Hilfen für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen

Hilfen für drogenabhängige und sich prostituierende Frauen

Hamburg St. Georg, das heißt Großstadtbahnhofsviertel: Wohngebiet, Rotlichtbezirk und Luxushotels, billige Absteigen und Stundenhotels. Beschaffungsprostitution heißt hier: Obdachlosigkeit, Krankheit, starke Verelendung und soziale Isolation. Zugleich bedeutet Straßenprostitution in diesem Quartier, sich der Brutalität, Misshandlungen und Vergewaltigung durch Freier auszusetzen, die Gefahr, aus der Not heraus auf Verlangen der Freier ohne Kondom zu verkehren.

Der Verein ragazza e.V. leistet in diesem schwierigen Milieu seit 1991 niedrigschwellige und akzeptierende Drogenhilfe. Das Team besteht z.Z. aus 1 Geschäftsführerin, 6 Sozialpädagoginnen, 2 Krankenschwestern, einer Verwaltungsfrau, einer Hauswirtschafterin sowie studentischen Hilfskräften.

Ziel der Arbeit ist es, die weitere Verelendung zu stoppen, die Lebensbedingungen der Frauen in der Szene zu verbessern und letztlich auch Wege aus der Sucht zu finden. Wir sehen es als unsere Aufgabe, für die spezielle Gruppe der drogenabhängigen und sich prostituierenden Frauen eine Kontakt- und Anlaufstelle vorzuhalten, die sowohl Ort der Hilfe als auch Schutz- und Ruheraum sein soll. Die Klientinnen ihrerseits erleben hier einen Ort, der nur für sie da ist und den es zu bewahren gilt. Ihnen steht ein breit gefächertes Angebot offen:

Wir sind stolz, den bundesweit ersten Druckraum nur für Frauen zu führen! Hier stehen drei Raucherinnen- und 6 Plätze zum intravenösen Konsum zur Verfügung. Die Anwesenheit fachlich qualifizierter Mitarbeiterinnen gewährleistet die Reduzierung der psychischen und physischen Schädigungen der Konsumentinnen und trägt dazu bei, einer weiteren gesundheitlichen und sozialen Verelendung entgegen zu wirken.

Unsere Öffnungszeiten orientieren sich an den Arbeitszeiten der Frauen, d.h. viermal in der Woche haben wir nachts bis 2.00 Uhr geöffnet. Zudem bieten wir Übernachtungsmöglichkeiten und ein Tagesangebot mit Schlafmöglichkeit an.

Weitere Angebote sind:
- Beratung und Betreuung
- Medizinische Grundversorgung
- Spritzentausch
- Essen, Trinken, Wäsche waschen, Duschmöglichkeit
- Kleiderkammer
- Hilfen bei Schwierigkeiten
- Freizeitangebote
- Postadresse für obdachlose Frauen
- ... oder einfach nur Ausruhen, Klönen, Wohlfühlen.

Drogenabhängige Frauen arbeiten überwiegend nur in einer Prostitutionsform, dem Straßenstrich. Die Frauen prostituieren sich für Drogen und sie brauchen die Drogen, um der Prostitution nachgehen zu können. Gewalterlebnisse psychischer und physischer Art gehören zu ihrem Lebensalltag. Da sie nichts anderes kennen, wird die Gewalt als "normal" und zum Leben dazugehörig empfunden und durch das Konsumieren von Drogen erträglich gemacht.

Ein Großteil der Frauen konsumiert Crack, eine Droge, die zu einer großen Unruhe führt. Crack als Hauptdroge verändert die offene Drogenszene in großem Ausmaß. Viele Frauen berichten von einem stärkeren Aggressionspotential auf der Straße, innerhalb der Szene kommt es häufiger zu Diebstählen und zu sogenannten "Abziehdelikten" mit hoher Gewaltbereitschaft. Die Drogengier wird zunehmend extremer, Freundschaften reduzieren sich, jede wird zur Einzelkämpferin. Schlafentzug und gestiegene Unruhe verstärken die psychischen Auffälligkeiten: Die Frauen sind extrem verelendet, übermüdet und gehetzt. Crack hat gravierende gesundheitliche Folgen: starke Gewichtsabnahme, Schlafentzug und Erschöpfung, Psychosen, multiple Abzessbildung, Lungenentzündungen, Bronchitis und Herzerkrankungen sowie Hepatitis und HIV-Erkrankungen durch mangelhafte hygienische Konsumbedingungen und ungeschützten Geschlechtsverkehr.

Unsere Klientinnen sind durch ausgeprägten Drogenkonsum und unzureichende Lebensbedingungen in einem sehr schlechten körperlichen Zustand. In vielen Fällen war der Einsatz von Rettungswagen notwendig.

- Unser Arbeitsansatz beinhaltet Niedrigschwelligkeit, Szenenähe und Anonymität. Niedrigschwelligkeit bedeutet für uns, dass wir keine Zugangsvoraussetzungen oder Anforderungen mit dem Besuch unserer Einrichtung verknüpfen.
- Szenenah zu agieren ist für uns auf drei Ebenen bedeutsam:
- Inhaltlich orientieren wir uns mit unseren Angeboten flexibel an den Bedürfnissen der Klientinnen
- Räumlich erreichen wir die Frauen mit Streetwork dort, wo sie leben und arbeiten
- Zeitlich orientieren wir uns an den Lebensrhytmen der Frauen.
- Anonymität ist für unsere Klientinnen die Grundlage, auf der sich Vertrauen zu uns entwickeln kann.

Wir arbeiten prinzipiell akzeptanzorientiert, das bedeutet wir akzeptieren den Lebensstil unserer Klientinnen als eine Verhaltensalternative, die sie für den jetzigen Zeitraum selbst gewählt haben. Akzeptanzorientierung beinhaltet für uns aber auch, die Drogenkonsumentinnen in ihrer Eigenverantwortlichkeit und Handlungsautonomie ernst zu nehmen.

Unsere frauenspezifische Suchtarbeit hat die Lebenssituation von Frauen zur Grundlage und berücksichtigt in jeder Arbeitsphase das Frausein. Drogenkonsum und spätere Abhängigkeit sind oftmals mit Essproblemen oder Erfahrungen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit gekoppelt, der oftmals durch weitere sexuelle Gewalterfahrungen in der Szene seine Fortsetzung findet. Gemischte Einrichtungen bieten für Frauen keinen Raum, um über Angst, Scham und Wut zu sprechen und Erlebtes im Zusammenhang mit der Prostitution oder früheren Erfahrungen an die Oberfläche dringen zu lassen.
Frauenspezifisches Angebot, das heißt für uns zunächst, den Frauen einen eigenen Schutz- und Ruheraum zur Verfügung zu stellen, zu dem Männer keinen Zutritt haben.

8.975 Besucherinnen haben wir in 2001 gezählt, 5.286 mal wurde der Konsumraum genutzt, 821 Frauen haben unser Übernachtungs- und Tagesschlafangebot angenommen, 6.723 Frauen haben wir über Straßensozialarbeit erreicht, in unserer Einrichtung wurden über 5.000 kostenlose, aus Spendenmitteln finanzierte Mahlzeiten verteilt.

Ragazza e.V.

 

© Bündnis für mehr Solidarität