Doch ein Schatten fällt von jenen Leben

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden.
Hugo von Hofmannsthal


Im Film "Das Fest" des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg stört der Protagonist der Geschichte die Feier des 60. Geburtstags seines Vaters, indem er statt die erwartete Lobrede zu halten an der festlichen Tafel darüber spricht, wie er und seine Schwester als Kind vom Vater missbraucht wurden. Die Gesellschaft ist entsetzt, aber die Aggression richtet sich nur gegen den Sohn. Er wird für verrückt erklärt, auch von seinen Geschwistern, und von aufgebrachten Verwandten aus dem Saal geworfen. Als er wenig später zurückkommt und wieder über die Angelegenheit redet, wird er sogar nach draußen gezerrt und an einen Baum gefesselt.

Es mag auf den ersten Blick nach einem hergeholten Vergleich aussehen: Aber dieser Film sagt viel über die tieferen Beweggründe und Mechanismen der Vorgänge aus, die in diesen Wochen in Hamburg für so heftige Diskussionen und Proteste sorgen. Hier wie da geht es um Außenseiter und ihr Verhältnis zur Mehrheit, um zugedeckte Ursachen und Zusammenhänge, um Tabus, Dinge, über die nicht geredet werden darf, um Ausgrenzung und Schuld, die Zerstörung der Familie. Was in Vinterbergs Film geschieht, geschieht im Grundsatz in diesem Land, und auch in Hamburg: eine merkwürdige Verkehrung von Täter und Opfer, Aggression gegen die Störenfriede, die der Mehrheit das Feiern verleiden, das verbale Niedermachen der Außenseiter und der Ausschluss aus der Gemeinschaft als letzte Konsequenz und härteste Strafe.

Das hört sich dramatisch an und entspricht sicher nicht der breiten Wahrnehmung der Politik in der Hamburger Öffentlichkeit. Die neuen Verantwortungsträger im Rathaus bemühen sich nach Kräften, die Kürzungen im sozialen Bereich niedrig zu hängen, ihnen einen pragmatischen, technischen Anstrich zu verleihen. Sie können dabei vor allem auf drei Klischees bauen, die im allgemeinen Bewusstsein schon fast den Rang von Naturgesetzen erreichen: Dass die Kassen leer seien ("Irgendwo muss ja gespart werden"), dass es ohnehin ein Überangebot an sozialen Hilfen gebe ("Lesbenberatung, wer braucht denn sowas?!") und dass die Träger sozialer Einrichtungen ineffektiv und schlampig arbeiteten ("Das könnte sich kein Wirtschaftsunternehmen leisten"). Die Regierenden können sich darauf verlassen, dass in der Bevölkerung nur zu gern der Mythos geglaubt wird vom langhaarigen Sozialpädagogen, der mit den ihm anvertrauten Jugendlichen einen Joint durchzieht und sich dann zu Hause aufs Ohr legt.

Geglaubt werden diese Klischees vor allem, weil sie sich reibungslos an Gefühle von Futterneid und Verlustangst andocken. Wer noch ein Häuschen in Bramfeld sein eigen nennt, sieht Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Obdachlose leicht als unnütze Esser, die er mit seinem sauer verdienten Geld mit durchfüttern muss. Und in Zeiten verschärften Konkurrenzdrucks und der Angst breiter Kreise vor einem sozialen Absturz verstärkt sich der Zwang zur Abgrenzung nach unten noch erheblich. Profane materielle Interessen sorgen also bereits dafür, dass der Protest gegen die Sparpolitik des Hamburger Senats sich in Grenzen hält - aber es geht um mehr als um das Gerangel an den Futtertrögen.

Als die Christdemokratin Birgit Schnieber-Jastram in Hamburg ihr Amt als Sozialsenatorin antrat, ging es ihr wie dem Vater in Vinterbergs Film: Sie sah ihre Opfer wieder. Das muss erklärt werden. Die CDU hat diese Gesellschaftsordnung in vorderster Front mitgeprägt, sie tritt ein für ein System, in dem sich Leistung lohnen soll und persönlicher Nutzen der Motor ist. Die Missbrauchten, Marginalisierten, Süchtigen, psychisch Kranken aber sind letztlich Opfer genau dieser Ordnung - in einem viel weiteren als nur politischen oder soziologischen Sinne.

Es trifft in diesem System, in dem Stärke und Erfolg verherrlicht werden, zuerst die Sensiblen und Schwachen. Sie leiden mehr als andere unter der Unbarmherzigkeit der Verhältnisse, der Jagd nach Geld, der Doppelmoral, dem Mobben in Vereinen und Betrieben, der allgemeinen Gefühllosigkeit. Sie reagieren darauf mit Sucht, psychischer Krankheit, dem Ausstieg aus menschlichen Beziehungen. Sie können nicht mithalten, fliegen als erste raus, wenn gekündigt wird, landen auf dem Amt, im Heim, auf der Straße. Sie werden von der Mehrheit Kranke, Süchtige, Randgruppen genannt - tatsächlich sind letzlich sie es, die gesund reagieren in einer kranken Gesellschaft.

Was immer an biographischen Besonderheiten bei dem Einzelnen ins Gewicht fällt, diese gesellschaftlichen Ursachen, diese alle Bereiche erfassenden Mechanismen sind der entscheidende Punkt. In einer auf Egoismus gebauten Ordnung wird tendenziell alle Geborgenheit angegriffen, eine emotionale Entkernung der Familien forciert.

