Drogenarbeit 2005

Sind Ausstiegsorientierung und hohe Sanktionsbereitschaft eine erfolgreiche Drogenpolitik?

Hamburg im zweiten Jahr ohne akzeptierende Drogenarbeit

Seit der Koalition zwischen CDU, Schill und FDP im Jahre 2002 hat sich die Drogenarbeit in Hamburg per Koalitionsvertrag an dem drogenpolitischen Auftrag des Ausstiegs festgeschrieben. War in den 90ern die alleinige Orientierung der Drogenhilfe auf den Abstinenzgedanken als versagende Hilfedarbietung enttarnt, wurde noch unter rot-grüner Verantwortung Anfang 2000 die fortschrittliche - weil wirksame - Hilfeform der Akzeptanz bereits wieder zu Grabe getragen. Heute gibt es sie laut drogenpolitischem Beschluss der „Konzeption wirksamer Drogenpolitik in Hamburg“ des Senates nicht mehr. Wer sich trotzdem den Akzeptanzgedanken in der Drogenarbeit auf die Fahnen schreibt, läuft Gefahr, gnadenlos zusammengestrichen zu werden bzw. ganz sein Projekt zu verlieren.

Dass akzeptierend arbeitende Drogenhilfeeinrichtungen angenommen wurden und – in erster Linie – Überlebenshilfe wirksam geleistet haben, dürfte unwidersprochen sein. Der FixStern hatte allein im letzten Jahr seines Bestehens 79 Mal direkte Überlebenshilfe bei Überdosierungen geleistet. D.h. 79 Mal wurden Menschen vor dem Drogentod bewahrt und überlebten. Wie die direkte Überlebenshilfe heute angenommen und geleistet wird, bleibt im Dunkeln: Die einzelnen Einrichtungen geben seit 2003 die Jahresberichte nicht mehr öffentlich zugänglich heraus und die Dokumentation der Situation der Klienten szenenaher Einrichtungen wurde ab 2003 nicht mehr in der BADO aufgenommen.

Erkennbar ist, dass das Drob Inn hoffnungslos überlaufen ist und es braucht mindestens eine Stunde Wartezeit, um überhaupt erst reinzukommen. Erst mal drinnen, muss der Hilfesuchende noch mal lange Wartezeiten hinnehmen, um die versch. Hilfsangebote in Anspruch nehmen zu können.

Wie die Situation in den noch vorhandenen anderen niedrigschwelligen Angebote mit Konsumraumangebot ist, die die von der Straße vertriebenen und gehetzten Junks aufnehmen, bleibt unklar.

Es fing alles Anfang der 80er Jahre an. U.a. machte die Straßensozialarbeit Rahlstedt stadtteilorientierte Einrichtungen der Sozialen Arbeit darauf aufmerksam, dass immer mehr harte Drogen in den marginalisierten Stadtteilen auf dem Markt gekommen sind und unsere Leute in zunehmenden Maße davon betroffen waren. In eher unbedarfter Weise wurde in Rahlstedter Arbeitsgremien ein Logo zum Thema ersonnen, in der Hoffnung, darauf eine Reaktion von der Politik, als auch von den Bewohnern zu erhalten: Der Spruch "Heroin-Dealer, verpisst euch!", vor einer zerbrochenen Spritze. Dieses Plakat hing schnell auch in den Quartieren der Innenstadt.

Dieser heute etwas unbedarft erscheinende Versuch, etwas unternehmen zu wollen, stieß eine Diskussion über Legalität und Illegalität von Drogen, von Sucht und Lebensbedingungen von Süchtigen an, die schließlich in das Gegenteil der anfänglichen Forderung mündete. Nicht mehr der Drogenkonsument und der sich vom Verkauf illegalisierter Drogen finanzierende süchtige Kleindealer sollte verfolgt werden, sondern es wurde erkannt, dass es unsere Quartiersbewohner waren, die hier unmenschlichen Lebensbedingungen ausgeliefert waren. Sie wurden gnadenlos verfolgt und gejagt, kamen sie mit Drogen und der Szene in Berührung; Menschen, die wir kannten, mit denen wir tagtäglich in unserer Arbeit Umgang und Beziehungen hatten. Vielmehr kam die Frage auf, warum kann unser Drogenhilfesystem nicht die erreichen, die gerade mitten in einer akuten Lebenskrise steckten und ohne realitätsbezogene Hilfen in großer Zahl jämmerlich daran zugrunde gingen, zeigten sie nicht den von der Drogenhilfe eingeforderten Abstinenzwillen.

