kann. Außerdem bewirkt "der erhöhte Medienkonsum in Verbindung mit den immer geringer werdenden persönlichen Freiräumen "...eine Reduktion der Eigentätigkeit und lässt immer weniger Primärerfahrungen zu" (BRÜCKEL 1999, 245). Also kommt es auch zu einer Einschränkung des Bewegungslebens. Hinzu kommt, dass durch die veränderten Sozialisationsbedingungen und dem Verlust traditioneller Sinngebungsinstanzen, wie z.B. Schule und Familie, Probleme in der Identitätsentwicklung der Heranwachsenden entstehen können. Auf der einen Seite ist es für junge Menschen unerlässlich, selbstständig eine eigene Identität zu entwickeln und zu stabilisieren, auf der anderen Seite sind sie mit dieser Suche nach dem Selbst häufig überfordert, weil dem "...individuellen Freiheitsgewinn gravierende Orientierungsprobleme gegenüberstehen" (BRÜCKEL 1999, 242). Gerade in Zeiten der zunehmenden Ausdifferenzierung und Individualisierung unserer Gesellschaft und dem Wegfall von klaren Vorbildern ist es schwierig sich zurechtzufinden, zu wissen, was man will, wer man ist und seinen eigenen Weg zu gehen. Insgesamt kann die Mediatisierung der Kindheit also negative Auswirkung auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung haben.

Veränderungen in der Jugendphase
Neben den spezifischen Problemen der Heranwachsenden wie "...allmähliche Ablösung von der Herkunftsfamilie, die Verknüpfung von schulischer und beruflicher Karriere, die Aufnahme intimer Zweierbeziehungen, die Veränderung von Körperbildern..." (BECKER in KLEIN (Hg) 1989, 172) und der oben besprochenen Suche nach einer stabilen Identität und dem Erwerb von Kompetenzmustern, müssen sich Jugendliche heute auch mit den oft negativen Folgen des Modernisierungsprozesses und den gegenwärtigen Entwicklungstendenzen in unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Ein Resultat des Modernisierungsprozesses ist eine Verlängerung der Jugendphase. "Einerseits bewirkt die Zunahme der Bedeutsamkeit des Funktionsbereichs "Bildung" eine Erhöhung der Verweildauer in den Bildungskanälen, andererseits führt das geringe Stellenangebot auf dem Arbeitsmarkt gegenüber der Nachfrage bei einem beträchtlichen Teil der Jugendlichen zu Wartezeiten, was einer ungewollten Verlängerung des Jugendstatus gleichkommt" (BECKER in KLEIN (Hg.) 1989, 173). Darüber hinaus haben Jugendliche heute immer mehr Zugang zu gesellschaftlichen Bereichen, die ihnen früher nicht offen standen (z.B. durch Medien). So kommt es, dass die Jugendlichen aus einer Vielzahl von Anregungen, Vorbildern und Material für die eigene Persönlichkeitsentwicklung wählen können. Durch die zunehmende Elektrisierung und Motorisierung wird sowohl die Ausdehnung des Lebensraumes ermöglicht als auch die Möglichkeit zur Teilnahme an gesellschaftlichen Ereignissen vergrößert. Dadurch werden Jugendliche immer früher zu Massenkonsumenten. Durch die Steigerung der Wahlmöglichkeiten und den damit verbundenen unterschiedlichen Wertmustern werden Orientierungs- und Entscheidungsprobleme z.B. zwischen den Attraktionen des Konsums und den Anforderungen der Schule provoziert.


