Ein ganz normaler Tag am Telefon im Frühjahr 2002 in Hamburg

Ein ganz normaler Tag am Telefon im Frühjahr 2002 in Hamburg
oder:
Die Welt wird für die Mädchen und Frauen in Hamburg nie wieder so sein wie vor dem 23. September 2001

1. Ein Anruf bei der Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) in der Hamburger Behörde für Soziales und Familie:
"Guten Tag, Frau Senatorin, ich bin von der ´Zeitung von und für Alle´ und möchte gerne wissen, warum und wie Sie zu den Streichungen im Frauen- und Mädchenbereich gekommen sind." "... ." "Also, noch mal zum Mitschreiben." "Diese Konsolidierung wird nicht nach dem Rasenmäherprinzip erfolgen, sondern auf der Basis von aufgabenkritischer Überprüfung des gesamten Zuwendungsbereichs mit dem Ziel, in wesentlichen Aufgabenfeldern die Handlungsfähigkeit und den Zielerreichungsgrad zu verbessern. Besonders die Einrichtungen, die in ihren Konzepten und Sachberichten Ausdrücke wie ´lesbisch, feministisch, antirassistisch, niedrigschwellige Angebote´ und ´akzeptierende Arbeit´ verwenden, werden bei der Konkretisierung der Einsparungen bevorzugt." "Alles klar, Frau Senatorin, das wird auch unseren Lesern einleuchten, besonders Ihrer Zielgruppe, den Hilfebedürftigen. Vielen Dank für dieses Gespräch."

2. Ein Anruf bei der Kontakt- und Infostelle Mädchenarbeit:
"Hallo, hier ist Svenja. Ich hab´ da mal ´ne Frage." "Hallo Svenja, dann frag´ mal los." "Also, ich hab´ da mal gehört, dass es so Mädchengruppen für Mädchen gibt und nun will ich mit meiner Freundin nach der Schule mal in so ´ne Mädchengruppe rein. Aber das gibt hier im Jugendclub umme Ecke gar nix für uns. Da sind nur Jungs." "Also Svenja, dann hast Du wohl nicht ganz genau geguckt, denn das Landesjugendamt sagt, dass jetzt überall in Hamburg Mädchenarbeit gemacht wird." "Oh." "Genau Svenja, das haben wir auch gesagt: oh!"

3. Ein Anruf bei einer Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt:
"Hallo, hier bin ich, ich möchte ..., ich meine ..., ich will mal wissen ..., ich weiß nicht, ob ich da richtig bin ...also na ja, es ist so: ich hab´ da eine Freundin und die wird von meinem Vater ... also ich meine natürlich von ihrem Vater ... und nun wüsste ich gerne mal ... hallo? Hallo? ... ach so, das ist ja ein Tonband ... oh, in acht Wochen erst, nee, solange kann ich es nicht mehr ... ich meine, meine Freundin braucht jetzt gleich ... äh ... also na ja, dann eben nicht ... ."

4. Ein Anruf bei einem interkulturellen Frauentreffpunkt:
"Hallo, es geht um meine Mutter. Die ist nun schon seit zwanzig Jahren in Deutschland und möchte jetzt einen Deutschkurs machen. So von wegen der Sprache, das ist doch wohl besser, findet sie jetzt." "... ." "Ach so, das macht Ihr nicht mehr? Gestrichen? Wieso?" "... ." "Ach so, na ja. Und was könnte meine Mutter denn so machen, um richtig Deutsch zu lernen?" "... ." "Aha, Fernsehen! Die deutschen Sender, na klar!" "... ." "Kika? Ach so, Kinderkanal, jaja, da sprechen sie deutlich, für die Kleinen. Sesamstraße und aufwärts." "... ." "Was? Nee logo, die Teletubbies reden nicht so viel. Ok, ich werde es meiner Mutter sagen. Vielen Dank für den Tipp."

5. Ein Anruf bei der Beratungsstelle für Essprobleme:
"Hallo, wir sind zwei Freundinnen und ich bin zwar dick, aber meine Freundein hungert und ist viel zu dünn. Und sie sagt aber, das stimmt nicht. Und nun will ich ihr helfen. Können wir bei Ihnen mal vorbei kommen?" "... ." "Ach, nur für erwachsene Frauen. Und für Mädchen nicht, schon lange nicht mehr ... ? Aber wenn wir warten müssen, bis meine Freundin achtzehn ist, ist sie vielleicht schon tot."

6. Ein Anruf beim Landesjugendamt:
"Hallo, ich bin die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik. Wir machen eine Bestandsaufnahme zur geschlechtsspezifischen Jugendarbeit. Nun lese ich gerade in Ihrem Geschäftsbericht, dass in dreiundneunzig Einrichtungen in Hamburg Jungenarbeit gemacht wird. Das gibt´s doch nicht. Das ist doch wohl ein Tippfehler, ist da nicht die ´9´ zuviel?" "... ." "Nein? Tatsächlich, so viel Jungenarbeit in Hamburg? Super, toll, da gehen die Hamburger Mädels also richtig einer gleichberechtigten Zukunft entgegen. Spitze! Und ´Gender Mainstreaming´ist dann wohl in Hamburg auch schon kein Thema mehr: ganz Hamburg wurde durchgegendert, gelle?!"

