Konzeption

Konzeption auf dem Prüfstand

 

Unser erklärtes Ziel ist es einen wertvollen Beitrag zum Jugendhilfeangebot in Krisensituationen für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern besonders in den Vierteln Großlohe, Rahlstedt-Ost und Hohenhorst zu leisten

Oberste Prämisse unseres Projektes ist die Stabilisierung der Jungs und Mädchen, die sich hilfesuchend an uns wenden. Dies setzt voraus, das wir unsere Konzeption ständig kritisch überprüfen an welchen Stellen sie diesem Ziel dient und wo sie eventuell verändert werden muss, weil sie an den Bedürfnissen vorbeigeht.

Ein Ergebnis dieser Überprüfung ist die Erfahrung, das die Aufnahmedauer in den Gästewohnungen flexibel dem Entwicklungsstand, dem Stabilisierungsgrad und der Zielperspektive (Rückkehr ins Elternhaus, Einzug bei Familienmitglied, Einzug in Jugendwohnung, Leben im eigenen Wohnraum mit oder ohne Betreuung) des jeweiligen Mädchen oder Jungen angepasst werden muss.
Hieraus ergibt sich regelmäßig ein emotionaler Spagat für die im Projekt Arbeitenden zwischen der Entscheidung viele Anfragen von Jugendlichen abweisen zu müssen und dem Ziel maximaler Stabilisierung derjenigen, die jeweils gerade in den Gästewohnungen leben.

Die Verankerung im Stadtteil und der Bekanntheitsgrad der Straßensozialarbeit Rahlstedt hatten zur Folge, dass das Modellprojekt vom Start an einen hohen Zulauf hatte. Viele Jugendliche und auch Eltern nehmen zuerst Kontakt zu Streetlife auf bevor sie sich alleine oder in unserer Begleitung an den ASD wenden.
Der in unserer Konzeption festgeschriebene Stadtteilbezug ökonomisiert sehr viele Wege wie Elterngespräche, Unterhaltssicherung, Schulbesuche etc. und erleichtert Informationswege und Krisenintervention erheblich.
Der Erhalt des Freundeskreises und des sozialen Umfeldes birgt den Vorteil, das die Jugendlichen ohne zusätzlichen Kraftaufwand für den Erhalt der sozialen Bezüge sich direkt der Bewältigung ihrer Krise und der eventuell damit verbundenen neuen Lebensplanung widmen können.

 

Im Zentrum unserer Bemühungen steht die Einbeziehung des Umfeldes mit dem Ziel Selbsthilfepotentiale zu entwickeln und zu stärken


Zur Heranführung an ein eigenständiges Leben können wir oft den Freundeskreis mit einbeziehen. Die Jugendlichen aus den Peer-Groups lernen durch unsere Gespräche und Auseinandersetzungen mit den BewohnerInnen der Gästewohnungen um Lebensentwürfe, Regeln, Werte und Normen für ihr eigenes Leben mit und bekommen von uns Tipps und Hilfe, wenn sie dies brauchen.
Das recht hohe Maß an Verbindlichkeit seitens der Jugendlichen, die von uns begleitet werden führen wir insbesondere auf diesen engen Bezug zu ihrem sozialen Umfeld zurück.
Wir haben den Eindruck, das die Stadtteilverankerung auch den Eltern die Hemmschwelle nimmt mit uns zusammenzuarbeiten. Der Träger ist im Stadtteil dafür bekannt allen Menschen in Notlagen zu helfen.
Die in der Zweckbeschreibung verankerte Aufenthaltsdauer in unseren Gästewohnungen von bis zu 8 Wochen hat sich in der Praxis als mehrheitlich unrealistisch erwiesen. Dieser Zeitrahmen ist lediglich realistisch bei Jugendlichen, die aufgrund einer kurzfristigen familiären Krise (oftmals durch pubertäre Ablösung verursacht) unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Hier reichen meist intensive Gespräche mit den betreffenden Jugendlichen und ihren Eltern aus; im einen oder anderen Fall machen einige Tage räumliche Distanz Sinn.
In den meisten Fällen suchen jedoch Jugendliche unsere Hilfe, die seit Monaten oder Jahren in einer familiären Krisensituation leben. Ehescheidung, Partnerwechsel der Mutter, Alkoholismus, körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch spielen hier eine erhebliche Rolle.

