Kinder in der Szene

Kinder in der Szene

Das KIDS von BASIS e.V. ist eine niedrigschwellige Kontakt- und Beratungsstelle, die Angebote für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr bereithält, die sich im Stadtteil St. Georg - und hier insbesondere rund um den Hamburger Hauptbahnhof - aufhalten, sich prostituieren, Drogen unterschiedlichster Art einnehmen, betteln oder auf Abenteuer aus sind.
Die Einstellung der MitarbeiterInnen des KIDS lässt sich folgendermaßen skizzieren:
- die Zugangsvoraussetzung zum Projekt muss so niedrig wie nur irgend möglich gehalten werden.
- vor jeder Veränderung steht zunächst das Akzeptieren dessen, was faktisch ist. Wir schauen genau hin, wie sich die Jugendliche verhält, hören genau zu, was der junge Mensch zu erzählen hat. Wir (ver-)urteilen nicht, sondern bieten Unterstützung und Hilfe an.
- Menschen verändern ihre Einstellung und ihr Verhalten nur, wenn sie selbst dazu bereit sind. Sie müssen offen für Gespräche, Ideen und Anregungen sein und ihr Misstrauen ablegen.

Diese Grundhaltung der Niedrigschwelligkeit und Akzeptanz ist Voraussetzung für die Arbeit, denn das KIDS ist für viele Jugendliche oftmals die letzte Auffangstation.

Im KIDS können Jugendliche eine Grundversorgung in Anspruch nehmen, die für die meisten Menschen selbstverständlich ist, für diese jungen Menschen allerdings eine Ausnahme darstellt. Sei es ein Frühstück im Kreise Bekannter, das gemeinsame Abendessen oder die wöchentliche ärztliche Untersuchung, die Möglichkeit, Wäsche zu waschen und selbst zu duschen oder einfach nur, nach zwei durchgemachten Nächten, den Tag im Schlafraum auszuruhen. Immer stehen den Jugendlichen MitarbeiterInnen als Ansprechperson zur Verfügung, ohne sich aufzudrängen. Die Erfahrung zeigt, dass die Jugendlichen meist sehr bald das Gespräch mit den KIDS-MitarbeiterInnen suchen, weil sie ihnen vertrauen und sich akzeptiert fühlen.
Schon diese Gesprächsbereitschaft der Jugendlichen werten wir als Erfolg für unsere Arbeit, denn viele der Jugendlichen haben im Laufe ihres Lebens schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen - auch mit SozialarbeiterInnen - gemacht und reagieren im Normalfall sehr distanziert und reserviert auf sie.
Das KIDS erweist sich nicht nur als ein Ort für die Kontaktaufnahme zwischen Jugendlichen und MitarbeiterInnen; zugleich ist es für die jungen Menschen ein Schutz- und Rückzugsraum. Hier können sie sich erholen vom Stress und der Anspannung am Bahnhof, aber auch Ruhe und Schutz finden.
Neben Beratungsangeboten in einem Bezugssystem und Grundversorgung gehören ein Offener Bereich und Strassensozialarbeit zu den wichtigsten Säulen der Angebotsstruktur des KIDS. An sechs Tagen in der Woche, an Sonn- und Feiertagen, auch Weihnachten und Neujahr, ist das KIDS bis 23 Uhr 30 geöffnet und die KollegInnen gehen dreimal täglich auf die Strasse, um vor Ort Jugendliche aufzusuchen.
380 Jugendliche werden jährlich durch die MitarbeiterInnen des KIDS betreut, einige von ihnen nur sporadisch, andere hingegen wählen das KIDS als ihre zentrale Einrichtung und nehmen die vielfältigen Beratungsangebote der KollegInnen in Anspruch. Auf Grund der weitreichenden Vernetzung und Kooperation des KIDS (mit Übernachtungsseinrichtungen, Drogenprojekten, Entgiftungs- und Therapieeinrichtungen...) wird so ein auf die individuellen Bedürfnisse und persönlichen Möglichkeiten der Jugendlichen abgestimmtes Hilfsangebot initiiert und begleitet.
Darüber hinaus betreibt das KIDS drei spezielle Projekte, die einen besonderen Stellenwert im Angebot unserer Einrichtung haben. "Cash-Works", "Lern-Lust" und "Aus-Zeit" verfolgen das Ziel, den Jugendlichen Alternativen zum Leben am Hauptbahnhof anzubieten.
Das Arbeitsprojekt "Cash-Works" wird seit 1998 durchgeführt und bietet Jugendlichen die Chance, niedrigschwellig und voraussetzungslos Geld zu verdienen und Erfahrungen im Arbeitsprozess zu machen. Dies bedeutet, dass die Jugendlichen nach geleisteter Arbeit den Arbeitslohn am gleichen Tag bar ausgezahlt bekommen.
Wir stellen immer wieder fest, dass die Jugendlichen arbeiten wollen und dazu in der Lage sind, auch wenn ihre schulischen und sozialen Voraussetzungen dies bei oberflächlicher Betrachtung nicht erwarten lassen. Das Angebot "Arbeit" orientiert sich dabei an den speziellen Fähigkeiten und Voraussetzungen der Jugendlichen. Nicht "Abschluß" und "Leistung" stehen im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und Ergebnisse zu erzielen. Sinnvolle Arbeit, pädagogisch begleitet und motivierend unterstützt, macht den Jugendlichen Spaß und erfüllt sie mit Stolz. Sie spüren, daß sie etwas können. Sie sind nicht die Schulschwänzer oder die Faulpelze, als die sie bezeichnet werden, sondern machen positive Erfahrungen.