Soziale Brennpunkte
In den sog. sozialen Brennpunkten besitzt der überwiegende Teil der Jugendlichen, wenn überhaupt, "nur" den Hauptschulabschluss. Mit diesem Abschluss ist es heute leider sehr schwierig überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Becker spricht sogar von der Hauptschule als "...Einbahnstraße in die berufliche Chancenlosigkeit" und davon dass Hauptschulabsolventen als "Ungelernte" angesehen werden (BECKER in KLEIN (Hg.) 1989, 175). Neben diesen schlechten Berufsaussichten kommen weitere Belastungen auf die Jugendlichen in den sozialen Brennpunkten zu: "...überdurchschnittlich große Anzahl von Bewohnern in der Nähe des Existenzminimums, überdurchschnittliche Belegdichte der Wohnungen, unterdurchschnittliche Wohnungsqualität, unterdurchschnittliche infrastrukturelle Ausstattung ebenso wie Massierung so genannter "Problemgruppen", Massierung sozial problematischer Verhaltensweisen der Wohnbevölkerung und Massierung ungünstiger Sozialisationsbedingungen ist so hoch, dass nicht nur die Aufnahme in den Arbeitsmarkt ungebührlich erschwert wird, sondern auch der nicht- arbeitsbezogene Biographieverlauf von Jugendlichen dieses städtischen Arealtyps gerade in der kritischen Phase der Identitätsbildung (siehe oben) zusätzlich erheblich belastet ist" (BECKER in KLEIN (Hg.) 1989, 175). Es wird also deutlich, dass gerade Jugendliche in sozialen Brennpunkten mit erheblichen Problemen in der Identitätsfindung und mit der Sozialisation konfrontiert werden. Becker bezeichnet sie als die "wirkliche Verlierer des strukturellen Wandels" (BECKER in KLEIN (Hg.) 1989, 175). So ist es nicht verwunderlich, dass viele Jugendliche versuchen, der Realität durch Drogen zu entfliehen oder ihren Frust durch Ausleben von Gewalt zu bewältigen.



Sport und Sozialisation

Funktionen des Sports
Sozio- emotionale Funktion

Die sozio- emotionalen Funktionen des Sports bestehen darin, dass er einerseits Spannungen, Aggressionen und Konflikte regulieren und beeinflussen kann und andererseits ein Gegengewicht zu Langeweile und Spannungslosigkeit im Alltagsleben bildet. Die Fähigkeit des Sports, Aggressionen abzubauen oder zu kanalisieren, nennt man Katharsis- Funktion. Außerdem kann man im Sport "...extreme Gefühlsbewegungen in einer Form zum Ausdruck bringen, die für das soziale Zusammenleben und die Funktionsfähigkeit wichtiger Daseinsbereiche nicht belastend wirkt" (HEINEMANN 1983, 209). Dies gilt auch für Zuschauer, z.B. durch Identifikation mit dem Gewinner. Auf der anderen Seite kann der Sport auch Aggressionen schüren, da im Sport z. T. aggressives Verhalten erlernt wird, was sich gerade im Fall einer Niederlage auch auf die Zuschauer übertragen kann. Als Kompensationsfunktion bezeichnet man die Möglichkeit des Sports, der Monotonie und emotionalen Verarmung des Alltagslebens durch Neuigkeit, Spannung, Abwechslung und Abenteuer entgegenzuwirken.

Sozialisationsfunktion
Der Sport erfüllt eine Sozialisationsfunktion, das bedeutet er hilft beim Festigen von kulturellen Moral- und Glaubensvorstellungen und beim Entwickeln von persönlichen Charaktermerkmalen. Folgende Thesen zur Sozialisationsleistung von Sport, die bisher aber weder empirisch bestätigt noch widerlegt wurden (Stand 1983), wurden aufgestellt: Sport prägt und festigt die Fähigkeit und Bereitschaft zu sozial- normativem Handeln, da es im Sport eigene Regeln, Rollen, Normen und auch Sanktionen für Regelverletzungen gibt. Somit ist Sport ein "...ideales Experimentierfeld für sozial- normatives Handeln und damit eine wichtige Möglichkeit der Vergesellschaftung des Individuums" (HEINEMANN 1983, 211). Durch das Setzen und Erreichen eigener Normen und Ziele durch persönlichen Einsatz trägt Sport zur Formung der Persönlichkeit und Prägung des Charakters bei. Entscheidend dabei ist auch die Leistungsbereitschaft. Soziale Verhaltensweisen wie Anpassung an die Gruppe, Solidarität, Kooperation, Fairness, Kameradschaft werden im Sport gelernt. Heinemann nennt dies "Sozialität" (HEINEMANN 1983, 212). Sport hat die Funktion, negative Folgeerscheinungen und Mängel einer ungenügenden Sozialisation zu beheben und auszugleichen. Diese Mängel können in der Motorik, oder auch im sozial-affektiven (mangelndes Selbstbewusstsein, hohes Aggressionspotential) Bereich liegen.

