Hamburg braucht die Interkulturellen Begegnungsstätten - alle!

Hamburg braucht die Interkulturellen Begegnungsstätten - alle!

Auf welche Weise plant der Hamburger Senat, die soziale Integration von MigrantInnen zu fördern, wenn ausgerechnet Interkulturelle Begegnungsstätten schließen müssen?
500 000 _ wurden vom neuen Mitte-Rechts-Senat im Begegnungsstättenetat gestrichen, damit entfällt ein volles Viertel des bisherigen Budgets für Integrationsangebote.
25%ige Kürzungen kommen jetzt auf die verschiedenen Träger zu.
Im Falle der Begegnungsstätten wie auch der anderen betroffenen Projekte demontiert die Behörde für Soziales und Familie in einer Mischung aus ideologischer Gegnerschaft und inhaltlicher Konzeptionslosigkeit sozial notwendige Infrastruktur.
Mit ihrer Beratungs- und Qualifizierungsarbeit bieten die Interkulturellen Begegnungsstätten genau die sozial notwendigen und arbeitsmarktrelevanten Angebote für MigrantInnen, die allerorten unter dem Stichwort Integration angemahnt werden. Wir verstehen Integration jedoch nicht als einseitige Anpassung der MigrantInnen an deutsche Normen, sondern als sozialen Zusammenhalt auf der Basis gleicher Rechte und verbesserter Partizipationschancen der bisher Benachteiligten.

Die Begegnungsstätten sind niedrigschwellige und gerade in dieser Eigenschaft unverzichtbare Beratungs- und v.a. Qualifizierungszentren in sozial benachteiligten Stadtteilen. Die kontinuierlich angebotenen - und überall völlig überlaufenden - Deutschkurse geben MigrantInnen überhaupt erst eine Grundlage, Arbeit zu finden oder sich weiter zu qualifizieren. Pro Jahr besuchen z.B. ca. 630 MigrantInnen die Deutschkurse verschiedener Stufen in den Begegnungsstätten von verikom, einem der vier Träger Interkultureller Begegnungsstätten. Dennoch landet jedes Halbjahr die Mehrzahl der DeutschkursbewerberInnen auf Wartelisten, mit ansteigender Tendenz. Die Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen Bedarf an Deutschkursen und den bisher vorhandenen Möglichkeiten ist eklatant.
Durch Computerkurse, Bewerbungstrainings und berufsorientierende Beratung haben die Interkulturellen Begegnungsstätten in den letzten zwei Jahren ihre Qualifizierungstätigkeit erweitert. Die Interkulturelle Frauenbegegnungsstätte Altona /Ottensen des IKB e.V. führt seit mehr als einem Jahr mit großem Erfolg Seminare und Workshops für Existenzgründerinnen durch. Effektive Kooperationen und Netzwerke mit anderen Beschäftigungsträgern und Organisationen ermöglichen, die breite Zielgruppe mit einem auf sie zugeschnittenen Angebot zu erreichen. Innovative Berufsbildungsprojekte für Frauen im Rahmen des europäischen Programms "Equal" stehen bei verikom kurz vor ihrer Umsetzung.

Mit frauenspezifischen Angeboten wissen die vier Hamburger Frauenbegegnungsstätten von verikom und IKB e.V. sich in inhaltlicher Übereinstimmung mit fortschrittlichen Ansätzen der Migrationssozialarbeit. Warum Hamburg nun rückwärtsgewandt erfolgreichen Standards entgegenarbeitet, ist nicht nachzuvollziehen.
Von herausgehobener Bedeutung für frauenspezifische Bedürfnisse und Probleme sind die Frauenbegegnungsstätten in Altona/ Ottensen, Kirchdorf-Süd, St. Pauli und Wilhelmsburg, die mit der Qualifizierungs- und Beratungsarbeit vielen Migrantinnen, die durch den Ehegatten- und Familiennachzug nach Deutschland gekommen sind, nicht nur unverzichtbare Schutzräume, sondern auch persönliche und berufliche Perspektiven bieten.

Das Zielgruppenspektrum der Begegnungsstätten ist sehr breit und verändert sich mit dem Wandel der Gesellschaft. Die BesucherInnen sind Neuzugewanderte, aber auch SeniorInnen der sog. ersten Einwanderergeneration, zukünftige StudentInnen wie auch Flüchtlinge. Die Sozialberatung ist vielerorts die einzige Anlaufstelle für Menschen, die mit Armut, Arbeitslosigkeit, ausländerrechtlichen Hindernissen und Verständigungsschwierigkeiten zu kämpfen haben, die Gewalt in der Ehe nicht mehr ertragen wollen oder Altenhilfe benötigen, weil sie von ihren Angehörigen nicht mehr versorgt werden können.
Nicht jedoch die behördlich unterstellte "Fürsorgementalität", sondern die Eigenmotivation der Menschen, ihre Situation aktiv zu verbessern, lässt sie kompetente Hilfe zur Selbsthilfe nachfragen. Nach wiederholten Erfahrungen führt der Weg zu weiteren Schritten der beruflichen Qualifizierung häufig über die Sozialberatung.

