Mädchencamps

Mädchencamps

Anfang der 80er Jahre entwickelten Kolleginnen, die im Hamburger Osten feministische Mädchenarbeit machten und sich regelmäßig zur gegenseitigen Stärkung und zur inhaltlichen Auseinandersetzung trafen, die Idee, daß es sowohl für die Mädchen aus den verschiedenen Einrichtungen als auch für die Frauen eine Bereicherung sein könnte einmal gemeinsam eine Woche lang wegzufahren.

Diese Idee bekam den Arbeitstitel Mädchencamp.

Ziel war es, eine einrichtungsübergreifende Form von Mädchenfreizeit zu entwickeln, die ganzheitlich den Bedürfnissen der Mädchen entsprechen sollte, die politische Arbeit mit Freizeitangeboten verbindet und einen Lebensraum ausschließlich für Mädchen schafft.

Ganzheitlich meint, die Mädchen leben, lernen, arbeiten und spielen gemeinsam in einem Lebensraum. Sie sind nicht nur in Gruppendiskussionen intellektuell gefordert, sondern auch handwerklich, körperlich und emotional. Da das Mädchencamp sich von seiner Konzeption her an Mädchen aus sozial benachteiligten Familien orientiert, kommt in dieser Ganzheitlichkeit jede mit all ihren Fähigkeiten zum Einsatz, ganz egal wo diese liegen.

inhalierenDie Idee wurde damals in die Tat umgesetzt und entpuppte sich als ein solcher Erfolg, daß schon im zweiten Jahr soviele Mädchen unterschiedlichen Alters mitfuhren und das Camp so groß wurde, daß die beteiligten Kolleginnen beschlossen, soweit machbar zwei Camps durchzuführen, um den verschiedenen Altersgruppen und ihren Bedürfnissen besser gerecht werden zu können als auf einer "Massenveranstaltung" von über 50 Personen. In den ersten Jahren wurde dann je ein Camp für 13 - 15jährige und eines für ab 16jährige Mädchen veranstaltet.

Ab Ende der 80er Jahre, als sich das Alter unserer Zielgruppe durch die Anforderungen der Mädchen an unsere Einrichtungen immer mehr verjüngte, boten wir je ein Mädchencamp für 10 - 13jährige Mädchen und eines für 14 - 16jährige Mädchen an. Zu unseren Teams gehörten immer Jugendgruppenleiterinnen, die gleichberechtigt im Team mitarbeiteten und so ist es bis heute.

Mädchencamps heute

Zielgruppe sind Besucherinnen verschiedener Jugendeinrichtungen sozialer Brennpunkte im Kirchenkreis Stormarn und im Bezirk Wandsbek. Die Mädchen sind im Alter zwischen 10 und 13 Jahren, beziehungsweise ab 14 Jahren, und gehören verschiedensten Nationalitäten an. Meist liegt die Teilnehmerinnenzahl bei 25 bis 30 Mädchen pro Mädchencamp. Einige Mädchen kommen aus festen Mädchengruppen, andere aus der offenen Mädchenarbeit und wieder andere aus der offenen Jugendsozialarbeit. Alle Teilnehmerinnen stammen aus Familien, die von Armut und sozialer Benachteiligung betroffen sind.

Teamerinnen des Camps sind Jugendgruppenleiterinnen und Kolleginnen aus der feministischen Mädchenarbeit verschiedener Jugendeinrichtungen.

Sozial benachteiligte Mädchen sind von den üblichen Bildungs-und Kulturangeboten weitestgehend ausgeschlossen, da diese zum einen inhaltlich und methodisch an den Normen der Mittelschicht orientiert sind und zum anderen finanziell in der Regel für sie nicht tragbar sind. Der vielfache Ausschluß sozial benachteiligter Mädchen aus diesen Angeboten und die Tatsache, daß diese Mädchen zwei bis dreifacher Diskriminierung ( Geschlecht, sozialer Status, Nationalität ) ausgesetzt sind, machen ein Angebot zur politischen Bildung für eben diese Mädchen zwingend notwendig.

Die seit 17 Jahren einmal jährlich angebotenen Mädchencamps orientieren sich, sowohl inhaltlich als auch methodisch und strukturell an den Lebenswelten, Bedürfnissen und Möglichkeiten sozial benachteiligter Mädchen.