Sozial- integrative Funktion
Dadurch, dass der Sport verschiedene Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Nationen vereint und so ein Wir- Bewusstsein und Identifikationsmöglichkeiten schafft, hat er auch eine sozial- integrative Funktion. Hinzu kommt, dass er die sozialen Werte und Normen einer Gesellschaft bewusst macht. Sport ist in der Lage, soziale Distanzen zu verringern und unterschiedliche Individuen in einen Gruppenverband zu integrieren. Dies vergrößert die Möglichkeit, sich mit dem Kollektiv zu identifizieren und sowohl soziale Verhaltensmuster als auch kulturelle Wertvorstellungen einer Gesellschaft zu begreifen und sich dementsprechend zu verhalten.

Sport als Spiegelbild der Gesellschaft
Die Werte und Grundprinzipien einer modernen Gesellschaft entsprechen auch denen des Sports. Der Sport nimmt diese allgemeingültigen, kulturellen Grundprinzipien auf und kann diese im Gegensatz zur Gesellschaft oft auch verwirklichen. So hilft der Sport bei der Persönlichkeitsbildung und als Vermittler kultureller Werte. Darüber hinaus werden solche Werte wie Konkurrenz, Gleichheit, Leistung durch den Sport sichtbar und können im Sport erlebt werden. Ein solches Grundprinzip ist z.B. das Leistungsprinzip, welches ein Legitimationsbegriff ist, "...indem es soziale Ungleichheit aus formaler Gleichheit und individueller Freiheit rechtfertigt" (HEINEMANN 1983, 146). Das bedeutet, dass jeder die gleichen Chancen hat und dass es an einem selber liegt, was man erreicht. Dies kann aber nur gelten, wenn wirkliche und nicht nur formale Chancengleichheit besteht.

Eigenweltcharakter des Sports
Der Eigenweltcharakter ist die expressive Legitimation für den Sport. Sport ist ein Bereich, "... in dem die "normale" Wirklichkeit ausgeblendet [...] und so von den "ernsten" Lebenszielen und den vielfältigen Problemen des Lebens entlastet [sein kann]. "...Sport wird als das "Überflüssige" dargestellt, das von gesellschaftlichen Zwängen, von Problemen, Sorgen und Funktionen frei ist" (HEINEMANN 1983, 147). Obwohl im Sport Prinzipien wie Leistung, Konkurrenz und Gleichheit eine Rolle spielen, besitzt der Sport gegenüber der Arbeitswelt Zweckfreiheit und Weltausgrenzung.