 

Im Zentrum unserer Bemühungen steht die Stabilisierung der jungen Menschen und der innerfamiliären Beziehungen


In all diesen Krisensituationen verwenden wir auch gemeinsam mit dem ASD sehr viel Zeit darauf zusammen mit dem/der Jugendlichen in Ruhe und ohne Zeitdruck zu einer tragfähigen Zukunftsperspektive zu kommen, die sowohl Rückkehr in die Familie als auch HZE, eigenen Wohnraum oder Wohngemeinschaft beinhalten kann.
Bei einer notwendigen Unterbringung in einer Jugendwohnung verwenden der ASD Rahlstedt und wir sehr viel Sorgfalt darauf, das dies unter der Voraussetzung eines bestmöglichen Erhaltes des jeweiligen sozialen Umfeldes geschieht. Wir legen nicht Wert auf schnellstmöglichen Übergang in eine Jugendwohnung sondern auf qualitativ an den Bedürfnissen des Jugendlichen orientierte stadtteilnahe Unterbringung. Dies beinhaltet nach unseren Erfahrungen einen Aufenthalt von ca. 4 Monaten.
Die Aufnahmedauer von Jugendlichen, die betreut oder unbetreut in eigenen Wohnraum ziehen, beträgt nach unseren Erfahrungen je nach Zufallslage des Wohnungsmarktes mindestens 4 bis 6 Monate.
In Einzelfällen kam es bei in unseren Gästewohnungen lebenden Jugendlichen zu ständigen Brüchen in der Erarbeitung einer künftigen Lebensperspektive - Elternhaus, Jugendwohnung, eigener Wohnraum -. Dies führte teilweise zu einer noch längeren Aufenthaltsdauer.
Im Alltag unserer Wohnungen haben wir regelmäßig eine Mischung von kurzfristig, mittelfristig und längerfristig dort lebenden jungen Menschen. Dies hat sich bisher meist sehr positiv auf das Klima untereinander ausgewirkt, da mehrheitlich eine zeitweise Stabilität im Gefüge dieser kleinen Sozialräume herrschte und so das "Durchgangslagerfeeling" vermieden werden konnte.

 

Währ

Im Zentrum unserer Bemühungen steht die Schaffung von Startvoraussetzungen zur Teilhabe an Bildung, Ausbildung und Arbeit

end des Aufenthaltes in unseren Gästewohnungen versuchen wir den Schulbesuch zu stabilisieren bzw. nach gründlicher und an den Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen ansetzender Information und Beratung Eckpfeiler für eine künftige schulische/berufliche Perspektive zu entwickeln (Berufsvorbereitungsmaßnahme, Lehre, Arbeit).

Die Unterhaltssicherung der Jugendlichen gestaltet sich oft aufwendig, da zum einen Kindergeld und Unterhaltsleistungen der Eltern nicht ohne Schwierigkeiten fließen zum anderen die Ansprüche der Jugendlichen auf Hilfe zum Lebensunterhalt dem Sozialamt gegenüber massiv durchgesetzt werden müssen.

Der Begleitungsbedarf ist insgesamt immens hoch. Die Angst der Jugendlichen vor Behörden jeder Art ist riesengroß. Bei einigen Behörden reicht die Begleitung durch Freunde nicht aus, da die Jugendlichen den behördeneigenen Sprachcode nicht verstehen beziehungsweise sie (wie auf dem Sozialamt) barsch abgewimmelt werden.

Wir haben festgestellt, das Mädchen es erheblich schwerer haben ihren eigenen Wohnbereich vor zu vielen oder ungern gesehenen Gästen zu schützen als die Jungs. Seit einiger Zeit sind wir im Straso-Team in der Diskussion darüber, ob es konzeptionell sinnhaft ist, in der Mädchen-Gästewohnung wieder Elemente der alten Konzeption der "Straso-Krisenwohnungen" zu verankern. Sprich: Ist es in der heutigen Zeit noch realistisch, das in der Gästewohnung eine Jugendgruppenleiterin lebt, die soviel Stärke hat die anderen Mädchen bei der Durchsetzung von Regeln des Zusammenlebens zu unterstützen?

