Die Neuen Eisenbesen

Die neuen Eisenbesen

Hamburg ist, natürlich nicht in seinem Selbstverständnis, eine ganz normale Stadt in ihrer Größenordnung. Wie jede Stadt ist sie aus Wirtschaft entstanden und hat mit den Jahren viele Dörfer verschluckt. Ihre Altstadt, die hier City heißt, gleicht anderen Innenstädten, in denen nicht viel Altes blieb: ein paar Repräsentationsgebäude, gründerzeitlich, ein paar alte Kirchen, vorwiegend wiederaufgebaut, viele Geschäfte, noch mehr Büros und eine Fußgängerzone, dem Hauptbahnhof zu.
Damit hat es Hamburg besser als beispielsweise München, wo der Bahnhof weiter stadtauswärts liegt, wo der Direktzugang zur Stadt fehlt und es nur die normalen Verkehrsprobleme gibt. Der Hamburger HB ist städtischer, mit allem, was dazugehört, also auch mit seinen "Schattenseiten", Kommerz pur mit einem Warenangebot von legal bis illegal und allen möglichen Dienstleistungen; er ist ein kleines Brennglasbild der Normalgefräßigkeit einer Normalgesellschaft, von appetitlich bis ausgeschieden.
Nichthamburger kennen die heiligen Hamburger Viertel aus Film, Funk, Fernsehen und Presse. Was da als Kulissen irgendwelcher Thriller fungiert, sind meist Nachbauten, entstanden in Studios oder Autorengehirnen. Die Realität macht ja nicht viel her. Düstere Szenen lassen sich auch in anderen Vierteln drehen, und die haben den Vorteil, daß dort der Außenaufnahmen leicht verstörende Wirklichkeitsverkehr nicht ganz so dicht ist. Aber der Name zieht: St. Pauli und St. Georg, leicht schmuddelige Seitenpforten der Stadt mit dem Stadttorwappen, wo die Welt auch als Halb- und Unterwelt schimmert und es sich wunderschön über die allgemeine Nachbarschaft von Gut und Böse meditieren läßt. Nun ja: sie sind die Entrees der Stadt, an Hafen und Bahnhof. An solchen transitorischen Stätten spielen schon immer die großen Dramen und haust das kleine Elend. Nun ist der Hafen schon längst in eine andere Wirklichkeit übersiedelt, fernab der Stadt, in die Grenzlande zwischen Mythos und Umsatz. Geblieben sind in stetem Wandel Hauptbahnhof und sein Viertel. Dort drängt sich, was dazugehört: Fremde aller Arten, verborgener Reichtum und offenes Elend, kleines Glück und großes Leid, zweifelhafte Hotels und unbezweifelbare Lustlokale, also alles, was die Phantasie des Normalbürgers erhitzt und was er, um Gottes und der Kinder Willen, nicht als Nachbarschaft haben möchte. Schon kurz außerhalb seiner geographischen Grenzen wird so ein Viertel Phantom, auch wenn man es vorübergehend besichtigt. Insofern ist es kein Wunder, wenn die meisten Hamburger, kommt die Rede auf soziale Probleme, seit Jahren nur Bahnhof verstehen.
Hamburg nennt sich gern weltoffen, wegen des Hafens und überhaupt, und gerne auch Medienmetropole, da hier tatsächlich einige Verlage, Studios und Sender ihren Sitz haben. Was Presse betrifft, entspricht die Stadt eher Provinz: außer der allgegenwärtigen BILD gibt es noch ein Familienblatt und kleinformatigen Boulevard. Die Themen, die Hamburger demnach interessieren, sind Sex & Crime, Prominententratsch und was ihre Stadt, nach Ansicht ihrer Presse der Mittelpunkt der Welt, ganz besonders oder etwas weniger auszeichnet. Natürlich entspricht auch die Berichtstendenz stets kleinstädtischem Lokalpatriotismus, Motto: Unser Dorf muß schöner werden. Auch da verstehen die Hamburger, will man den Medien glauben, vor allem Bahnhof.
Sowohl der als auch seine Umgebung werden also seit Jahren immer schöner, und jedesmal müssen dazu "Sünden der Vergangenheit" beseitigt werden. Sie sind "Altlasten" der jeweils vorherigen Politik, die da viel Geld hineingesteckt hat, und die nun mit noch mehr Geld "rückgebaut" oder sonstwie verbessert werden sollen. Die auch trotz vieler Leuchtstoffröhren stets düsteren Maulwurfsgänge, in die man die Passanten im Namen einer autogerechten Stadt scheuchte, werden tranchiert, weil sich dort auch "lichtscheues Gesindel" aufhielt, die Toiletten werden teuer gemacht und beaufsichtigt, weil sie auch als Geschäftslokale mißbraucht werden könnten, alle kleinen Verstecke der Umgebung werden eingeebnet, die Obrigkeit "zeigt Präsenz", leihweise auch die bayerische, und doch ... Es erinnert an das andere Armageddon der Städte, den Kampf mit den Tauben, die ja als "fliegende Ratten" auch für alles mögliche Übel verantwortlich sind. Man panzert die Häuser mit Plastikspitzen, setzt Plastikraben auf die Balkone, vergittert alle Löcher, streut Gift, und nichts hilft. Vorübergehend glaubt man, sie vertrieben zu haben, doch sofort ächzen andere Straßen, und dann gibt es immer wieder "Unbelehrbare", die sie auch noch füttern. Die Millionen, die man für ihre Bekämpfung vergeudet, werden mit dem Millionenschaden verrechnet, den sie anrichten und der nicht nachzurechnen ist, da er auf angeblichen Hochrechnungen beruht, doch die Tauben kümmern sich nicht sonderlich darum. Vorübergehend sieht man vielleicht weniger, aber sie bleiben gegenwärtig.