Gewaltpräventionen durch Sport

Präventionsmöglichkeiten
Wichtig ist, dass die Maßnahmen zur Prävention nicht an den Problemen ansetzen, die Kinder und Jugendliche uns machen, sondern an den Problemen, die sie selber haben, also an der Ursache für gewalttätiges Verhalten (vgl. PILZ 1997, 2). Eine Ursache ist z.B. die gestörte Primärsozialisation durch die Familie verbunden mit der Auflösung von Familienstrukturen, Werteverwirrung und -verfall und der Orientierungslosigkeit vieler Jugendlicher (vgl. KNUTH 2000, 44). Heranwachsende sind häufig, gerade in der Schule, geistig über- und körperlich unterfordert. Die zunehmende Passivität und der Mangel an Primärerfahrungen behindert die Suche nach der eigenen Identität. "Der Körper wird schließlich zum einzigen Medium, das direkte Rückschlüsse darüber erlaubt, wo die persönlichen Grenzen liegen" (KNUTH 2000, 45) Diese Passivität kann durch Sport behoben werden, wenn er auch außerhalb der Schule betrieben wird. "Der Sport leistet noch immer die preiswerteste Sozialarbeit in der Gesellschaft. Vereinsmitglieder sind keine Radaubrüder und Extremisten, Sportler werfen keine Brandsätze auf Flüchtlingsheime, sie gehören auch keiner Drogenszene an. Der Sport hat einen hohen Bildungswert, er integriert problemlos Randgruppen der Gesellschaft" (Umbach, Präsident des Landessportverbandes Niedersachsen, zitiert nach PILZ 1997, 7). Oft erweist sich der Sport "...als das einzige Mittel an problematische Kinder heranzukommen, da er die Möglichkeit bietet, Erfolg, Selbstbestätigung, positives Gruppenerlebnis und Anerkennung der eigenen Leistung zu erfahren" (KNUTH 2000, 46). Zur Gewaltprävention durch Sport gibt es zwei Ansätze, nämlich die Primärprävention, die durch Vermittlung sozialer Werte und Normen bereits im Vorfeld verhindern soll, dass Aggression überhaupt entsteht und die Sekundärprävention, die aggressives Verhalten kanalisiert und so eine Reduzierung dieses Verhaltens ermöglichen soll (vgl. KNUTH 2000, 46 und siehe 2.2).

Primäre Präventionen
Sport ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von persönlichen Haltungen und Einstellungen zu denen auch Hilfsbereitschaft, soziales Verhalten und Fairness gehören. Durch die spielerische Anwendung und Umsetzung dieser Werte durch Sport wird soziales Verhalten auf andere gesellschaftliche Bereiche transferiert. Auch im Sport gibt es allgemeingültige und für alle nachvollziehbare Regeln, die das Miteinander bestimmen und erleichtern. Durch Akzeptanz dieser Regeln wird gelernt, Grenzen einzuhalten. Ein weiterer Punkt, zu dem Sport beiträgt, ist die Körpererfahrung. Sowohl die Belastbarkeit des eigenen Körpers als auch dessen Verletzlichkeit wird erfahren. So wird nicht nur ein Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit, sondern auch für die des "gegnerischen" Körpers geschaffen, was ein wesentliches Ziel in der Gewaltprävention ist (vgl. KNUTH 2000, 47). Sport bietet außerdem die "...Möglichkeit, Grundqualifikationen des eigenen Rollenverhaltens zu erwerben... [, da] ...gerade durch Sport die Fähigkeit zur Rollenübernahme und zur Reflexion und Interpretation der eigenen Rolle geschult wird" (KNUTH 2000, 47). Außerdem wird gelernt, Frustrationen zu ertragen und sich selbst darzustellen, was der Herausbildung der eigenen Identität dient.