Gute Erfahrungen haben wir mit flexibel eingesetzter an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientierter Schularbeitenhilfe und Nachhilfe gemacht.
Als weitere sehr brauchbare Instrumente zur Stabilisierung und beruflichen Perspektiventwicklung unserer Jugendlichen haben sich das QUAS-Programm, das ABO-Projekt der AWO und das Projekt "Arbeit sofort" der HAB mit seiner ursprünglichen niedrigschwelligen Konzeption erwiesen.

Die große Masse der Jugendlichen, die wir in unserem Projekt aufgenommen haben, sind Schulaussteiger ("Ein Schüler kann in der Schule versagen, ein Lehrer nie") für die aus unserer Erfahrung das Angebot von BVJ-Klassen im klassischen Sinn mehrheitlich nicht das adäquate ist. Die meisten Mädchen und Jungs müssen erst einmal wieder die Chance haben über einen längeren Zeitraum frühes Aufstehen, verbindliches Erscheinen und konzentriertes Arbeiten neu einzuüben.
Die Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Ausbildungsträgern hat dort wo sie von allen Beteiligten zugelassen wurde gute Erfolge mit sich gebracht.

 

Gästewoh

Der zeitweise Mangel an räumlichen Kapazitäten war dem niedrigschwelligen und flexiblen Arbeitsansatz oftmals kontraproduktiv. Einen Beleg dafür sehen wir darin, das im Sozialraum das Gerücht von Wartelisten entstanden ist.
Den kurzen Zeiträumen, in denen wir ein leerstehendes Zimmer in einer der beiden

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nungen zur Verfügung hatten, stehen für die Mitarbeiterinnen oft unerträglich hohe Anfragen von Jugendlichen während der Zeiten der Vollbelegung gegenüber.
Immer wieder wurden wir entgegen unserem Prinzip zu einem hochschwelligen Projekt, das die dringenden Anfragen von Jugendlichen, dem ASD und anderen Einrichtungen aufgrund von Vollbelegung abschlägig bescheiden musste.
Wir waren mehrfach in der Situation, dass wir in Vollbelegungszeiten 4-5 dringende Anfragen nach Aufnahme im gleichen Zeitraum ablehnen mussten. Selbstverständlich wurde dann versucht in Zusammenarbeit mit dem ASD, in Absprache mit Eltern und befreundeten Familien einen Überbrückungszeitraum zu schaffen. Dies gelang jedoch nur, wenn in absehbarer Zeit die Aussicht auf einen freiwerdenden Platz bestand.

Sollte unser Projekt Bestandteil des Jugendhilfeangebotes werden, wäre mittels sorgfältiger Evaluation der Bedarfslage zu prüfen ob eine weitere Gästewohnung notwendig wäre.

Mit den Anfragen an unser Projekt, die die kurzfristige Aufnahme von 12-15jährigen Mädchen betrafen, hätten wir eine weitere Gästewohnung füllen können. Diese Zielgruppe war von unserem Angebot durch die Personalausstattung, die keine Wahrung der gesetzlichen Bestimmungen gewährleisten konnte, von vorneherein ausgeschlossen.

Im vergangenen Zeitraum beobachteten wir eine steigende Zunahme von Anfragen nach Aufnahme in die Gästewohnungen durch Jugendliche, die aus HZE-Einrichtungen rausgeflogen waren. Oft kamen Anfragen direkt von HZE-Trägern. Die Laufzeit des Projektes ist jedoch zu kurz, aus diesen Beobachtungen schon Schlüsse oder inhaltliche Konsequenzen ziehen zu können.