So ging das vierzig grauenvolle und sozialdemokratische Jahre lang, und auch die diversen Koalitionspartner ließen den Filz ungeschoren, statt ihn als Feudel zu nutzen. Statt dessen wurde das gute Geld der Hansestadt damit vergeudet, den Dreck zu sortieren und zu betreuen, statt ihn in Bausch und Bogen zu entsorgen. Diese verschwenderischen Sentimentalitäten, hochtrabend Sozialarbeit genannt, waren eigentlich nur ein Klacks schlechtes Gewissen aus der Jugendzeit der SPD, auf der These beruhend, einen kleinen Teil des Mehrwerts zur Beseitigung der Schäden zu verwenden, die im Betrieb einer makellos kapitalistischen Gesellschaft anfallen. Unausgegoren waren die Konzepte allemal, was sich schon an der seltsamen Zerfransung ihrer Zielsetzungen zeigte. Der ursprüngliche Vorsatz, aus dem Gesellschaftsschrott mit Zuckerbrot und Peitsche für Staat und Wirtschaft problemlose, pflegeleichte Bürger zu bosseln, verkam allmählich zu der resignativen "Akzeptanz", die Fehlproduktionen als eine Art Unvermeidlichkeit hinnimmt und sich darauf beschränkt, Schäden zu minimieren und Zustände herstellen zu wollen, die der Menschenwürde etwas ähnlich sind.
Das widerspricht fundamental christlich-konservativem Denken. Zunächst wird der Wille Gottes geleugnet, ohne dessen Willen kein Spatz vom Dach fällt (wenn dem auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn etwas widerspricht), ist also zutiefst unchristlich, da es auch die Ideale christlicher Erziehung leugnet. Verleugnet werden auch die Werte der Familie, die unbezweifelbar die Keimzelle des Staates ist (wenn man auch zugeben muß, daß auch im besten Hühnerstall gelegentlich Windeier vorkommen), da die reparierten oder unreparierbaren Söhne und Töchter nicht in den Familienschoß zurückgeführt werden, sondern in obskuren Vereinigungen auf möglichst eigene Beine gestellt werden sollen (obwohl sie dort doch nur andeutungsweise vom rechten Weg hören, den sie vielleicht papageienartig nachplappern aber nie vollkommen beschreiten lernen). Das mißachtet auch liberalen Prinzipien, die das christliche Denken durch wirtschaftliches ersetzt haben (also auch die Familie wegen der Kaufkraft von Singles geringer einschätzen), da der Umgang mit Randgruppen eine andere nationalökonomische Grundlage voraussetzt. Diese, vielen Hambürgern, wenn schon nicht darwinistischen, so zumindest ehrenwerten Gedanken hätten für den vielbeschworenen "Wechsel" nicht ausgereicht, der auch ein Paradigmenwechsel sein sollte. Da mußte noch eine Lichtgestalt kommen, deren Strahlkraft von Höhen rechten Spätyuppietums in die Tiefen halblinken, proletarischen Sozialneids reichte. Da Glaubwürdigkeit schon immer ein Grundproblem von Banknotenfälschern und Kreditbetrügern war, fand sich im etablierten Parteigewerbe keine. Fündig wurden erst die Medien mit einem typischen Hochkommenwoller, einem kleinen Amtsrichter, der sich von seinen vielen Kollegen nicht durch Eifer absetzen konnte, sondern eher durch eine ideologische Rechtsetzung. Der Law&Order-Begriff "Richter Gnadenlos" erregte die dumpfesten Gefühle ebenso wie er die Phantasien seltsamster Investoren beflügelte. Glücklicherweise regierte gerade ein Erster Bürgermeister, der mehr von seiner Arbeit als von PR hielt, und als sich das Gewitter zusammenbraute einen Innensenator bekam, der durchzuprügeln versuchte, was als die (teils außerparlamentarische) Opposition als Zukunft verhieß. Wie die Sache ausging, ist bekannt.
Seitdem lebt Hamburg mit einem demokratischen Phänomen: sein Bürgermeister, von etwa einem Viertel der Stimmbevölkerung gewählt, regiert ohne Koalitionspartner, die als politische Frischlinge höchstens publizistische Jungjäger interessieren, und er regiert nach Gutsherrenart. Seine als Senatoren ausgesuchten Parteifreunde lassen von rechts her keine Zweifel aufkommen. Mit Frauen hat der sensible Mann mit dem von Opa verliehenen Spitznamen immerhin zu 50% Glück. Sein Werben um eine passende Kulturfrau geriet zur Lachnummer, und die Erwählte, obwohl von Springer geliefert, hielt auch nicht, was er sich versprach, denn sie wird nun von ihren ehemaligen Kollegen gemobbt. Genau das Richtige aber war eine Doppelnamendomina, die ihm ihren Mann derart stellt, daß auch der Senator mit dem Aufforderungsnamen und sogar Partytiger Gnadenlos neben ihr wie labberige Softies aussehen. Sie hat sich aber auch eine Herkulesaufgabe vorgenommen: Den gesamten Sozialklimbim, der in vierzig Jahren halbsozialdemokratischer Mißwirtschaft entstanden ist, radikal zu säubern und den gesamten Wildwuchs zu beschneiden. Endlich soll alles wieder so werden, wie es etwa zur Gründungszeit der CSU war. Man kann es diesem Verein fast nicht verdenken - zu lange war er in Hamburg von der Macht abgespänt. Nun ist sie dran, und alle sollen es fühlen.

Fiktionen der Wirklichkeit

Die gesunde Mitte

Der Unterschied zwischen Glauben und Wissen ist antik und hat die Erde als Grundlage. Ihre Kugelgestalt war bekannt, doch sie wurde als Scheibe gedacht. Das war ja, wie uns heute noch Landkarten und Atlanten beweisen, auch praktikabler. Es hatte nur einen Nachteil: Wer dem Wissen entfernter lebte, hielt die Darstellung für wahr und damit die Erde für eine Scheibe.
Die Religion, die ja stets dem Volk näher sein muß als die Wissenschaft, hielt sich an die Erdscheibe, und die spiegelte - getreu der Theorie, daß man das Große im Kleinen erkennen könne - auch die Gesellschaft, in deren Mitte der Kaiser thronte, umgeben von seinem Hofstaat, dann den besseren Kreisen, und so ging es bis an den Rand, wo dann auf den Landkarten das gefährliche Meer mit seinen schrecklichen Ungeheuern lag, und jenseits war der höllische Abgrund.