Sekundäre Präventionen
Im Gegensatz zur Primärprävention, bei der die Vermittlung sozialer Verhaltensweisen kein primäres Ziel des Sporttreibens, sondern eher ein pädagogisches Nebenprodukt ist, geht es bei der Sekundärprävention darum, gezielt aggressives Verhalten abzubauen. Um gewalttätige Jugendliche überhaupt mit Sport zu erreichen, müssen sich die Bewegungsangebote an deren Lebenswelten, Bedürfnissen, Interessen und Lebensstilen orientieren. Nur so kann die Faszination, die von Gewalt ausgeht, kanalisiert werden. Gewalt ist für viele Jugendliche nur darum von Interesse, "... weil sie scheinbar Möglichkeiten schafft, sich selbst und den eigenen Körper zu erfahren und darüber hinaus Aufmerksamkeit und Beachtung, wenn auch in negativer Weise, zu erlangen" (KNUTH 2000, 49). Daher ist gerade die Stärkung der Identität der Heranwachsenden wichtig, damit sie nicht Selbstbestätigung mittels Gewalt suchen. Sport ist dafür hervorragend geeignet, denn er bietet ...Spannung, Abenteuer, Geschwindigkeit, Expressivität und Improvisation, die für die jugendliche Identitätsfindung charakteristisch ist..." (KNUTH 2000, 49). Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss der Sport seine Angebote verstärkt an den Interessen der Jugendlichen orientieren. Leider sind Aktionen wie Straßen- oder Mitternachtssport, die den Freizeitgewohnheiten und Erlebnisinteressen entsprechen, noch die Ausnahme. Dies ist ein Punkt, an dem die meisten Sportvereine noch arbeiten müssen, wenn sie zur Gewaltprävention beitragen wollen.

Sozialpädagogisches Sportmodell
Im Zusammenhang von Sport gegen soziale Probleme findet man häufig die Forderung nach einem "sozialpädagogischen Sportmodell" (vgl. Klein 1989, 43). Dies ist notwendig, um integrative und präventive Maßnahmen sinnvoll zu koordinieren. Dabei ist eine Vernetzung verschiedener Bereiche wie Sportverein, Schule, Eltern, Jugendpflege, Polizei, Politik notwendig. Entscheidend für das Gelingen präventiver Maßnahmen ist weiterhin die Partizipation, also das aktive Mitbestimmen der Kinder und Jugendlichen. Bei dem sozialpädagogischen Sportmodell steht nicht die Leistung im Vordergrund, sondern der "Klient". Offene Angebote, Flexibilität und Freiräume sind weitere Merkmale dieses Modells.

Grenzen von Sport
Sport an sich ist nicht grundsätzlich gewaltfrei. Gerade im Spitzensport gibt es Tendenzen, gezielt Gewalt einzusetzen, um eigene Interessen und sportliche Ziele durchzusetzen. Die Schädigung oder Verletzung wird dabei billigend in Kauf genommen und manchmal sogar beabsichtigt. Dies kann dazu führen, dass Sport sogar aggressionsverstärkend wirkt. Diese Aggressionen können sich auf den gesamten Sport und auch auf die Zuschauer übertragen. Es besteht die Gefahr einer Entartung des Sports (vgl. KNUTH 2000, 53). Damit Sport als Mittel gegen soziale Probleme und zur Unterstützung der Sozialisation eingesetzt werden kann, ist es erforderlich, dass die Idee von Fairness und Friedfertigkeit im Vordergrund steht.

Das Projekt "Midnight-Basketball"
Entstehungsgeschichte
Die Idee Midnight-Basketball stammt aus den USA, wo das Projekt seit Mitte der 80er Jahre ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen Drogen und Jugendkriminalität ist. Untersuchungen hatten dort darauf hingewiesen, dass gerade die Zeit zwischen 22.00 Uhr und 02.00 Uhr die höchste Quote an Straftaten von Jugendlichen aufwies. In den Großstädten sollten für "abhängende" Jugendliche Freizeitmöglichkeiten geschaffen werden, die nichts kosten und somit von Jugendlichen mit wenig Geld genutzt werden können. Sport und insbesondere Basketball / Streetball ist für viele US-Jugendliche attraktiv. Da auch in den USA im Regelfall Sporthallen in den späten Abendstunden nicht genutzt werden, aber viele Jugendliche gerade dann unterwegs sind, entstand die Idee, nachts Basketball in sonst um diese Zeit leer stehenden Sporthallen anzubieten. Mit dem Öffnen der gemeindeeigenen Turnhallen wollte man ein Zeichen setzen und einen für alle offenen und doch betreuten Freiraum schaffen. Die große Beteiligung der Jugendlichen und der statistische Rückgang der Straftaten in den Quartieren verhalfen der Idee in den USA in kürzester Zeit zum Durchbruch.
In Deutschland entstand das erste Midnight-Basketball-Projekt im November 1995 in Köln. Das zweite Projekt startete im August 1996 in Hamburg. Pädagogen aus ganz Europa besuchten die ersten beiden deutschen Projekte, und mittlerweile gibt es Midnight-Basketball in vielen verschiedenen europäischen Ländern.
In Deutschland war diese Angebotsform in der Jugendhilfe zu diesem Zeitpunkt völlig neu. Freitag- oder Samstagnacht wurde es Jugendlichen ab 14 Jahren ermöglicht, mitternachts Basketball zu spielen und somit ihre Freizeit aktiv und mit Spaß zu gestalten. Midnight-Basketball ist mehr als nur ein Sportangebot: Es zeichnet sich durch die Integration eines bestimmten, für viele Jugendliche attraktiven Zeitgeistes aus. Dieser Zeitgeist lässt sich als Orientierung an der " Ghettokultur" schwarzer Amerikaner charakterisieren, die unter anderem von Streetball, Hip-Hop und XXL-Kleidung bestimmt wird.