Regelmäßig ernteten wir in der Kooperation mit HZE-Trägern großes Erstaunen, dass es von unserer Konzeption her keinen Kontaktabbruch unsererseits zu Jugendlichen gibt, die sich hilfesuchend an uns wenden. Hier wurde uns sinnlich deutlich, dass wir uns mit unserer Arbeit genau an der Schnittstelle befinden zwischen offener Jugendsozialarbeit, die niedrigschwellig, stadtteilorientiert und nicht ausgrenzend für jeden jungen Menschen, der ihrer Unterstützung bedarf offen ist und HZE, die fallbezogen und fachleistungsstundenorientiert arbeitet.

Die in der Konzeption angedachte Einbeziehung von Gastfamilien zur kurzfristigen Krisenunterbringung von unter 16-jährigen war bisher nicht institutionalisierbar.
Unsere "Arbeiterfamilien" geraten im ausgehenden Neoliberalismus ökonomisch und dadurch psychisch immer mehr unter Druck. Selbst bisher stabile und hilfsbereite Familien sind aufgrund von Arbeitslosigkeit bzw. ständig massiver werdendem Zugangssteuerungs-Druck des Sozialamtes mittlerweile außerstande, mit uns im Hinblick auf Krisenaufnahme junger Menschen zusammenzuarbeiten.
Bei der vorübergehenden Unterbringung von Jugendlichen, die wir aufgrund von Vollbelegung nicht sofort aufnehmen konnten, haben wir gute Erfahrungen mit der Nachbarschaftshilfe von Familien gemacht. Diese Unterstützung war allerdings leider nur auf die jeweilige Person bezogen und nicht instutionalisierbar. Dank an alle Familien, die bereit waren als Gastfamilien Mädchen oder Jungs so lange bei sich zu Hause aufzunehmen, bis bei uns in den Gästewohnungen ein Zimmer frei wurde.
Wir beabsichtigen das Ziel, Gastfamilien in unser Hilfeangebot zu implementieren, weiter zu verfolgen und verändern von daher nicht die Konzeption. Die Umsetzung setzt jedoch einen Personalschlüssel des Projektes voraus, der die fachliche Begleitung dieser Familien gewährleisten kann und ist darüber hinaus von zusätzlichen finanziellen Ressourcen für deren Unterhaltsaufwand abhängig.

Konzeptionsentwicklung

Aufnahme von alleinerziehenden Müttern mit Kindern


Die von uns bereits in unserem 1. Bericht (vgl. Zwischenbericht vom 20.09.00, S.27) für den akuten Notfall implizierte Aufnahme von Müttern mit Kindern wurde im Berichtszeitraum in 3 Fällen unumgänglich. Zwei Mütter waren nach gescheiterter Partnerschaft mit ihren Kindern aus dem gemeinsamen Haushalt geflohen und konnten weder in einem der Frauenhäuser noch über Pflegen & Wohnen untergebracht werden. Zur Vermeidung einer Fremdunterbringung der Kinder nahmen wir, sobald Plätze in den Gästewohnungen frei wurden, diese Mütter mit ihren Kindern auf. Eine weitere junge Mutter, die während ihrer monatelangen vergeblichen Wohnungssuche in besonders für das Kind prekärer verdeckter Obdachlosigkeit lebte, wurde sobald wieder ein Platz frei wurde aufgenommen.
Wir halten dies nicht für eine zufällige Entwicklung, da seit Anfang 2002 der Markt an billigem Wohnraum derart eng geworden ist und mittlerweile fast alle Wohnungsgeber Belegungssteuerungsmaßnahmen entwickelt haben, die Menschen mit Schulden den Zugang zu Wohnraum enorm erschweren.