Auch dem Christentum war die Scheibe näher als die reale Welt, und das konnte manchmal - man denke nur an Galilei - ganz schön gefährlich werden. Denn schlimmer als nicht Wissen war nicht glauben.
Und so ist es noch heute. Natürlich haben wir seit Antike und Mittelalter ungeheuerliche Fortschritte gemacht. Schon kleine Kinder wissen heute, daß die Erde eine Kugel ist, an den Polen abgeplattet, und die etwas größeren haben schon vom Schwarzen Loch gehört. Seltsam ist nur, daß nicht nur die C-Parteien dem uralten Weltbild huldigen. Die Gruppen haben sich ver- und geändert, die Fiktion der imperialen Mitte ist als höchstes Ziel der Demokratie geblieben.
Da wir einem Schwarzsauer nicht vorwerfen wollen, ein schlechter Schinken zu sein, wissen wir, daß sie der Kern konservativen Denkens ist, vom Zentrum anno Willem bis zu den Cs unserer Republik. Die Illusion der "gesunden Mitte" mit ihren leicht angestaubten Biedermanns- und Biedermeierwerten von Familie, Frömmigkeit und Staatsgerechtigkeit als Grundlage allen Lebensglücks ist heute noch ihre ungebrochene Ideologie, und sie war es schon zur Gründungszeit der Vereine vor weit über hundert Jahren. Allerdings waren diese Ideale schon damals bröselig geworden wie alter Kuchen, war schon damals die Wirklichkeit eine andere geworden, weshalb es schon damals hieß: "Zurück zu ...!" Und heute noch kommt das Wort "wieder" in konservativen Sonntagsreden häufiger vor als Unterholz im Wald. Natürlich ist das reine Nostalgie, doch die ist Erfolgsgeheimnis, der Retromode in Fetzenläden vergleichbar. Hier trifft sich Zukunftsangst mit Vergangenheitsvergoldung am Stammtisch der Realitätsverleugnung. Und das Gebräu hat sich als so süffig erwiesen, daß es mittlerweile alle sogenannten Volksparteien dorthin drängt. "Wahlen werden in der Mitte gewonnen", erzählen die Meinungsforscher, und sie haben leider recht.
Was aber ist nun diese vielbeschworene Mitte? Ihre Leitwerte sind immerhin bekannt, und sie werden uns täglich nahegebracht wie chemische Innovationen von Knorr und Dr. Oetker, also als Großmutters Spezialitäten und Großvaters Werte. Diese Omas und Opas bleiben natürlich generationsmäßig unbestimmt und auch sonst unidentifizierbar. Von den wirklichen Opas weiß man ja, daß sie in zwei Weltkriege losgezogen waren (einmal mit Hurra und das anderemal aus Gehorsam), und was die Omas an Anrüchigem taten, um ihre Brut durchzubringen, hat man auch in Andeutungen gehört. Es sind also abstrakte Ahnen mit Idealwerten wie Familiensinn, Fleiß, Sparsamkeit, Patriotismus, Gehorsam, und das alles in "gesunden Maßen". Die fast unveränderte Reihenfolge der Aufzählung solcher Tugenden besagt nichts über ihre tatsächliche Wertigkeit. Sparsamkeit ja, doch nicht zuviel, da sonst die Konjunktur einbricht; Familiensinn sehr, auch wenn er so nicht mehr zu haben ist; Patriotismus vor allem bei Auslandseinsätzen von Sportlern und Bundeswehr; Fleiß unbedingt, auch wenn man dafür den Gürtel enger schnallen muß; Gehorsam unbedingt zu Vertretern des Staates, der ja keine Diktatur mehr ist und ihn deshalb absolutistisch einfordert. Es handelt sich also um relative Werte. Auch von Leitbildern ist oft die Rede, Wegweisern zur heiligen Mitte. Daran hapert es aber, nicht nur, weil sich Herr von Beust oder Herr Westerwelle nicht so einfach zur Demonstration von Familiensinn eignen, sondern weil Politiker ihren Ruf im Volk schon haben. Ersatzweise wird uns "der Unternehmer" vorgezeigt, der aber auch den Nachteil hat, daß man zuviel über ihn hört, und das Wort "schwarze Schafe" fällt dann kaum mehr. Man hört auch von "gesellschaftlich relevanten Kräften", doch das sind irgendwelche Vereinsvorstände. Seit die Mitte nicht mehr monarchisch mit "Der Staat bin ich" definiert werden kann, sondern demokratisch besetzt ist, wurde sie ein vielbeschworenes Phantom.
Da die Mitte positiv schwer zu definieren ist, versucht man meist, sie ex negativo zu orten, also aus ihrem Gegenteil, den "Randgruppen". Sie sind meist leichter zu beschreiben, und folgen der Onkel-Nolte-Philosophie Wilhelm Buschs:
Ei ja, da bin ich wirklich froh,
denn Gott sei Dank: Ich bin nicht so.

Das hat schon vor 35 Jahren gewirkt: "Seht euch diese Typen einmal an!" Sie sind ja auch nicht zu übersehen, lungern auf zentralen Straßen und Plätzen herum, da sie in überdachten Räumen meist Aufenthaltsverbot haben, und sie nerven den vielbeschworenen anständigen Bürger. Sie sind etwa vier Prozent der Bevölkerung, und eigentlich stellt es der hanseatischen Toleranz ein schlechtes Zeugnis aus, daß sie so stören. Sie sind, von der fiktiven Mitte aus gesehen, "die Anderen", Ausländer im eigenen Land, und wenn mit fremdem Ausweis, meist schon hier geboren. Sie sind weniger Randgruppen als schon über den Tellerrand gefallen, ihre meist patinierte Grellheit unterscheidet sie deutlich von der gepflegten der Bürger. Man könnte sie einfach ignorieren, doch sie haben auch eine unheimliche Nähe. Sie sind, Gott sei Dank, unverwandt, aber doch nicht wieder genug. Man sieht ihre Frühformen gelegentlich schon bei Kindern von Bekannten, denen das Modewort cool allzuoft herausrutscht. Und bei den eigenen Kindern ist man sich sicher oder doch nicht ganz, daß sie nicht ... ja, was sagt man da? In Schwierigkeiten geraten? Vom rechten Weg abkommen? Straucheln? Wenn man von Gott verlassen wird, ist der Teufel am nächsten, der große Verführer. In den Selbsthilfegruppen denken Eltern zwar darüber nach, daß auch sie Wegmarken in den Abgrund gesetzt haben könnten, doch ihres Selbstwertsgefühls wegen brauchen sie den satanischen Verführer wie der Papst.