Konzeptionelle Überlegungen und Zielsetzungen
Von den Jugendeinrichtungen in verschiedenen sozialen Brennpunkten wurde in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme sozialer und persönlicher Probleme bei den Jugendlichen festgestellt. Dazu zählen Schwierigkeiten in Familie uns Schule sowie Perspektivlosigkeit und Arbeitslosigkeit nach Verlassen der Schule. Dieses kann in Verbindung mit Langeweile eine explosive Mischung ergeben. Auf der Grundlage dieser Situation entwickelten Hamburger Pädagogen folgende Überlegungen und Ziele:
· Midnight-Basketball kann eine geeignete Angebotsform sein, auf oben beschriebene Zustände und Entwicklungen zu reagieren.
· Mit dem Projekt wird ein Trend aufgegriffen, der eine große Gruppe Jugendlicher anspricht und sich nicht an einrichtungsgebundene Cliquen richtet.
· Es entsteht ein sport- und sozialpädagogisches Angebot, das ohne finanzielle Überforderung und ohne erhobenen Zeigefinger eine interessante Alternative zur nächtlichen Abenteuersuche darstellt und den heutigen Bedürfnissen nach Freizeitgestaltung entspricht.
· Es wird ein Freizeitangebot in den späten Abendstunden geschaffen, in denen es sonst keine attraktiven Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche gibt.
· Das Projekt wird an einem "neutralen" Ort und nicht in einer Jugendfreizeitstätte durchgeführt.
· Durch sportliche Aktivitäten wie Basketball lernen die Jugendlichen in einer Gruppe zu agieren und zu reagieren.

  • · Die Einhaltung und Akzeptanz von Regeln wird spielerisch vermittelt.
  • · Die Bedeutung von Werten wie "Fairness und Teamfähigkeit" wird in konkreten Situationen erlernt.
  • · Das Angebot fördert die Kommunikation und Verständigung unter Jugendlichen verschiedener Herkunft.
  • · "Positive Körpererfahrung" werden durch den Sport erlebt. Dieses ist von besonderer Bedeutung bei aggressiven und gewaltbereiten Jugendlichen.
  • · Den Jugendlichen werden Erfolgserlebnisse vermittelt, entweder durch gute Einzelleistungen oder als erfolgreiche Mannschaft.
  • · Jugendliche mit Spaß an dem Sport Basketball sollen dazu bewegt werden, diesen Sport im Verein zu betreiben.
  • · Midnight-Basketball als präventive Maßnahme zur Bekämpfung der Jugendkriminalität.
  • Zusammenzufassen sind die Zielsetzungen hauptsächlich mit den Begriffen "Prävention", "Kooperation" und "Räume schaffen".