Grenzen der Niedrigschwelligkeit


Kapazitätsgrenzen der Gästewohnungen


An uns unliebsame Grenzen stößt die in unserer Konzeption verankerte Niedrigschwelligkeit und schnelle kurzfristige Aufnahme regelmäßig durch die Begrenztheit unserer Gästewohnungen auf insgesamt sechs Plätze (vgl.Abschlußbericht vom 31.05.01, S. 36ff; Sachbericht 2001 vom 25.02.02, S.20). Im Berichtszeitraum standen 19 aufgenommenen jungen Menschen 30 dringende Anfragen nach Aufnahme gegenüber, denen wir nur zu einem Bruchteil nach Wartezeiten von bis zu 2 Monaten gerecht werden konnten. Soweit es das Gefüge im Stadtteil hergibt, versuchen wir gemeinsam mit den jeweiligen Jugendlichen eine von uns begleitete Überbrückung der Wartezeit zu organisieren, doch gelingt dies nicht in jedem Fall.
Hier wäre ernsthaft unter Hinzuziehung einer fachlichen Stellungnahme des ASD Rahlstedt die Ausweitung des Projektes um eine weitere Wohnung beziehungsweise die Installierung eines vergleichbaren Projektes zu prüfen. Voraussetzung wäre allerdings die Bereitstellung weiterer Mittel zur flexiblen familiären Krisenintervention für den Bereich Rahlstedt.

Ausgrenzung drogenkonsumierender/drogenabhängiger Jugendlicher


Als Mensch, der 15 Jahre in Mümmelmannsberg in der offenen Jugendsozialarbeit tätig war und dort den drogenakzeptierenden Ansatz in die Arbeit der Einrichtung eingebracht und implantiert hat, ist es eine bittere Erfahrung, in unseren Wohnungen derzeit rigide ausgrenzend bezüglich Hartdrogenkonsum und Abhängigkeit vorgehen zu müssen.
Bei unserer begrenzten Personalausstattung ist derzeit nichts anderes möglich, ohne die Existenz der Wohnungen auf´s Spiel zu setzen und die jeweils anderen nicht-konsumierenden Jugendlichen unverantwortlich zu überfordern.
Eine fachlich adäquate drogenakzeptierende Arbeit in den Gästewohnungen setzt einen Personalschlüssel voraus, der eine rund-um-die-Uhr-Betreuung gewährleisten kann.

Grenzen unseres Arbeitsansatzes

Neben den seit 1999 erlebten Grenzen unseres Arbeitsansatzes, wie Umzug der Eltern weg aus dem Zuständigkeitsbereich des örtlichen ASD, engstem Kontakt der Jugendlichen zur Zuhälter- oder Hartdrogenszene oder dem Ausländergesetz, stoßen wir seit dem Jahre 2001 an ständig neue Grenzen im Bereich unseres Handwerkszeugs.

Auf die neuen Hindernisse durch die Zugangssteuerung der Sozialämter sind wir im vorangegangenen Bericht (vgl. Sachbericht 2001, S.9) eingegangen.

Hinzugekommen ist, neben der von den Sozialämtern nicht ausreichend berücksichtigten Mietkostensteigerung mit Einführung des Euro, die rigide Belegungspolitik der fusionierten SAGA/GWG, die in der scheinbar grundsätzlichen Ablehnung von Menschen mit SCHUFA-Eintrag gipfelt. Hierbei scheinen mittlerweile keinerlei Unterschiede zwischen beispielsweise Mobilfunk- oder HVV-Schulden und Mietschulden gemacht zu werden. - Ein Kuriosum in einem hochindustrialisierten Land, das selbst auf Pump lebt und kurz davor ist, die EU-Richtlinien nicht einhalten zu können. - Umso unverständlicher für die jungen Menschen, die einen menschenwürdigen Start ins Leben suchen und permanent erleben müssen, dass die insgesamt auf Pump konzipierte Glitzerwelt des Hochkapitalismus im angehenden dritten Jahrtausend sie auf Teufel komm raus nicht teilhaben lassen will und dass für sie andere Maßstäbe gelten als für diejenigen, die aufgrund ihrer familiären Herkunft in die Teilhabe hereingeboren wurden.