Für politisch denkende Menschen liegt diese Analyse auf der Hand und lässt sich ablesen an dem, was täglich in der Welt passiert. Doch die Mehrheit leugnet den Zusammenhang - Birgit Schnieber-Jastram und ihre Parteifreunde machen da keine Ausnahme. In ihren Augen ist das eine gute Ordnung, in der jeder zum Zuge kommt, der sich anstrengt. Jeder ist seines Glückes Schmied. Im Umkehrschluss heißt das, dass jeder, der es nicht schafft, sich nicht genug bemüht - oder krank oder verrückt ist. Es muss so sein, alles andere würde bedeuten, dass dieses System nicht funktioniert.

Wohin dieses Denken führt, zeigt ein Vortrag, den Schnieber-Jastram im Zentrum für Praxisentwicklung der Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Januar 2002 gehalten hat, eine Art persönliches Regierungsprogramm. Die Senatorin beruft sich darin auf Begriffe wie Solidarität und Gerechtigkeit, bringt aber gegen diese beiden den Begriff Eigenverantwortung in Position. Sie spricht von "aktivierendem Sozialmanagement", von "Hilfe zur Selbsthilfe" und "fordernder Beratung". Wer sich nicht selbst helfen könne, wer "gestrauchelt" sei, dem müsse selbstverständlich weiterhin geholfen werden, darin bemesse sich der Wert einer Gemeinschaft.

Auf den ersten Blick wirkt der Text schlüssig, ideologiefrei, von Aggressionen gereinigt. Doch von Schnieber-Jastrams Gedankengebäude geht Kälte aus, die Aura einer schönen neuen Welt, in der Versagen nicht vorzukommen hat. Schon das Wort Eigenverantwortung signalisiert, dass die Autorin von gesellschaftlicher Verantwortung nichts wissen will. Die Aggressivität liegt in der hermetischen Abgeschlossenheit ihrer Theorie, der Unerreichbarkeit für Argumente. Sie entspricht der Rigidität, mit der Schnieber-Jastram ihr Konzept in der Politik exekutiert, und der Ruppigkeit gegen Kritiker ihres Kurses, etwa bei Auftritten in der Bürgerschaft.

Ihre Aggressionen sind verräterisch. Sie entsprechen der Reaktion der wütenden Verwandten in Vinterbergs Film. Was fällt dem Außenseiter da ein, aufzustehen und Forderungen zu stellen! Was redet er da für einen Unsinn! Was haben wir mit seinen Problemen zu tun?! Er ist im Weg, er stört uns beim Feiern, weg mit ihm! Aus den Augen, aus dem Sinn. Wie der Vater blendet auch Schnieber-Jastram ihre Schuld aus, sie will von der dunklen Seite der Familie nichts wissen, sie hat die Außenseiter nicht in diese Lage gebracht.

Birgit Schnieber-Jastram steht hier nur stellvertretend für die Mehrheit, die diesen Kurs vertritt oder zumindest stillschweigend duldet. Dass die Christdemokraten in Hamburg so leichtes Spiel haben, liegt vor allem daran, dass auch die Sozialdemokraten und die Grünen längst dazugehören, es weithin aufgegeben haben, nach diesen Zusammenhängen zu fragen. Ein Rest Tradition, ein Rest Gewissen hielt sie davon ab, ebenso radikal an den sozialen Bereich heranzugehen, aber analytisch haben sie der Ausgrenzungspolitik nichts entgegenzusetzen. Und leider auch unter den professionellen Helfern selbst gibt es genug, die sich arrangieren, die froh sind, wenn sie in ihrer Nische in Ruhe gelassen werden, die keine politischen Fragen mehr stellen. In letzter Konsequenz geben sie damit ihre Klienten preis.

Wie im Film hat die Sache aber auch in der Realität eine überraschende Pointe. Im tiefsten Inneren treibt eine Birgit Schnieber-Jastram wohl dieselbe Sehnsucht an wie die, denen sie die Hilfen wegkürzt. Man kann annehmen, dass sie
wie diese unter dem Verlust der Harmonie leidet, dass ihre Konzepte eigentlich ein Rettungsversuch sind, dass sie zurück will zur heilen Familie, zur intakten Gemeinschaft. Doch weil sie blind dafür ist, dass es die Ordnung ist, für die sie steht, die all das zerstört, wird sie zur Täterin und bestraft die Opfer dieser verkehrten Ordnung ein zweites Mal.

Vinterbergs Film hat einen versöhnlichen Schluss. Der Sohn kann sich befreien, kommt wieder, und schließlich kippt die Stimmung. Der Vater wird ausgeschlossen. Als die Familie am nächsten Morgen am Frühstückstisch sitzt, tritt er noch einmal auf, zeigt sogar Reue, wird aber trotzdem weggeschickt. Die Gemeinschaft ist ein Stück weit geheilt.

Für das Ganze dieser Gesellschaft ist ein solcher Ausgang weit und breit nicht in Sicht - aber es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Und sei es nur, um immer wieder solche Inseln der Geborgenheit zu schaffen.

Kristian Stemmler

 

© Streetlife e.V.