Derweil wuchs die Drogenszene am Hauptbahnhof an und Verelendungserscheinungen traten immer häufiger und deutlicher zu Tage. Zu diesen Erscheinungen gehörten
- offene und teilweise bis auf die Knochen faulende Wunden und Abzesse,
- tödlich verlaufende und unbehandelte Infektionskrankheiten wie Hepatitis C und HIV,
- verfaulte Gebisse,
- abgehetzte und vom enormen Schlafmangel desorientierte Gemütszustände,
- hygienische Mängelzustände und Ungezieferbefall,
- Obdachlosigkeit,
- öffentliches Spritzen unter katastrophalen und lebensbedrohlichen Bedingungen,
- vom Druck der Beschaffungsnot zu jeder noch so abstrusen Tat bereite Süchtige.

Die Eltern- und Angehörigen-Initiativen bildeten sich und forderten mit einer Schar von Sozialarbeitern durch verschiedene Aktionen die Sozial- und Gesundheitspolitik auf, angesichts der zunehmenden Verelendungserscheinungen einer immer größer werdenden Szene am Hauptbahnhof, tätig zu werden und niedrigschwellige Hilfen einzurichten. Dies geschah dann auch mit der Einrichtung des Drob Inns Ende der Achtziger am Hauptbahnhof , damals noch beschränkt auf Café-Betrieb, Spritzentausch, Wundversorgung und Beratung.
Von diesen zarten Anfängen in der Hinwendung zum aktuell konsumierenden Hilfesuchenden bis zur Einrichtung von Drogenkonsumplätzen, war es ein langer Weg. Hier wurde ein Konsum unter hygienischen und menschenwürdigeren Bedingungen ermöglicht, als der auf den Straßen, in Verschlägen oder in Abbruchhäusern. Der Aufbau von akzeptierenden Drogenhilfeeinrichtungen wurde schließlich mit tatkräftiger Unterstützung des ehemaligen Bürgermeisters Henning Voscherau in Hamburg eingeführt.

Der Anfang vom Ende dieser situationsangemessenen Hilfeform wurde unter rot-grün eingeläutet. Unter dem damaligen Drogenbeauftragten der Stadt, Horst Bossong, und der Gesundheitssenatorin Karin Roth, wurde die akzeptierende Drogenarbeit mit einem immer größer werdenden Auftrag der Gesundheitsbehörde versehen, dem sie schließlich unter dem Aspekt der Akzeptanz nicht mehr folgen konnte. Der akzeptierende Ansatz warf einen neuen Blick auf den Drogenkonsumenten und erhob ihn zum Grundsatz jeglicher als niedrigschwelliger Hilfe zu bezeichnenden Drogenarbeit: Der Konsum wurde als nur ein Teilbereich einer vielfältigen, zum Handeln fähigen Persönlichkeit erkannt, dem individuell nach seinen ihm eigenen Möglichkeiten und Ressourcen geholfen werden muss. Die Politik und die Behörde waren allerdings davon beseelt, den Ausstieg als Maß aller Dinge zu propagieren und in der niedrigschwelligen Hilfelandschaft durchweg zu etablieren.

Unterstützt wurde diese der Akzeptanz entgegengesetzte Orientierung der Politik und der Behörden von den der Obrigkeitspolitik hörigen Einrichtungen. Diese erklärten ihre vom Ausstieg geprägten Arbeitsansätze zu qualitativ Hochwertigen und qualifizierte die der akzeptierenden Drogenarbeit als rein quantitative Durchlaufstellen öffentlich ab. So wurde dem akzeptierenden Hilfeanbietern unterstellt, sie würden gewünschte Ausstiegsberatungen nicht nur nicht durchführen können (hierzu wären sie angeblich fachlich nicht in der Lage), sondern sie würden den Ausstieg sogar durch die szenenahe Ausrichtung angeblich "suchtverlängernd" verhindern.