Hinter der Idee der Mädchencamps verbirgt sich ein ganzheitliches Konzept. Das bedeutet, daß die Mädchen nicht nur intellektuell, sondern auch kreativ, handwerklich, körperlich und emotional gefördert werden sollen. Dabei wird an den Stärken und Kompetenzen der Mädchen angesetzt. Inhaltlicher Schwerpunkt ist das Thema Lebensgefühl und Lebenswelt sozial benachteiligter Mädchen sein.

Es geht darum, das gesamte Spannungsfeld zwischen Liebe, Verhütung, Konsumzwang,
Gewalt, Sucht, Schulproblemen, Arbeitslosigkeit, Leben mit Sozialhilfe und mangelnder positiver Perspektive zu beleuchten und positive Akzente zu setzen.

Die ständig zunehmende materielle und psychische Not, das stetig wachsende Gefühl an den Errungenschaften dieser Gesellschaft nicht adäquat teilhaben zu können gehören zu den prägenden Faktoren des Lebensgefühls dieser Mädchen. Die Lebenssituation der Mädchen ist oft geprägt von Gewalterfahrungen körperlicher, sexueller und seelischer Art, die oftmals von Männern ausgeht.

Sexueller Mißbrauch, Androhung von körperlicher Gewalt und deren Anwendung, Demütigung, Vergewaltigung, Zwang zur Prostitution und vieles mehr gehören zu ihrem Lebensalltag. Drogen aller Art gehören zur Lebensrealität in den "Arbeitervierteln". Entgegen der zunehmenden Individualisierung der Probleme und dem Gefühl, die eigene Lebenssituation mitverschuldet zu haben, soll den Mädchen der Zusammenhang zwischen ihrer konkreten Lebenssituation und patriarchalisch-kapitalistischen Strukturen und der daraus resultierenden Gewalt sichtbar gemacht werden.

Diese Gewalt als strukturelle Gewalt gegen Mädchen / Frauen zu erkennen, kann

  • · zu einem emotional solidarischen Umgang der Mädchen untereinander führen
  • · bislang nicht zugestandenen Gefühlen von Angst, Trauer, Wut und Haß Raum geben
  • · zur Entlastung bezüglich des Gefühles der Selbstverschuldung führen
  • · die Möglichkeit bieten, Strategien der gemeinsamen oder auch individuellen Gegenwehr zu entwickeln
  • · das Gefühl des Alleinseins aufheben.
  • Resignation und damit selbstzerstörerischen Tendenzen, die besonders prägnant bei den Mädchen in den unteren Milieus auftreten, soll damit entgegengewirkt werden. Die Mädchen bestimmen alle Themen, die besprochen werden sollen, selbst.

Auf einer großen Wandzeitung sammeln sie die Themen, die ihnen wichtig sind, und wir versuchen den Rahmen dafür zu schaffen, daß alles, was ihnen wichtig ist, auch im Rahmen dieser 6 - 8 Tage besprochen wird. Die Teilnehmerinnen haben die Möglichkeit, ihre Sorgen und Ängste sowohl innerhalb als auch außerhalb der Arbeitsgruppen anzusprechen, Zusammenhänge zu erkennen und verschiedene Handlungsmöglichkeiten zu erfahren und zu diskutieren.

Die Mädchen arbeiten sehr aktiv in den Arbeitsgruppen mit, indem sie eigene Erfahrungen einbringen, Fragen stellen, sehr genau zuhören und miteinander Handlungsstrategien entwerfen.

Während des Mädchencamps werden alle Themen, mit denen die Mädchen in ihrem Lebensalltag konfrontiert werden, angesprochen und bearbeitet. Je nach Betroffenheit und Entwicklungsstand sowie dem jeweiligen Konzentrationsvermögen der Mädchen werden unterschiedliche Schwerpunktsetzungen vorgenommen.

Hierbei spielt besonders der Bereich Gewalt eine große Rolle.

Auf dem diesjährigen Mädchencamp wurde in der Arbeitsgruppe "Streß" von den Mädchen eine Auflistung ihrer Gewalterfahrungen erstellt. Die Bereiche Gewalt in der Familie, Gewalt in der Schule, Gewalt auf der Straße nahmen einen breiten Raum ein.

Die Mehrheit der Teilnehmerinnen hat in ihrem kurzen Leben bereits massive Erfahrungen mit Gewalt in jeglicher Form machen müssen. Sucht und Prostitution waren Themen von weiteren Arbeitsgruppen, wo innerhalb der Gruppengespräche eigene Betroffenheit und Lebenserfahrung deutlich zum Tragen kamen.