7. Ein Anruf beim Junglesbenzentrum:
"Hallo, ich heiße Marie und hab´mich ganz doll verliebt in ein Mädchen aus meiner Schule. Und das ist auch gut so. Aber ich weiß nicht so recht, ob sie mich auch ... und sowieso ... .Und da wollte ich mal hören, wie das andere junge lesbische Frauen so machen, wenn die nicht genau wissen ... ." "... ." "Ach so, das geht bei Euch nicht mehr. Das ist gestrichen worden für uns Mädchen? Und nun, wen kann ich dann jetzt mal fragen?"

8. Ein Anruf in einem Haus der Jugend:
"Hallo, hier ist Euer Fachberater im Jugendamt Region IV. Sag mal, ich habe hier Eure Abrechnung für das letzte Jahr und den Berichtsbogen vorliegen. Also im Großen und Ganzen ist alles okay und die Zahlen werden auch wohl stimmen. Aber auf dem Berichtsbogen habt ihr ´Mädchenarbeit´ angekreuzt, Ihr macht aber doch gar keine Mädchenarbeit?" "... ." "Aha, ja verstehe: Euer Praktikant hat einen Bastelkurs angeboten und da sind nur Mädchen gekommen!? Ja dann, dann ist alles in Ordnung mit Eurer Mädchenarbeit. Vielen Dank und einen schönen Tag noch, tschüssi."

9. Ein Anruf bei einer Beratungsstelle für behinderte Frauen:
"Hallo, hier ist Eure Fachbehörde. So, nun geht es auch Euch an den Kragen. Ich muss Euch ausrichten, dass auch bei Euch gestrichen wird." "... .""Wieso nicht? Natürlich, Ihr seid doch ganz normale Menschen. Ihr habt doch auch den Hamburg-Marathon mitgemacht; darum wird auch bei Euch gestrichen."

10. Ein Anruf bei einer Frauenberatungsstelle:
"Hallo mein´ Name sag´ ich nicht. Aber ich habe gehört, dass Ihr Frauen hilft bei Problemen. Und dass deshalb die Frauen Probleme haben, denn wenn es die Frauenberatungsstellen nicht gäbe, kämen die Frauen nicht auf die Idee, dass sie Probleme haben könnten. Und das ist mein Problem jetzt, dass ich eigentlich kein Problem hab´ aber Euch doch nicht arbeitslos machen möchte und deswegen hab´ ich mir folgendes Problem ausgedacht. Also es könnte ja zufällig so sein, dass ich vielleicht ... ." "... ." "Ach so, so wirkt das nicht. So geht das nicht bei Euch?"

11. Ein Anruf bei der Beratungsstelle Mädchen und Sucht:
"Hallo, wir sind fünf Schülerinnen von der Max-Brauer-Gesamtschule und haben jetzt im Unterricht das Thema ´Drogen´ und so. Und nun hat unsere Lehrerin gesagt, wir sollten mal zu Ihnen, denn Sie kennen sich da gut aus und können uns viel erzählen!" "... ." Ach, nicht mehr? Oh, und wer kann uns dann sonst ...?" "... ."Ach so, das ist aber blöd!"

12. Ein Anruf bei der Sportjugend:
Hallo, hier ist Sven von der Orga-Gruppe Fußballcontainer. Also, es geht um dieses Jugendfußballturnier. Du weißt schon, erst in den Bezirken und dann um den Hamburg-Pokal, ja, genau. Also, das hat uns letztes Mal reichlich gestunken, wie die Jungs so tierisch aggressiv waren, so den Effenberger haben raushängen lassen und so. Ja, und um das mit den Aggros mal ein bisschen runterzuschrauben haben wir gedacht, jedes Team, das mitmachen will, muss mindestens ein Mädchen in der Mannschaft aufstellen. Und das Ergebnis des Spiels wird auch nur dann bewertet, wenn das Mädchen auch mindestens ein Tor geschossen hat. Prima Idee, was? Auch von wegen Gleichberechtigung und so. Heißt dann auch nicht mehr Mannschaft sondern Menschschaft.!"

13. Ein Anruf bei der Senatorin für Soziales und Familie (und Frauen!):
"Guten Tag Frau Senatorin, mein Name ist Lieschen Müller und ich habe da ein Problem: Ich bin eine junge Frau und ..." "... ." "Ach so, das ist kein Problem? Na ja, aber hier in Hamburg haben die Frauen doch ..." "... ." "Wie bitte, die Gleichberechtigung ist strukturell verankert in unserer Freien und Hansestadt? Wo denn, wie denn?" "... ." "Noch mal, bitte. Steht im Grundgesetz. Für alle Frauen ..., im Kinder- und Jugendhilfegesetz, für alle Mädchen und jungen Frauen bis siebenundzwanzig Jahren. Im Hamburger Ausführungsgesetz steht auch noch was für Mädchen und junge Frauen drin. Und dann noch die UN-Kinderrechtskonvention. Und natürlich das Gender Mainstreamingprinzip der Europäischen Union. Toll, was Sie alles wissen! Aber, wo setzen sich dann alle diese Gleichberechtigungsgesetze- und Vorschriften um hier in Hamburg? Denn das würde dann doch heißen: Mädchen können alles und Mädchen können alles werden!?" "... ." "Ach so, ja jetzt verstehe ich das. Ja, dann stimmt das auch. JEDE kann ja Sozialsenatorin werden!"

Marja L. Evers, Dolle Deerns e.V.

 

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