An dieser Randzone wurden im Lauf der Zeit, also erst, als das Elend wirklich nicht mehr zu übersehen war, Sicherungs- und Fangnetze aufgestellt. Sie sollen die Absturzgefährdeten auffangen und, wenn möglich, wieder zur Mitte geleiten. Sie dienen zur Beruhigung der in der Mitte: Es wird etwas gegen die Zentrifugalkräfte getan, von Fachleuten notabene, und ihre Probleme sind die ihren. Man bezahlt sie, nicht sonderlich, und sie sollen funktionieren. Man schickt ja auch einen Karambolagewagen in die Werkstatt, und die Versicherungen kümmern sich um das Weitere. Natürlich weiß man, daß Sozialarbeit etwas komplizierter ist, doch mit den Sozialarbeitern hat man nicht gern zu tun. Sie erinnern an die mittelalterlichen Pestilenzärzte, von denen man auch nicht genau wußte, ob sie nicht einen Hauch der Ansteckung mit sich trügen, oder an Kammerjäger, über deren Besuch die Nachbarn tuscheln.
Die Mitte, darin sind sich alle einig, ist gesund, und alles andere ist krank.
Wer sich nicht ganz so unheilbar heil denkt, kann die Sache natürlich auch ein wenig anders sehen und dabei bedenken, daß sich die Erde um den Pol dreht. Das wäre wieder die fiktive Mitte, doch bei dieser Metapher käme eher ein Plattenteller heraus, dessen Drehzahl dementsprechend die Zentrifugalkraft bestimmt. Die Ideologie der Spaßgesellschaft hat ihn, von allen möglichen Genüssen und Glücksverheißungen beschwingt, ganz schön ins Rotieren gebracht. Was in der Mitte noch wie ein fröhliches Karussell wirkt, bewirkt am Rand einen kräftigen Schleuderkurs, den auch kräftige Netze kaum absichern können. Immer mehr fallen einfach durch, da sie aus Sparsamkeitsgründen immer straffer gespannt und immer weitmaschiger werden sollen.
Wen interessiert das eigentlich? Der in Politikermund so gern zerkaute Normalbürger hört viel lieber Köderworte wie Steuerverminderung, Kostenreduzierung oder Synergieeffekte. Nun ja, daß Letzteres Arbeitsplatzvernichtung heißt, spricht sich mittlerweile herum. Bei den Kosten für Sozialarbeit aber ist sie erwünscht wie der Allgemein- und Universalmediziner bei den Kassen, obwohl die auch wissen, daß man viele Fachärzte bräuchte. Nein, das Netz soll besser vernetzt werden - auch so eine schöne Floskel -, denn der Asoziale ist der Asoziale, und für Spezialbehandlungen hat man ja die Gerichte. Das klingt doch gut und ist eine einfache Lösung, mit der man ein letztlich doch marginales Problem los wird.
Die Mitte ist eine Fiktion und sich selbst genug, die Welt als Wille und Vorstellung, in der die Realität eher ein Störfaktor ist.

Der Eisberg des Herrn Schill

Über den geistigen Horizont von Amtsrichtern wurden schon viele Scherze gemacht. Sie sind ja in der Hackordnung staatsbeamteter Juristen ganz unten, in den Schluchten von Geschäftsbereichen, deren Wände von Buchstabenfolgen wie A-F usw. begrenzt werden. Die meisten haben sich Rechtsprechung einmal anders vorgestellt, und nun schieben sie Akten vor sich her, seufzen dazu "von Überlastung des Gerichts", während sie auf sich aufmerksam zu machen versuchen, um möglichst bald der Gnade der Beförderung teilhaftig zu werden. Doch immer wieder gibt es begabtere Juristen, die über ihnen in das Getriebe drängen - es ist ein Jammer. In der Kantine können sie von ihrem Heldenleben tönen, daheim ihre Lebenspartner damit langweilen, und das Leben geht an ihnen vorbei. Immer bleiben sie auf kleine Fische gesetzt, während die großen in anderen Kammern zappeln.
Von dieser Wirklichkeit aus gesehen, ist die Geschichte des Falls Schill eine sehr schlichte, handelt sie doch von keinem Fall, sondern von einem aufhaltsamen Aufstieg, den Brecht in einem Einakter hätte erzählen können: Ein profilierungssüchtiger Amtsrichter (Haartracht: © George Grosz, ca. 1931) kommt mit einigermaßen seltsamen Urteilen als "Richter Gnadenlos" in die Lokalschlagzeilen. Der Justiz ist er peinlich, was seiner Karriere eher schadet, doch um ihn herum scharen sich Personen mit Geld und dem sichtbaren Interesse, unbekannt bleiben zu wollen. Da beschloß der Amtsrichter, Politiker zu werden. Er versprach, seinem schlicht gestricktem Naturell entsprechend, einfache Lösungen und das Hellbraune vom Himmel herunter, während er sich gleichzeitig als Opfer des Faschismus ausgab. So entstand eine Erweckungsbewegung, wie wir sie schon im letzten Jahrhundert hatten, mit der Basis in Har- und Wilhelmsburg und ihrer Spitze an Alster und Elbe.