Die Mädchen bildeten darüberhinaus Arbeitsgruppen zu den Themen "Sexualität", "Pubertät", "Verhütung", "Beste Freundin", "Trennung der Eltern", "Rauchen", "Obdachlose", "Gott und Satan". Viele Arbeitsgruppenergebnisse wurden in Form von Wandzeitungen den anderen Teilnehmerinnen präsentiert.

Parallel zur inhaltlichen Arbeit an den Themen wird während der gesamten Woche an der Erstellung des jeweiligen Produktes ( Mädchenkalender, Videofilm, Mädchenbroschüre, Plakate, T-Shirts, etc ) gearbeitet. Dies können Texte, Collagen, Gedichte, Lieder oder Fotos sein.

In diesem Jahr haben sich die Mädchen mit Beiträgen an dieser Broschüre beteiligt. Es werden pro Tag mehrere Workshops angeboten, bei denen die Mädchen die Möglichkeit haben, neue Fertigkeiten zu erwerben und sich ihrer Kompetenzen bewußt zu werden. mikro2

  • Als Workshops wurden beispielsweise in diesem Jahr die Herstellung von Körperölen, ätherischen Ölen, Gipsmasken, Seidenmalerei, Akrobatik, die Herstellung von Schmuck, Henna-Tattoos, Haaretönen mit natürlichen Mitteln, Rastazöpfe-Flechten, Herstellung von Schmuck und Freundschaftsbändern angeboten.
  • Das Abendprogramm bestand aus einem Spiele - und Kennenlernabend, einer Modenshow, einer selbstorganisierten Zirkusvorführung, einer Geburtstagsfeier, einem Lagerfeuerabend, einem Videoabend und einer Disco mit Karaoke-, Miniplaybackshow- und Breakdanceeinlagen.
  • Da wir uns selbst verpflegen, dient gruppenweise ein Teil der freien Zeit zur Vorbereitung der Mahlzeiten. Als Gesamteindruck der Camps läßt sich in den letzten Jahren immer klarer feststellen, daß folgende Erscheinungen, die aus unserer Sicht Folgen von Armut / Verelendung, Gewalterfahrungen und anderen schweren Belastungen sind, besonders deutlich zum Tragen kommen :
  • · Angst zu kurz zu kommen

  • · Verhaltensauffälligkeiten
  • · Analphabetentum
  • · geringes Selbstbewußtsein / Selbstvertrauen
  • · motorische Störungen
  • · psychische Auffälligkeiten
  • · Konzentrationsschwierigkeiten
  • · allgemeine Bildungsdefizite
  • · Bindungsprobleme
  • · gestörtes Eßverhalten
  • · Medikamentenkonsum
  • Die Teilnehmerinnen der Mädchencamps nehmen mehrheitlich alle Angebote sehr gerne und mit Begeisterung an. Die Resonanz ist durchweg positiv. Viele wollen am nächsten Camp wieder teilnehmen und wir Kolleginnen und Jugendgruppenleiterinnen haben oft große Probleme, den Mädchen klarzumachen, daß diejenigen, die noch nie mitgewesen sind, auch eine Chance haben müssen, zumindest einmal so eine Fahrt zu erleben..

Auch bei dem Mädchencamp in diesem Jahr wurde wieder deutlich, daß nur ein sowohl inhaltlich als auch methodisch ganzheitliches Konzept, welches den unterschiedlichen Bedürfnissen, Stärken und Möglichkeiten dieser Zielgruppe Rechnung trägt, die Chance birgt, positive Veränderungen in Gang zu setzen.

Unsere Erfahrungen aus all den Jahren Mädchencamps haben gezeigt, daß die Mehrheit der Mädchen, die jemals an einer solchen Fahrt teilgenommen haben, dermaßen einschneidend intensive positive zwischenmenschliche und bewußtseinsfördernde Erlebnisse hatten, daß sie diese verschwindend kurze Zeit niemals wieder vergessen.

Darüberhinaus sind immer wieder Kontakte und Freundschaften zwischen Mädchen verschiedener Einrichtungen und Stadtteile entstanden, die lange andauerten. Manche Kontakte zwischen Einrichtungen wurden von Mädchen auf die nächsten Mädchengenerationen übertragen.

 

© Streetlife e.V.