Mit den Senatswahlen 2002 war klar, dass der rot-grüne Senat eine Schlappe hinzunehmen hatte. Da die CDU mit der damalig kandidierenden Schill-Partei erfolgreich das Thema "Innere Sicherheit", und hierbei gerade das Thema "Drogen-Szene am Hauptbahnhof und Sternschanze" inszenierten, kam der für die letzten drei Monate vom rot-grünen Senat neu eingesetzte Innensenator Olaf Scholz mit einer Neuauflage der Politik des harten Durchgreifens ins Amt. Unter ihm wurde der Brechmitteleinsatz eingeführt, genauso wie die Zusammenlegung von Polizei, BGS und privaten Sicherheitsdiensten, die in den Szenen die unliebsamen und öffentlich auffälligen Junkies massenweise über Kontrollen, Platzverweise und Ingewahrsamnahmen entfernten und somit den akzeptierenden Ansatz ad absurdum führten. Die Eingänge vom Drob Inn und dem FixStern wurden fast täglich für Kontrollen und Verhaftungen genutzt. Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Konsumenten und Drogenarbeitern wurde so konsequent zunichte gemacht, da eine sichere und verlässliche Umgebung nicht mehr gegeben war bzw. ist, da dies bei den noch verbliebenen szenenahen Hilfeanbietern immer noch gängige Kontrollpraxis ist.

Mit der Senatsübernahme von Schwarz-Schill und FDP war klar, dass der akzeptierende Ansatz in Hamburg keine Chance mehr hatte. Die Rücknahme von Überlebenshilfen bzw. die Vertreibung der Drogenszene von den öffentlichen Straßen und Plätzen, war und ist politische Programmatik. Heute sitzen mehr Drogensüchtige denn je in den Knästen, werden über ALG II gezwungen, sich illegal neben den Drogen das zum alltäglichen Leben notwendige zu beschaffen und können sich im Drahtverhau des neuen Drob Inns eingepfercht, von der Polizei kontrolliert, die Beine in den Bauch stehen, bis ihnen Einlass gewährt wird. Dies wäre mit den menschenwürdigen Grundsätzen des damaligen akzeptierenden Ansatzes in keiner Weise vereinbar gewesen.

Und wo sind sie heute? Gibt es keine riskant konsumierenden Junkies mehr? Hat die situationsorientierte Hilfe sich geirrt und Verfolgung, Vertreibung und Ausstiegsorientierung war doch immer der richtige Weg der Drogenhilfe? Wohin strebt die jetzige Drogenhilfe, wird sie doch gnadenlos zusammengestrichen und steht im ambulanten Bereich vor dem nahenden Zusammenbruch?

Dass sie immer noch da sind und dass sie immer noch auf eine von der Akzeptanz geprägten Hilfe angewiesen sind, zeigen alleine schon die Spritzentauschzahlen der verschiedenen Einrichtungen für 2004: Hier wurden trotz der Schließungen von niedrigschwelligen Einrichtungen - womit die Erreichbarkeit dieser Hilfeleistung um ein vielfaches gesunken ist - und der Abschaffung des Spritzentausches in der JVA, noch 521.601 Spritzen getauscht.

Während im Jahre 1999 noch über 2 Millionen Spritzen getauscht wurden, ist das derzeitige Tauschverhältnis ein Skandal, da nicht damit zu rechnen ist, dass im gleichen Verhältnis der intravenöse Konsum zurückgegangen ist.

Hinzu kommt, dass die Spritzen, die während des Konsumvorganges in den Einrichtungen verwendet worden sind, nicht mitgerechnet werden. Unklar ist dabei, welche Einrichtung wie viele Spritzen getauscht hat, da die Zahlen der einzelnen Einrichtungen nicht mehr herausgegeben werden dürfen. Wohl aus gutem Grund, da sonst die angebliche niedrigschwellig dargebotenen Hilfeangebote als zu hochschwellig für den einfachen Vorgang der Gesundheitsprophylaxe des Spritzentausches enttarnt werden könnte.