Der Erfolg ist bekannt, und was seither geschah, etwas lächerlich. Eine Weile daumelte durch die hanseatischen Partylöwengruben, weise als "Bürgersprechstunden" deklariert, doch gegen Mißbill hatte er sich schon viele Monate vor der Wahl eine testbare Haarsträhne wachsen lassen. Sein Versprechen, Hamburgs Kriminalität in hundert Tagen zu halbieren, hat er sofort nach der Wahl zurückgenommen, und sein Versprechen, die örtliche Polizei um zwei Tausendschaften zu verstärken, hat er zu einem Prozent eingehalten - durch ebenso kurzfristige wie touristische Leihgaben aus Bayern. Dazwischen hat er die Nachbarn der Stadt verärgert, da er die Dealer "egal wohin" vertreiben wollte und nicht gefragt hatte, ob die dortigen Amtspersonen ihnen Asyl gewähren möchten. Derzeit guckt er nach einem afrikanischen Staat, der die schwarzen Hilfsdealer mit offenen Armen aufnimmt - Neger sind Neger, und vielleicht legt ja Berlin etwas Entwicklungshilfe dazu. Für seine ersehnten blauen Polizeiuniformen sollen sich ja auch Sponsoren finden, und mittlerweile müssen sich schon seine dümmsten Wähler das Grienen verbeißen. Der Herr Senator Schill zeigt ja täglich, daß er die gesamte Bandbreite des politischen Denkens von A bis B beherrscht.
Natürlich weiß man schon aus der Schule, daß Metaphern häufig Glücksache sind, und dennoch ist ein typisch Schillscher bemerkenswert: Seine Jagd auf den ihm besonders nahestehenden Feind Kleindealer begründete er damit, daß man "die Spitze eines Eisbergs abtragen müsse".
Dieses gewaltige Bild erfordert einen Augenblick Besinnung. Von einem Eisberg wissen wir, daß es gefährlich ist, ihm nahezukommen, da neun Zehntel unter Wasser sind. Sollte es aber ein Kühner wagen, auf dem Eisberg landen und an seiner Spitze herumhacken - ein kühnes Unterfangen, für das einige Herkulesser nötig wären - käme tatsächlich irgendwann der Eisberg hoch und würde verschwinden. Eine ähnlich heroische Geisteshaltung hatte etwa zwanzig Jahre zuvor ein auch sonst zu vergessender Kriminalrat Plewka schon vor gut zwanzig Jahre vertreten: "Wenn wir die Kleinen hundertprozentig ausschalten, gibt es auch keine Großen mehr." Wirtschaftswissenschaftlich klang das etwa so, daß bei Schließung aller Tante-Emma-Läden Aldi pleite gehen würde. Den großen Dummheitspreis aber gewinnt Herrn Schills Eisberg, denn er ist zur Darstellung des Drogenmarktes noch weniger geeignet denn ein Igel als Toilettepapier.
Der Drogenmarkt, sehr geehrter Herr Senator, funktioniert nämlich wie jeder andere große, auch in seiner Hierarchie. Sie sehen immer seine allerunterste Ebene, die Taglöhner im Straßenverkauf, typische Schwarzafrikaner, wie man sie für Schwarzarbeit auch in anderen Branchen braucht, zum Beispiel in Kneipenküchen. Weiß der Teufel, welcher Traum sie in dieses Land geholt hat - hier war er jedenfalls zuende. Ein schlechter Halbjob mit kleinem Einkommen, großem Risiko und keiner Versicherung. Das erregt Sie, das paßt so in ihr Amtsrichterressort, daß Sie bei Schwarz schon pawlowsk Rot sehen (Herr Pawlow war der mit den automatischen Reflexen). Von der nächstunteren Ebene hören Sie gelegentlich, von irgendwelchen Kleinunternehmern und Kleinvereinen, von LKWfahrern, denen man etwas Beipack zulud, und höher reicht nicht nur Ihr Vorstellungsvermögen nicht. Stellen Sie sich vor, daß es dann ganz ehrbar wird, allen Schlagworten von Mafia und Kartell zum Trotz. Geachtete Geschäftsleute, die selbstverständlich etwas gegen Drogen haben, Bankenbosse, die für Geld Transaktionen abwickeln, Waffenhändler, die selbstverständlich nichts mit Illegalem zu tun haben ... Wirtschaft, feinste Wirtschaft, und die läßt sich ja in keiner Branche in die Karten schauen. Sie dürfen sich nicht wundern, daß Ihre Beamten gerne einräumen, nicht mehr als fünf Prozent der kursierenden Drogenmengen aus dem Verkehr ziehen zu können. Bei diesem Kleckerkram ist auch nicht möglich, was stets als Ziel der Polizei angegeben wird, nämlich das Angebot knapp und die Ware teuer zu halten. Dafür wäre Ihnen jeder Unternehmer in dieser Branche dankbar, denn es wird Überschuß produziert, weshalb die Sachen immer billiger werden.
Nur auf einem Sektor findet diese freie Marktwirtschaft nicht statt, beim verbreitetsten. Von Hanf ist die Rede, und was in unserer Republik konsumiert wird, können die bösen Niederlande aus Kapazitätsgründen schon lange nicht mehr liefern. Ihre eigenen Beamten gehen davon aus, daß etwa zwei Drittel des Krautes aus deutschen Landen frisch in die Lungen gehen, doch ihre Theorie der Produktion läßt Ökonomen schmunzeln. Jeden Sommer, kurz vor der Freilanderntezeit, präsentieren sie uns ein, zwei Wohnungen, die als Plantagen mißbraucht wurden. Immer war es ein undichtes Bewässerungsrohr und "eine Rentnerin" in der Wohnung unterhalb, und einmal war's die Feuerwehr. Die ist jedoch selten so staatsfromm, denn beim Anblick von Pflanzen sagen sie meist: "Schnell aufräumen - gleich kommt die Polizei." Solche Kleingärtnereien können unmöglich den Bedarf unserer Hansestadt befriedigen, in der man in jedem Coffeeshop (rund vierzig gibt es immer) stets die gleiche Menge (3 Gramm) in stets gleichen Tüten für stets denselben überteuerten Preis bekommt. Es scheint sich bei diesen Läden um Detailgeschäfte einer hervorragend organisierten Firma zu handeln, und das Ganze erinnert ein wenig an die vielen Schuhläden, die sich in den Neunzigern überall breit machten, eingingen und mit derselben Ware neu eröffnet wurden. Der Aufwand dieser Organisation scheint allerdings etwas größer. Sie unterhält eine kleine Söldnertruppe, die dafür zuständig ist, daß keine anderen als ihre Gewächse in den halböffentlichen Handel geraten. Gewalt braucht sie keine - sie droht mit der Polizei, und die kommt dann auch wie gerufen. Sie kommt natürlich auch, wenn ein Laden zu bekannt geworden ist und für die Nachbarn, die doch an das Gute glauben sollen, allzu auffällig. Dann wird der Laden dicht gemacht, ein, zwei Detailverkäufer gehen hops, nicht allzuweit davon eröffnet ein neuer Laden mit demselben Zeug. Am anderen Ende der Produktionskette muß man sich große Glashäuser vorstellen, aus Sicherheitsgründen gelegentlich wechselnd, und ihre Gärtner werden wahrscheinlich deutsche Gastarbeiter sein. So kommen gut 85 Prozent des in Hamburg verqualmten THC auf den Markt, und das andere sind Kleingärtner und Kleinhändler ohne Laden. Die aber werden von der Polizei gnadenlos gejagt. Ach ja, auch die legale Wirtschaft bedient sich gelegentlich der Polizei als Hilfstruppe.