Mit dem Lernprojekt "Lern-Lust" bietet das KIDS den Jugendlichen eine szenenahe Möglichkeit des Lernens an, die ihre Interessen und Fähigkeiten zum Ausgangspunkt nimmt. Grundlage dessen ist die Beobachtung, daß für Mädchen und Jungen, die sich regelmäßig am Hauptbahnhof aufhalten, die regulären Schulangebote nicht erreichbar scheinen. Für die Arbeit im KIDS hatte das Thema Schule von Beginn an einen hohen Stellenwert, sowohl in der Betrachtung und Bewertung der aktuellen Lebenssituation eines Mädchens oder Jungen als auch für die Planung eines möglichen Ausstiegs aus der Szene.
Ziele des Lernprojektes:
- Jugendliche über das Lernprojekt an einen Schulabschluß heranführen
- Aufbau und Pflege von Kooperationsstrukturen zum Zweck einer leichteren Wiedereingliederung ins Schulsystem
- Das Lernprojekt möchte den Jugendlichen eine szenenahe und niedrigschwellige Möglichkeit des Lernens anbieten
- Der Lernzeitpunkt soll sich dem Lebensrhythmus der Jugendlichen anpassen
- Erfahrungen der Selbstbestätigung/Erfolgserlebnisse sollen ermöglicht werden
- Eine weitere Möglichkeit der "Auszeit" vom Szenealltag soll geschaffen werden
- Fähigkeiten können erkannt und erfahren werden
- Beschäftigung mit einem Thema kann (wieder) gelernt werden
- Spaß am Lernen kann wieder gewonnen werden
- Unterstützung in der Alltagsbewältigung (Formulare ausfüllen etc.)
- Sich im Kontakt mit angehenden Lehrer/innen erwünscht fühlen
- Schrittweise (wieder) an strukturierte Lernprozesse herangeführt werden

Für die Jungen und Mädchen besteht die Möglichkeit, das Lernangebot spontan und einmalig für ein konkretes Anliegen zu nutzen. Gleichzeitig kann das Lernangebot auch für die längerfristige Vorbereitung auf einen Schulabschluß oder für die Suche nach einem geeigneten Schulplatz genutzt werden.


Das Ferienhausprojekt "Aus-Zeit" läuft seit 1997 für mehrere Monate im Jahr (in 2002 erstmals für sechs Monate) im Rahmen der Anmietung eines kleinen Ferienhauses in Bispingen (Südheide). Das Haus bietet Raum für vier bis sechs Personen. Es hat einen kleinen Garten und liegt inmitten eines gut erschlossenen Feriengebietes (Vogelpark Walsrode, Heidepark, Go-Kart-Bahn, Schwimmbad, etc.). Innerhalb einer Stunde ist das Haus mit dem PKW vom Hamburger Zentrum aus zu erreichen.
Das Haus wird sowohl kurzfristig im Fall einer Krisenintervention als auch langfristig für reine Freizeitfahrten genutzt. Ziele sind u.a., Kontakte wieder zu festigen oder zu intensivieren, Gelegenheit zur Gestaltung von Freizeit außerhalb der Szene zu schaffen oder Entgiftungen und Therapien einzuleiten.
Das Projekt wird von den Jugendlichen sehr positiv bewertet. Interessant ist dabei, daß nicht die vermeintlichen Höhepunkte (Heide-Park, Go-Kart etc.) besonders hervorgehoben werden sondern eher Dinge, die oft als selbstverständlich und normal erachtet werden:
? die schöne Natur, die Ruhe, keine Hektik
? die Möglichkeit, in Ruhe und geschützt in einem "richtigen" Bett (aus-)schlafen zu können
? das gute und vielfältige Essen, verwöhnt zu werden
? als Gruppe (z.B. nur Mädchen) mal in Ruhe zusammensein zu können
? in einem anderen Rahmen über Alternativen (Entgiftung, Ausstieg, Schule) nachzudenken oder angeregt zu werden.

Die Angebote des KIDS sind niedrigschwellig gewählt und werden von den meisten Jugendlichen, an die sie gerichtet sind, wahrgenommen und akzeptiert. Für uns ist schon diese Annahme von Beratungsangeboten und Grundversorgung ein Erfolg. Oft ergeben sich hieraus konkrete Unterstützungen, die letztlich zu einer positiven Veränderung bei den Jugendlichen führen, die von einem großen Teil der Bevölkerung längst abgeschrieben wurden.
In welchem Umfang die MitarbeiterInnen des KIDS in Zukunft noch am Hamburger Hauptbahnhof arbeiten werden, ist unklar. Niedrigschwelligkeit wird bereits heute durch Repression ersetzt und bald verpufft Akzeptanz in geschlossenen Heimen.

BASIS e.V.

 

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