Mehrsprachiges Fachpersonal und Interkulturelle Kompetenzen bieten einer breiten Zielgruppe eine professionelle Leistung, die in ihren Schwerpunkten von den Teams in den Einrichtungen nach den jeweiligen Bedarfen im Stadtteil konzipiert und fortlaufend auf ihre Qualität hin reflektiert wird.

Konfrontiert mit vielfältigen Problemen sozialer Not und struktureller Benachteiligung, leistet die Sozialberatung umfangreiche Informations- und Unterstützungsarbeit, die ohne die Begegnungsstätten auf die Ämter und sozialen Dienste zukäme. Deren Überlastung und der Mangel an Kapazitäten gegenüber einer mehrsprachigen und kulturell gemischten Klientel ist allerdings schon überdeutlich. Ämter greifen seit langem regelmäßig auf die vor- und nachbereitende Arbeit der SozialberaterInnen zurück. Wo heute Sozialberatungsstellen gestrichen werden, müssen morgen neue entstehen. Das ist die soziale Realität.

Die Begegnungsstätten sind als Qualifizierungszentren, Beratungsstellen und Treffpunkte für Gruppen und Nationalitätenvereine Teil der sozialen Infrastruktur, die in den meisten Vierteln ohnehin schwach ausgebildet ist. Aus der Sicht politischer Verantwortung verbietet es sich geradezu, in diesen Stadtteilen soziale Einrichtungen zu schließen.
Im Gegenteil müssen sich die strukturellen Bedingungen in Richtung sozialer Integration und gleichberechtigter Partizipation migrierter und deutscher Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft verbessern. Dabei ist die interkulturelle Ausrichtung der Bildungs- und Sozialarbeit zentral. Interkulturalität spiegelt sich sowohl in den Angeboten, als auch in der Zusammensetzung des Fachpersonals der Einrichtungen und ist das Leitmotiv der MultiplikatorInnen- und Fortbildungsarbeit. In der Bildungs- und Beratungsarbeit mit MigrantInnen und Deutschen werden so programmatisch zwei komplementäre Seiten einer gesellschaftlichen Integrationstätigkeit abgedeckt.

Die Kürzungen bedeuten für diese sowohl sozial verwurzelte, wie auch richtungsweisende und dynamische Arbeit
-die Schließung von Einrichtungen in infrastrukturschwachen Stadtteilen Hamburgs und damit die Vernichtung von sozialen Anlaufstellen, die für Hunderte von Menschen von Bedeutung sind
-den Wegfall von Deutschkursen und damit eine weitere Verknappung eines völlig unzureichenden Angebots
-gesteigerten Problem- und Nachfragedruck von MigrantInnen gegenüber Behörden und Sozialen Diensten, ohne dass entsprechende Kapazitäten aufgebaut und Prozesse interkultureller Öffnung eingeleitet werden
-den Verlust von Treffpunkten und Räumlichkeiten für Gruppen- und Vereinsaktivitäten
-nicht zuletzt die Kündigung von festen Stellen und HonorarmitarbeiterInnen und damit weitere Arbeitslosigkeit

Kürzungen von derart existenziellem Ausmaß stellen lebendige Strukturen und die gewachsene Qualität einer Arbeit in Frage, die sich am sozialen Bedarf einer modernen Migrationsgesellschaft orientiert, wie sie sich in Hamburg findet. Die Kürzungen im Etat der Begegnungsstätten müssen zurückgenommen werden, wenn Hamburg sich den migrations- und integrationspolitischen Herausforderungen der unmittelbaren Zukunft stellen will.
Wenn die Stadt Hamburg, wie angekündigt, ihr Integrationskonzept schreibt, werden wir besser ein Wörtchen mitreden.

Wir haben nicht nur die Qualität unserer Arbeit zu verteidigen und nicht nur unsere Arbeitsplätze. Auch andere sozialen Arbeitsfelder sind von der Kahlschlagpolitik betroffen.
Menschen am unteren Rand der gesellschaftlichen Hierarchie werden bald keine staatlichen Ausgaben mehr wert sein, wenn dieser Kurs nicht gestoppt wird. Die aktuellen Kürzungen sind ein Symptom für ein ganzes Gesellschaftsmodell, das uns droht.
Hier steht eine gesamte politische Kultur auf dem Spiel, eine soziale, feministische und antirassistische Kultur, die auch durch unsere Einrichtungen repräsentiert und lebendig gehalten wird. Diese Art der Opposition darf sich allerdings nicht durch Schließungen und Mittelkürzungen klein kriegen lassen. Unsere soziale Utopie ist das Gegenteil der gesellschaftlichen Polarisierung, die der Senat durch seine Art der Sparpolitik vorantreibt, und sollte die aktuellen Abwehrkämpfe überstehen.

 

© Bündnis für mehr Solidarität