Von nur etwas komplexeren Strukturen ist die mittlere Geschäftsebene beim Handel mit anderen Rauschmitteln. Die mit Wachs überzogenen Kügelchen, die verkauft, geschluckt oder gekotzt werden, müssen in größeren Manufakturen hergestellt werden, und sie enthalten, was Substanzen und Streckungen betrifft, stets dasselbe. Darüber, ob Ihre Beamten nicht an diese Ebene kommen oder mit ihr zusammenarbeiten, sollen Andere spekulieren. Das Geschäft läuft auf diese Weise ja ganz gut, für beide Seiten, und falls Sie sich als Präses Ihres Eisbergs sachkundig machen wollen, könnten Sie dies ja bei einer Ihrer feuchten Bürgersprechstunden tun - dort finden Sie sicher kompetente Geschäftsleute.
Es gibt eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich eine Amtsrichterweisheit träumen läßt, und damit haben wir Ihnen, sehr geehrter Herr Senator, genug der Ehre angetan. Schlimmstenfalls können Sie sich auf Ihre demokratische Legitimation berufen, und zynische Scherze über die Schwächen der Demokratie machen Ihre Freunde weit besser.

Sozialkalvinismus

Am Versuch, die "christlichen Werte" der C-Parteien zu bestimmen, sind schon Andere verrückt geworden. Zuviel Kraut und Rüben werden in diesem Keller durcheinander gelagert, und nicht nur der muffige Geruch stört beim Sortieren. Es ist ja nicht leicht herauszufinden, zu welchem der vielen Christentümer das jeweils gemeinte Christliche gehört, weiß Gott. Der des Augsburger Bekenntnisses dürfte es nicht sein, denn der ist ein strenger Vater und Buchhalter und wird sich schon echauffieren, wenn Petrus einen seiner Politiker anmeldet. Der katholische kommt schon eher in Frage, mit seiner Gnade der Sündenvergebung, derer der schlimmste Sünder am teilhaftigsten wird. Das erklärt vergangene Phänomene wie Strauß (und noch heute ist in seinem Erbland jeder Mensch stolz, ein Hund zu sein) oder die doppelte Ehre unseres Altkanzlers. Das aber scheint nicht auszureichen, Eigenheiten zu erklären, die einem nicht so Frommen eher unchristlich erscheinen.
Vielleicht hilft uns zum Verständnis eine theologische Diskussion, die vor einem Dreivierteljahrtausend zwischen Dominikanern und Franziskanern tobte und die Caritas zum Gegenstand hatte. Die Franziskaner vertraten als Bettelorden die Ansicht, die christliche Nächstenliebe habe für alle Menschen da zu sein, während die schon reichlich vermöglichen Dominikaner der Meinung waren, der Herr habe nur die Würdigen gemeint. An Argumenten wurden viele theologische Haare gespalten, angefangen von der Dankbarkeit und Bekehrung zur Frömmigkeit, die man von den Hilfsopfern in Gottes Namen zu erwarten habe, während die Franziskaner diese nur von den von Gott ja bevorzugten Helfern erwarteten, nicht jedoch von den dafür wohl nicht so gebildeten Opfern. Fast hundert Jahre stritt man so, bis die Dominikaner mit De dignitate pauperum obsiegten und die Franziskaner ein Bettelorden blieben. Von da bis Luther waren Christi milde Gaben vom Dank ihrer Opfer und deren verbessert christlichem Lebenswandel abhängig.
So man Geschichte als fernen Spiegel betrachtet, hat man den mittelalterlichen Streit bis in seine feinsten Verästelungen auch in den letzten fünfzig Jahren sehr gegenwärtig erleben dürfen. Dunnemals wie jüngst damals ging er um Verbesserung der oder Hinnahme der nicht so schönen Zustände, und er forderte immer wieder viele Opfer. Er fand auf vielen Schlachtfeldern und Nebenskriegsschauplätzen statt und war, wie alle Kombattanten selbst sagten, "ein Glaubenskrieg". Die einen forderten lautstark eine "Anerkennung der Wirklichkeit", während die anderen düster von "Dammbrüchen" raunten, die auch hinterste Gebirgler verschreckten, und wer für eine gelassenere Sicht der Dinge plädierte, mußte sich "Verharmloser" nennen lassen und vorwerfen, daß er einen Rattenzug des Elends in das Paradies locken würde. Keine Übertreibung war zu grell, keine Verheißung zu unglaubwürdig ... Glaubenskriege haben ihre eigene Unlogik.