Ergebnisse
Der bisherige Erfolg des Midnight-Basketballs hat gezeigt, dass projektorientierte und einrichtungsungebundene Jugendarbeit Sinn macht. Sie setzt an den aktuellen Bedürfnissen und Interessen an und reagiert darauf. Es wurde erreicht, dass ein attraktives Angebot der offenen Jugendhilfe welches nicht einrichtungsgebunden ist, geschaffen wurde und dementsprechend genutzt wird. Ziele wie das Erlernen von Fairness und Teamfähigkeit wurden im Projektverlauf ebenso erreicht. Weiterhin ist eine Orientierung mehrer Jugendlicher auf Sportvereine gelungen.
Im Bereich Gewaltprävention zeigen sich enorm wichtige Lernfelder im Midnight-Basketball. Das grundsätzliche Konzept der ´Pick-Up-Games´, also der ständig wechselnden Teamzugehörigkeit, und der Verzicht auf Schiedsrichter, fordert konstruktive Konfliktlösung durch die Teilnehmenden. Das extrem hohe Integrationspotential dieser Abende über den gemeinsamen Sport hat auch außerhalb des Anlasses Wirkung. Von großer Bedeutung sind dabei auch die klaren, nicht ethnisch definierten Vorbilder im Sport Basketball. Der gezielte Einbau von Jugendlichen in die Leitung der Anlässe schafft zusätzlich konkrete Lernfelder. Gerade hier zeigen die ersten Erfahrungen mit schwierigen Jugendlichen ein enormes Potential, Rollenmuster zu durchbrechen, und dabei Verantwortung und konstruktive Lösungsansätze zu trainieren.
Den Weg der Gewaltprävention im Rahmen der Bekämpfung der Jugendkriminalität ist das Projekt Midnight-Basketball anscheinend erfolgreich gegangen. Am Beispiel Hamburg Mitte (Horn) ist festzustellen, dass die kriminalstatistische Entwicklung in den projektbesetzten Gebieten allgemein gegenläufig ist. So stiegen z. B. von 1996 bis 1997 (1. Projektjahr in Hamburg-Horn) die Gewaltdelikte in Ortsbereichen ohne solche präventive Maßnahmen um 19,6%, während sie im benachbarten Stadtteil Horn um 16,5% sanken; 6,3% weniger Sachbeschädigungsdelikte wurden in Horn registriert, in anderen Bereichen sind sie dagegen um 6,7% gestiegen. Es dürfte schwer sein, den Anteil des Projektes an dieser Entwicklung zu belegen. Dennoch ist "…Midnight-Basketball als präventive Maßnahme gegen Gewalt und Jugendkriminalität als wirklicher Erfolg zu werten" (T. Gundlach, Leiter des Polizeikommissariats Billstedt/Hamburg, 1998).

Zusammenfassung
Durch Massenkonsum und Massenmedien kommt es in der heutigen Zeit zu Orientierungsproblemen der Kinder und Jugendlichen. Der zunehmende Leistungsdruck und die hohe Zahl der Alleinerziehenden bewirkt zusätzlich, dass viele Heranwachsende sich insbesondere in sozialen Brennpunkten in Gewalt und Drogen flüchten. Das Erarbeitete verdeutlicht, dass Sport bei der Sozialisation und der Findung der Identität helfen kann. Daneben ist ein Übertragen von Fairness im Sport auf den Alltag möglich. Sport kann der zunehmenden Gewalt vorbeugen und entgegenwirken, wenn eine Vernetzung von Sport und Sozialpädagogik und eine Kooperation verschiedener gesellschaftlicher Bereiche (Polizei, Vereine, Schule, Eltern, Jugendamt) stattfindet. Dieser Ansatz wurde in dem vorgestellten Projekt relativ erfolgreich umgesetzt.
Der bisherige Erfolg des Midnight-Basketballs hat gezeigt, dass projektorientierte, einrichtungsungebundene Jugendarbeit Sinn macht. Sie setzt an den aktuellen Bedürfnissen und Interessen von Jugendlichen an und reagiert darauf. Wenn ein Trend vorbei ist, muss das Projekt modifiziert oder beendet werden. Da Midnight-Basketball kaum Ressourcen bindet, ist dieses auch ohne weiteres möglich. Wollen die Jugendlichen kein Basketball mehr spielen, muss man sich was anderes überlegen. So wurde z. B. aus Midnight-Basketball in Hamburg Rahlstedt nach und nach Mitternachts-Fußball, in Zürich entstand das Projekt ´Midnight-Basketball-and-Dance´ usw.