Ein weiterer Baustein der zunehmenden Alltagshindernisse in unserer Arbeit ist die im Bezirk immer exzessiver betriebene Ressourcensteuerung im Bereich der stationären Hilfen zur Erziehung. Manchmal erhebt sich für uns die Frage, was in der jeweiligen Familie dem Mädchen oder Jungen noch gravierendes passieren soll. Die Dringlickeitsstufen sind ressourcenbedingt derart hoch gehängt, das viele auf der Strecke bleiben. Die Folge ist, das oftmals Mädels und Jungs, die noch nicht reif genug sind, das Leben im eigenen Wohnraum zu meistern, über Monate in unseren Gästewohnungen bleiben. - Vom Prinzip her eigentlich nicht verkehrt, - der ursprünglichen Konzeptionsausrichtung einer flexiblen familiären Krisenintervention jedoch bei dem begrenzten Platzangebot nicht gerade dienlich.

Nächster Baustein im Abbau unseres Handwerkszeugs zur Stabilisierung und Lebensplanung ist die Beschneidung beziehungsweise Zerstörung von Projekten zur Berufsorientierung/Berufsvorbereitung (z.B. Zahnrad e.V.) und Projekten der überbetrieblichen Ausbildung (z.B. Autonome Jugendwerkstätten ajw) sowie der mittlerweile starr an die Berufsberatung der Arbeitsämter gekoppelte Zugang zu eben solchen Projekten, was aufgrund langer Wartezeiten jegliche sofortige flexible Intervention im Bereich Berufsvorbereitung/Berufsausbildung konterkariert.

Viele der Projekte, die ins Leben gerufen wurden, um Jugendliche auszubilden, die auf dem ersten Ausbildungsmarkt aufgrund eines schlechten oder fehlenden Hauptschulabschlusses keine Chance hatten, sind von Reduzierung oder Einstellung bedroht. Dies ist eine Katastrophe in einer Situation, in der Jugendliche mit mittlerem oder gutem Hauptschulabschluss zunehmend in die Position von auf dem Arbeitsmarkt Benachteiligten abgedrängt werden.

Traditionelle Ausbildungsplätze für Hauptschüler werden fast ausnahmslos nur noch für Realschulabschlussabsolventen ausgeschrieben. Unsere Jugendlichen mit Hauptschulabschluss haben auf dem ersten Ausbildungsmarkt keine Chance mehr.
Als eine Auswirkung der Ergebnisse der PISA-Studie scheinen Handels- und Handwerkskammer endgültig zu der Entscheidung gekommen zu sein, keine Hauptschüler mehr ausbilden zu wollen, anstatt gemeinsam mit dem Amt für Schule Unterrichtspläne zu erarbeiten, die im Ergebnis den Hauptschulabschluss wieder zu einem Abschluss des Handwerks aufwerten (vgl. Bericht der Straßensozialarbeit Rahlstedt 1994, S. ; www.streetlife.net"Schule und Verlierer").

Die Summe der hier aufgezeigten Grenzen unserer Handlungs- und Interventionsfähigkeit - wie auch jede einzelne schon für sich - hat zur Wirkung, dass die Verweildauer der jungen Menschen in unseren Gästewohnungen ständig länger wird, einhergehend mit einem immer mühsameren und langwierigeren Prozess, doch noch den Ansatz einer Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Chancen unseres Arbeitsansatzes

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Arbeit mit ihrer Verbindlichkeit für die, die sich uns anvertrauen oder uns anvertraut werden, mit unserer Akzeptanz gegenüber ihrer jeweiligen Jugendkultur und ihren Überlebensstrategien immens viele Chancen birgt, gemeinsam Wege aus der Krise zu finden. Vertrauen zu schenken und die jungen Menschen mit ihren Erfahrungen und Träumen zu achten sind die eminent wichtigsten Grundpfeiler unserer Arbeit.

Die Stadtteilverankerung der Straßensozialarbeit Rahlstedt sowie die Verankerung beider Gästewohnungen in den jeweiligen Wohnblocks (Beide Wohnungen gehören zur Straßensozialarbeit seit 21 Jahren; in beiden Blocks leben Menschen, die dort genau so lange wohnen.) tragen zur Anerkennung des Projektes bei Eltern, Umfeld und den Jugendlichen selbst bei, so das meist relativ schnell trotz der Krise ein Gefühl von heimatlicher Geborgenheit und relativer Normalität entstehen kann.