Wer erinnert sich noch der Methadondebatte? Fast fünfzehn Jahre zog sie sich dahin, und ihr ideologischer Deichgraf war Herr Heckmann, auf seiner damaligen Karrierestufe Drogenbeauftragter von Berlin. Er besaß alle Talente, die einen erfolgreichen Politiker ausmachen, hatte also ein geschicktes Händchen in Einfädeln von Abhängigkeiten und Knüpfen von Seilschaften, war begnadet in Intrige, hemmungslos in Diffamierung und Erbhofbauer in reiner Lehre. Er unterschied zwischen "vernünftig" (=Gehorsam), "feindlich" (=andere Gedanken), "nachdenklich" (=in seinem Sinn verwendbar) und "schädlich" (=alles andere). Der damalige Bundesdrogenbeauftragte Franke lobte öffentlich sein "diplomatisches Geschick" und privat seine "Fähigkeit für Grausamkeiten", mit der er als nimmermüder Kettenhund in Laufgatter den "Königsweg" bewachte, eine dogmatische Einbahnstraße zu Drogenfreiheit und staatlicher Wiedernutzbarmachung. Sie durfte das einzige Ziel aller Drogenarbeit sein, allein seligmachend, und wer anderer Ansicht war, wurde verdammt und mußte vernichtet werden. Keine Lüge war ihm zu dumm ("Auch bei Haschisch gibt es eine tödliche Dosis"), keine Metapher zu schräg ("Ich bin davon überzeugt, daß es zutiefst inhuman ist, Leuten, die Probleme mit Drogen haben, Drogen zu geben.", wg. Methadon) und keine Theorie zu verstiegen, angefangen vom "Leidensdruck", mit dem man Abhängige zur Therapie pressen müsse, bis hin zu "Therapieresistenten", die nun einmal unvermeidbare Verkehrsopfer auf dem Königsweg sein müßten, auch als "abschreckende Beispiele" verwertbar.
Heute, nachdem Methadonambulanzen schon lange die Zahl der Drogenunfälle mit Todesfolge senken helfen, seit Einwegspritzen das Risiko von Infektionen und Sepsis verringern, ist das alles etwa ein Dutzend Jahre her und doch schon Steinzeit. Dennoch meldet sich Heckmanns Geist immer wieder wie ein Vampir aus der mit Leichen gefüllten Gruft. Immer wieder geht es um "-wert" und "-würdig", also darum, ob Hilfe bei Problemen eine (unangenehme) Selbstverständlichkeit oder eben doch ein Gnadenakt sei.
So wird das Ganze natürlich nicht gesagt, auch nicht in unserer Hansestadt, deren gegenwärtige Regierung unzweifelhaft der Gnade Gottes bedarf und sich ihrer auch sicher ist, wenn sie mit dem Rotstift zwischen "effektiv" und "wenig effektiv" zu trennen versucht. Denn "effektiv" ist die lange verblichene "reine Lehre", die ja auch bequem scheint, da sie auf alle Probleme eine schlichte Antwort hat, befestigt von den Strebepfeilern ebenso alter wie wohlfeiler Lügen.
Nun müssen wir einräumen: Sozialarbeit ist ein karger Topf, um den sich alle möglichen Sozialarbeiter drängen. Heckmanns führerlose und betagte Welpen gerieren sich gerne als pflegeleichte Schoßhündchen, während sich andere gerne als ruppige Straßenköter zeigen, weniger der edlen Tafel zugetan als, o weh!, der Gosse.
Man kann einer wahrscheinlich sogar etwas gebildeten Dame nicht verdenken, daß sie sich lieber auf einer gepflegten Terrasse aufhält, wo man gepflegt über Prävention als Basis plaudern kann, Diagramme häkeln und die Welt als Typologie sehen. Wie überall in der industriellen Produktion gibt es Ausschuß, unverkaufbare Typen (bzw. zu reduzierten Preisen). Jeder Bürger hat das Grundbedürfnis, nicht sehen zu müssen, was sein Weltbild verstören könnte, denn dann ... ja dann leidet sein Sicherheitsgefühl. Und Gefühle sind wichtig, im politischen Geschäft meist wichtiger als Tatsachen. Es gibt genügend in Werbebüros abgewanderte Psychologen, die ein Bedrohtheitsgefühl ohne Bedrohung konstruieren können, und selbst das gerne beschworene Lebensgefühl hat mehr mit Konstrukt als Leben zu tun. (Es war ja auch Marketing, BigMac&Cola&Baseballmütze als "amerikanisches Lebensgefühl" zu verhökern, wenn das auch - zugegeben - im real existierenden Cocacolonialismus leichter geht als beispielsweise unsere "drogenfreie Gesellschaft".) Gerade bei Sozialarbeit ist es immer leichter, in Theorien zu diskutieren, denn die Praxis ist leider ziemlich ekelhaft. Auch der "Normalbürger" hört lieber Theorien, denn das Elend sieht er zwar, mag aber nicht hinsehen.
Von der Theorie zum Dogma ist kein weiter Weg, und dessen Vollendung ist eine Glaubenslehre. Es wurde ja auch in der frühen Neuzeit über den mittelalterlichen Dogmendiskurs nachgedacht, zum Beispiel von Calvin. Auch Nichtcalvinisten übernahmen gerne dessen christliches Theorem: Die Guten überschüttet der Herr auch mit irdischen Gaben - eine Art Instant Karma, die auch in den USA geglaubt wird -, während die weniger Guten eben weniger gut wegkommen. Natürlich ist dennoch Caritas Christenpflicht, wie die vielen calvinistischen Stiftungen zeigen, doch es ist ihre vorderste Aufgabe, die Sündigen zu Frömmigkeit zu führen, die ja nach dem Gedanken "Hilfe zur Selbsthilfe" auch Wohlstand bringen wird.
Sozialarbeit wird damit auf der geistigen Ebene der Entwicklungshilfe angesiedelt, für die man sich zwar auch 0,7% des Etats vorgenommen hat, sich jedoch - Arme sind ja geduldig - mit wesentlich Weniger brüstet, und bei skeptischen Nachfragen mit der hoffnungslosen Situation der "Nehmerländer" argumentiert.
Da unsere Hansestadt am bayerischen Wesen genesen soll, könnte man diese Art von Sozialcalvinismus auch Weißwurstigkeit nennen. Es gibt ja Angebote, und wer von ihnen nicht erreicht wird, ist selbst schuld. Vom Sozialdarwinismus unterscheidet sich der Sozialkalvinismus durch eine C-breite Yuppieeinheit, kaum mehr als ein Feigenblatt. Sie geht davon aus, das Beste getan zu haben (was man sich auch andauernd zur Selbstvergewisserung bestätigt), und wer dafür nicht dankbar ist, dem ist nicht zu helfen.