D.h., dass - wie in der Vergangenheit - Spritzen wieder mehrfach genutzt und bereits benutzte Spritzen untereinander getauscht werden. Wolfgang Schneider geht davon aus, dass 70% der exzessiven Drogenkonsumenten Hepatitis C haben (Schneider: "Akzeptanzorientierte Drogenarbeit", S. 17, Münster 2004 - www.indro-online.de/Schneider/ADA_1_04.pdf).

Es wird von einzelnen Mitarbeitern in den Einrichtungen der Drogenhilfe berichtet, dass die HIV-Infektionsrate unter den exzessiven Drogenkonsumenten wieder merklich zugenommen hat. Dies dürfte gerade für Erstkonsumenten bzw. junge Menschen in der (häufig einmaligen) Probierphase und somit auch für das Gesundheitswesen ein böses Nachspiel geben.

Insgesamt ist ein Trend hin zu risikoärmeren Konsumformen zu verfolgen. So wird Kokain kaum noch gedrückt, sondern wird als Crack durch eine Pfeife inhaliert, so dass es zu keinen akuten Wunden kommen kann. Was das Crack-Rauchen aber für gesundheitsschädigende Langzeitfolgen haben kann, etwa durch das Mitrauchen von für die Crackgewinnung notwendige Katalysatoren wie Ammoniak oder den als Filter fungierenden Stahlschwamm, wird erst die Zukunft zeigen. Wenn man aber die verschiedenen Zeiträume in den harten Drogenszenen betrachtet, lässt sich schnell feststellen, dass es auch hier Moden gibt. So war bis Anfang der 80er Heroin, dann Kokain, bis Ende der 90er der sog. "Cocktail" (Heroin, Kokain und/oder Barbiturate in einem Spritzvorgang gemischt) und heute eher Crack "en vogue". Diese Trends werden u.a. auch von den Hilfeprogrammen beeinflusst. So war die verbreitete Vergabepraxis von Methadon bzw. Polamidon dafür verantwortlich, dass das Kokain wieder verstärkt als Rauschmittel in der Szene gedrückt wurde, um den fehlenden Kick damit zu substituieren.

Eigentlich müsste die Gesundheitsbehörde heute ein bestimmtes Interesse daran haben, dass ausreichend Crack auf dem Schwarzmarkt vorhanden ist bzw. Substitutionsprogramme größtmöglich angenommen werden, da sonst die Gefahr besteht, dass wieder zu riskanteren Konsumformen zurückgegriffen wird. Dadurch wären auch die rückläufigen Zahlen der Hamburger Drogentoten gefährdet, so dass der Senat dies nicht mehr als seinen drogenpolitischen Erfolg verkaufen könnte.

Auch wenn es nach außen hin so erscheint, als sei die offene Drogenszene am Hauptbahnhof und in der Schanze aufgelöst und die Süchtigen nicht mehr vorhanden, wissen die Fachleute, dass sie immer noch da sind. Zwar verdeckter und nicht mehr so offen ersichtlich, aber wenn man einen Polizeibeamten aus den benannten Vierteln fragt, kann er mit Sicherheit innerhalb kürzester Zeit die Plätze und Orte auflisten, wo sie sich aufhalten. Wenn ich heute durch die Schanze laufe, sehe ich meine ehemaligen Klienten immer noch. Und sie sehen so aus, wie man es bei dieser Drogenpolitik erwartet: Abgerissen, kaputt, abgehetzt und übersät mit notdürftig versorgten Wunden. Und das waren einmal die Leute, die in der Szene und durch unsere damalige Hilfe im FixStern recht gut überleben konnten. Heute haben sie nicht mal mehr die kurze Zeit für ein Gespräch. Nach kurzen Sätzen der Begrüßung müssen sie gleich weiter, ja keine Zeit verlieren bzw. bloß keine Kontrolle riskieren. Die Zeiten, wo wir mal ausgiebiger reden können, sind so um die Weihnachtszeit rum oder wenn sie auf jemanden warten müssen ("Waiting for my man").