Das große Problem ist und bleibt aber die Tatsache, dass Zahlen fehlen, die statistisch einwandfrei belegen, dass eine bestimmte Anzahl von Kindern und Jugendlichen von einer möglichen Straftat abgehalten wurde. Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen solchen Nachtsportveranstaltungen und Strafdelikten. Was bleibt sind lediglich Erfahrungsberichte und Mutmaßungen. Dennoch zeigt diese Arbeit ganz klar, dass Sport in seiner Funktion und Wirkung durchaus ein Mittel zur Gewaltprävention darstellt. Meiner Meinung nach sollte aus diesem Grunde die Öffentlichkeitsarbeit verbessert werden, um das Bewusstsein für die Notwendigkeit von primärer Prävention insbesondere durch Sport zu stärken.

"Jeder Dollar, der in Prävention investiert wird, spart sieben Dollar bei Strafverfolgung und Justiz." (Matt Rodriguez, Polizeichef von Chicago, auf einer Tagung des basketbBundeskriminalamtes in Wiesbaden; Hamburger Abendblatt vom 17.12.97).

Literaturverzeichnis
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BRÜCKEL, F.: Die Aufgaben der Schule des Schulsports aus bildungstheoretischer
Sicht. Dissertationsarbeit, Universität Freiburg, 1999.

BENDIT, R.: Kinder- und Jugendkriminalität - Strategien der Prävention und Intervention in Deutschland und den Niederlanden. Leske und Budrich, 2000.

BECKER, P. (Hg.): Sport und Sozialisation. Reinbek, 1982.

HEINEMANN, K.: Einführung in die Soziologie des Sports. Grupe, O. (Hrsg.) 2.überarb. Aufl., Schorndorf, 1983.

JANSSEN, J.-P.; Grundlagen der Sportpsychologie. Wiesbaden, 1995.

KLEIN, M. (Hg.): Sport und soziale Probleme. Reinbek, 1989.

KNUTH, G.: Gewalt in der Schule: Prävention durch Sport- Befragung bei Lehrern,
Referendaren und Studierenden. Magisterarbeit, Kiel, 2000.

LANDESSPORTVEREIN SCHLESWIG- HOLSTEIN: Sport gegen Gewalt, Intoleranz
und Fremdenfeindlichkeit. Universität Kiel, 2000.

PILZ, G.: Zur Bedeutung des Sportunterrichts im Rahmen einer Gewaltprävention.
Unveröffentlichtes Manuskript, Universität Hannover, 1997.

WEIß, O.: Einführung in die Sportsoziologie. Wien, 1999.
Polizeipräsident in Berlin (LKA) (Hrsg.): Vorbeugung und Bekämpfung von Jugendkriminalität, in: Landespolizeischule Mediendienst, Schriften zur Fortbildung Nr.28, Berlin: 2000

JUGENDAMT HAMBURG-MITTE: Zwei Jahre Midnight-Basketball in Horn. Broschüre, Hamburg, 1998


Internetbeiträge folgender Seiten:

http://www.midnight-basketball.ch
http://www.mb-network.ch/MBCH_Konzeptbeispiel_1999.pdf
http://www.suchtprvention.ch
http://www.streetlife.net
http://www.jugendkriminalitaet.de
http://www.kriminalpraevention.de

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