Die von uns gewünschte und geförderte Einbeziehung der peergroups trägt sowohl zu diesem Prozess einer neuen Normalität bei zum anderen birgt sie jede Menge Vorteile, wie den Einblick in die jeweilige Jugendszene, die Teilhabe an den Freuden und Sorgen, die Entwicklung von Hilfe zur Selbsthilfe und - es geht uns so leicht kein Mädchen oder Junge verloren; wir wissen meist, wie und wo wir sie oder ihn zu fassen kriegen.

Die Struktur des Straso-Büros erleichtert nicht nur im Vorfeld der Aufnahme in die Gästewohnungen vieles. Es herrscht hier ein Klima, in dem selbst die Ängstlichsten recht schnell die Hemmung verlieren uns aufzusuchen und sich wagen, die vorhandenen Angebote vom heißen Tee über die Nutzung des Telefons für wichtige Ämtergespräche oder Anrufe bei ihrer Familie, Beratungsgespräche, Nutzung des Internets zur Ausbildungsplatz-, Job- oder Wohnungssuche bis hin zur Unterstützung bei der Erstellung von Bewerbungsmappen, anzunehmen.

Nebenbei in dem ganzen Trubel kann man sogar noch von anderen lernen, wie sie die ein oder andere Krise gelernt haben zu überwinden.

Darüber hinaus sind die Mitarbeiter des Streetlife-Teams von so unterschiedlicher Fachkompetenz - vom tiefsten Einblick in die verschiedensten Szenen in den Vierteln, über hohe Fachkompetenz in Fragen des BSHG, tiefgehende Kenntnis der Angebote im Berufsbildungs- und Berufsausbildungsbereich, große Zugangsfähigkeit zu Jugendlichen, klarer frischer Prosa, weitreichende Kontakte in verschiedenartigste Projekte des Hamburger Hilfesystems, nicht müde werdender Bereitschaft zur Kooperation, bis zur sturen Weigerung sich mit nichts einfach abzufinden - .
Alles in allem eine Mischung, die sehr viel kreatives Potential birgt, Problemlösungsstrategien und Zukunftsperspektiven entwickeln zu helfen. Potential auch zur immer neuen Entwicklung von Ideen und Kooperationen zur Verbesserung der Lage der jungen Menschen in unseren Vierteln, dem Klima in dieser Stadt, diesem Land und in Europa trotzend, das immer mehr spürbar macht, das die Menschen, für die wir da sind, am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilhaben können und sollen.

Von der jungen Mutter mit ihrem frischgeborenen Baby, über die etwas reifere am Rest des sozialen Hilfesystems verzweifelnde Mutter mit ihren Kindern im Schulalter, über Jugendliche in verschiedenartigster Not, junge Migranten, die abgeschoben werden sollen, engagierte vor Leben sprühende Jugendgruppenleiterinnen, junge Menschen, die im Dickicht ihres Schulden-Dschungels zu ersticken drohen, junge Väter, die sich verzweifelt bemühen, Kontakt zu ihrem Kind haben zu dürfen, Männer in den Mitvierzigern, die das Scheitern ihrer privaten und beruflichen Träume in die Hände von König Alkohol gelegt haben, Tanten oder Omis, deren Dach über´m Kopf bedroht ist, Lebens- und Überlebens-Künstler, - es gibt sie alle in diesem Büro. Man kann sie hier treffen und - wenn alle Stricke reißen - sich gegenseitig in den Arm nehmen.

Da kommen schon mal so groteske Situationen vor, dass Mütter ankommen, die ihre jeweiligen Kinder einst vorzeitig unsanftestens aus dem Nest geschubst haben und uns distanziert-misstrauisch bis bösartig beäugt haben, weil wir aus ihrer Sicht ihren Gören wohl alles durchgehen ließen. Plötzlich sind sie selbst obdachlos geworden und bitten uns um Rat und Unterstützung.

Bei uns gibt es immer ein Trotz-Alledem.

 

Im Zentrum unserer Bemühungen steht die Verhinderung von Obdachlosigkeit und Straßenkinderdasein

© Streetlife e.V.