Und die Ausstiegswilligen? Bekommen sie in ausreichendem Maße Unterstützung und Hilfen? Seit 2005 und der mit diesem Jahr eingeführten Reform der Sozialsysteme bzw. seit der Gesundheitsreform, gibt es auch einige interessante Neuerungen innerhalb des klassischen Bereiches des Drogenhilfesystems: Drogentherapien werden von den Kostenträgern nur noch zweimal im Leben bewilligt werden. D.h. wer eine Therapie bewilligt bekommt, diese aus welchen Gründen auch immer aber nicht antreten kann bzw. vorzeitig abbricht, hat nur noch einmal eine Chance auf eine Therapie. Wer das Leben auf der harten Drogenszene kennt und die darin enthaltenen Lebensdynamiken, ihre Geschichten und um die Lebensverhältnisse weiß, weiß, was das zur Folge hat:

Therapien gibt es in Zukunft nur für die "pflegeleichten" Süchtigen. Diejenigen, die bereits lange auf der Szene sind, werden die Chancen auf einen therapiebegleiteten Ausstieg nicht mehr erhalten; werden gesellschaftlich aufgegeben!

Ähnlich verhält es sich mit den Einschränkungen, dass die psychosoziale Betreuung für Substituierte nur noch für maximal 2 Jahre läuft und in diesen Beziehungen auch kein therapeutischer Ansatz mehr von den Betreuern geleistet werden darf. Die Betreuer sollen nur noch Beratungsfunktionen bzw. Vermittlungstätigkeiten ausführen und den therapeutischen Part den angeblich dafür zuständigen professionellen Medizinern überlassen, die allerdings in den lebenspraktischen Zusammenhängen von Drogensuchterkrankungen kaum geschult sind. Überhaupt sollen die mit der Sucht einhergehenden Problematiken wie Überschuldung, Wohnraumbeschaffung und Existenzsicherung aus der Drogenberatung ausgegliedert und an die vorhandenen spezifischen Beratungsstellen weitergeleitet werden.

Es wird also ein neuer Arbeitsstandard definiert, dem die Konsumenten entweder Folge zu leisten haben oder sie haben keine Chancen mehr auf therapeutische Hilfen. Dieser Standard wird nicht an den Bedürfnissen orientiert, sondern nur noch rein an den Kosten festgemacht. Über die Einführung des ALG II, das zunächst einmal alle als arbeitsfähig einstuft, die nicht nachweislich zu 100% arbeitsunfähig sind, sich aber aufgrund von Suchterkrankungen nicht an Auflagen der ARGEs halten können, fallen auch aus dieser Hilfeform. Nimmt man dann noch die Drogenkonsumenten hinzu, die Kinder haben, die durch das Gutscheinsystem nicht in der Lage sind, einen Kita-Platz in Anspruch zu nehmen, sieht es an Unterstützungs-leistungen für abstinenzwillige Drogensüchtige sehr schlecht aus.

Von den klassischen Anbietern der Drogenberatung werden sie darüber hinaus durch veränderte, den Orientierungen der jetzigen Drogenpolitik angleichenden Fokussierungen in den Arbeitskonzeptionen, immer weiter ins Abseits gedrängt. So haben die Träger j.h.j. und Drogenhilfe Eimsbüttel ihre Angebote verstärkt in die Suchtprävention bei Kindern und Jugendlichen verlagert, mit den Schwerpunkten Nikotin, Alkohol und Cannabis.

Überhaupt fallen die Konsumenten "weicher" Drogen gerade einer Dramatisierungs- und Mythoswelle zum Opfer, an deren Ende wieder mal die Stigma "Krankheit und Kriminalität" als Abschreckung verteilt und geprägt werden.

Die Drogenhilfelandschaft in Hamburg gestaltet sich kontinuierlich so um, dass das Angebot für Konsumenten harter Drogen tendenziell unattraktiver wird, dass es, wenn die Kürzungen und Umwandlungen weiter voranschreiten sollten, zukünftig kaum noch angenommen wird. Was nicht mehr angenommen wird, wird dicht gemacht bzw. fusioniert mit anderen Anbietern zu einem eingedampften Hilfeangebot. Welche Hilfe gibt es dann noch? Überlebenshilfe gibt es noch - sofern man es so sehen möchte - über die Gefängnisse. Dort kommen sie ausgezehrt rein und gehen nach einigen Monaten oder Jahren wieder aufgepäppelt raus. Dort gibt es klare Spielregeln, mit denen man ganz klar umzugehen hat. Ob sie danach aber clean bleiben und einem geregelten Leben nachgehen können, bleibt nicht nur fraglich, sondern ist mit den bisherigen Erfahrungen zu verneinen. An niedrigschwelligen Hilfen gibt es das hoffnungslos überlaufene Drob Inn, in dem zumindest die konkrete Überlebenshilfe sichergestellt ist, dass wohl auch noch in naher Zukunft existieren wird, wie auch die Notübernachtungsstellen im gleichen Gebäude. Was mit den anderen niedrigschwelligen Angeboten (Abrigado, Stay Alive, Ragazza) wird, bleibt abzuwarten. In der Diskussion für den gesamten niedrigschwelligen Bereich ist auf jeden Fall, die Stellen dort fachlich und finanziell abzubauen, so dass nur noch der Rumpf der reinen Überlebenshilfe ohne ein sozialpädagogisches Beratungsangebot übrig bleiben soll.

Ebenfalls zur Debatte stehen die psychosozialen Beratungsstellen für Substituierte. Es wird u.a. geplant, die bisherigen Projekte aufzulösen und durch eine angegliederte Beratungstätigkeit in den verschiedenen Ausgabestellen (Arztpraxen und Drogenambulanzen) zu ersetzen, mit den oben beschriebenen Maßgaben der reinen Beratung bzw. Weitervermittlung, begrenzt auf 2 Jahre.

Dieses Bild zeigt die Tendenz an, die exzessiven Drogenkonsumenten aus den sozialen Hilfesystemen zu drängen. Im Rahmen der Umwidmung der staatlichen Hilfeleistungen von einer gesellschaftlich solidarischen Unterstützungsleistung weg, hin zu einer vor Schuldzuweisungen strotzenden Eigenverantwortlichkeitsorientierung.

Diese auf den mittlerweile mobilen Szenen unterversorgten Hilfesuchenden sind bereits in den verschiedenen Stadtteilen in Hamburg-Mitte, Wilhelmsburg und Harburg angekommen, und der Handel findet verstärkt in Bus und Bahn statt. Wann die Szene in unseren Vierteln wieder deutlich sichtbar wird, ist nur noch eine Frage der Zeit.

Ausstiegsorientierung und Verfolgung sind also keine bessere Drogenhilfe, sondern helfen nur, das Problem zu verdrängen und aus dem Blickfeld der öffentlich sichtbaren Vorzeigeplätze der Stadt zu schieben. Geholfen wird damit niemanden, im Gegenteil wird ein bereits erfolgreich angegangenes gesellschaftliches Phänomen wieder in die krisenhafte Situation zurückgeführt, die wir bis in die 90er Jahre hatten.

Vermutlich werden wir in nicht allzu ferner Zukunft wieder den Ausgangspunkt erreicht haben, der zur Einführung des akzeptierenden Drogenhilfeansatzes damals geführt hat. Schließlich arbeiten Länder wie Holland und die Schweiz seit Jahren erfolgreich mit der konsequenten Umsetzung des Akzeptanzansatzes und das aus gutem Grund: Die Kleinkriminalität ist dadurch in diesen Ländern merklich zurückgegangen und die Folgekosten im Gesundheitswesen durch Vermeidung von chronischen Erkrankungen durch Verelendung wurden drastisch gesenkt.

Es wird Zeit, dass dieser Senat endlich in diesem Jahrhundert ankommt und begreift, dass Realitäten nicht damit zu verändern sind, dass man ihre Existenz verleugnet und verdrängt.

Rafael Velazquez

 

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