Die Hansestadt, wir haben es ja so oft gehört, daß es auch der Unmusikalischste singen kann, muß sparen. Überall, gnadenlos und brutalstmöglich. Wer das nicht versteht, ist uneinsichtig, und wer gar aufschreit, muß sich von der Frau Senator sagen lassen, daß sie durch derlei nicht zu beeindrucken sei. Sie ist doch selbst eine Frau: eine Frau, die noch nie ein Frauenhaus gebraucht hat, die durch keine unerwünschte Schwangerschaft mehr aus ihrem sozialen Gefüge geworfen werden kann, vermutlich auch keine therapiebedürftigen Drogenprobleme hat ... Kurzum: diese Frau steht für alles, was sie nicht braucht. Sie kommt damit aus, und wir sollen es auch. Selbstzufriedenheit ist die einzig wirkliche Zufriedenheit.
Manchen aber fällt es schwer, diese der Dame zu gönnen. Sie haben einfach eine andere Perspektive, blicken nicht nach oben oder zukunftsfreudig geradeaus, halten die positiven Aussichten eher für eine Brave New World, denn sie sehen um sich, was dereinst höchstens Sozialarchäologen erkennen sollen: Elend, das nicht durch ein bestimmtes Nadelöhr zu quetschen ist, sei es aufgrund seiner Struktur, sei es aus Unwillen gegen dieses Nadelöhr. Tja, die in die Mühle geraten, haben eben Pech gehabt, so ist das nun einmal in einer Leistungsgesellschaft, die sich wieder lohnen soll. Und wer das nicht einsieht, muß sich eben damit abfinden, daß in einer Demokratie die Mehrheit bestimmt, mit christlichen Werten.

Real existierende Fiktionen

Zwischen Temperanz und Abstinenz

Rausch und Ekstase sind so alt wie die Menschheit; die Probleme, die sie sich damit macht, etwa sechzehn Jahre jünger. Das Kleinkind, mit dem Entdecken der ihm neuen Welt scheinbar nicht voll ausgelastet, ist nebstbei auch Adler, Tiger oder süßes Mäuschen, je nach Bedarf und stets überzeugt. Die Umwelt bemüht sich, ihm diese schamanischen Flausen auszutreiben, doch ein Verlustgefühl bleibt, denn so leicht läßt sich ein Kind nicht domestizieren. Irgendwann - früher nannte man das Flegeljahre, heute Pubertät - entdeckt es die gebannten Ekstasen in neuem Umfeld wieder, als Sexualität und Rausch. Bei erster wird die trotz Aufklärungsversuchen heimliche Entdeckung in Oversize-Fummeln verborgen, zweiter wird meist gruppenweise bis zum Kotzen erkundet, und beides gilt als Ausschweifung. Die "normale Welt" ist darob natürlich entsetzt und versucht, dem durch rigide Grenzziehungen Herr zu werden. Dabei kapriziert sie sich bei Sexualität auf Formen, beim Rausch auf Mittel, und beides klappt nur höchst bedingt.
Unser aufgeklärtestes, vernünftigstes Zeitalter, an seiner Geschichte erkennbar, hat sich nun, nachdem alle möglichen Erweckungsbewegungen im Graben endeten, entschlossen, den neuen Menschen zu schaffen. Auf Sexualität kann man dabei leider nicht verzichten, doch der Rausch soll endgültig aus der Welt geschafft werden. Man soll ihn, wie unser feister Exkanzler so schön sagte, "genau so ächten wie den Kannibalismus". (Die Rede war natürlich von "kulturfremden Drogen", und dieser Begriff entstammt den schlimmsten Tugenden unseres Zeitalters, dem Nationalismus und Rassismus. Die CDU, stolz darauf, deutsch zu sein, und vom Lobgesang auf das freie Unternehmertum erhoben, müßte übrigens wissen, daß von Amphetamin über Cocain, Heroin, Morphium bis zu nahezu allen Designerdrogen deutscher Fleiß der Anfang war. Und mit ein wenig Geschichtsbewußtsein könnte man der Germanen gedenken. Die hatten zwar ihren Met und ihr Bier, doch auch den römischen Neophyten Wein haben sie nicht als Kolonialistengesöff abgelehnt, und Archäologen mußten feststellen, daß sie auch gekifft haben.)
Wir sollten der Anfänge unserer Rauschmitteldebatte nicht vergessen: Der Industrialisierung, die durch Europa eine Völkerwanderung Proletariat wälzte und deren Chemie immer neues Raffiniertes bescherte, verdanken wir, daß sich in Deutschland bereits 1840 zwei Vereine - was denn sonst - reichlich unversöhnlich gegenüberstanden: Der Berliner "Verein zur Förderung der Enthaltsamkeit", dessen "Enthaltsamkeitsnachrichten" eine reichlich trockene Botschaft verkündeten, während der "Hamburger Verein gegen das Branntweintrinken" Maßhalteappelle predigte. Die Vereine zeugten Kinder und Kindeskinder, zumal sich gegen Ende des Jahrhunderts Pietisten und Sozialisten geballt des Themas annahmen, und dann trafen sich 300 Delegierte zum "Internationalen Kongreß gegen Alkoholismus 1903 in Bremen". Die Grundsatzfrage "Mäßigkeit oder Abstinenz?" blieb handgreiflich unentschieden. Bei Essigsaurer Tonerde (die Kongreßabrechnung verzeichnet 3,5 Liter) einigte man sich auf einen dennoch-gemeinsamen Kampf gegen den Feind, und einen neuen Teufel brachte 1912 der "Deutsche Tabakgegnerbund" aus Thüringen ein. (Das Deutsche bei vielen Vereinen war ganz deutsch gemeint, und der Deutsche Guttemplerorden schloß schon 1883 "Polacken, Juden u.Ä." von seiner Abstinenz aus.) Der geballte Vereinshaufen blieb uns erhalten: seit 1919 als "Nüchterheitsamt", ab 1921 als "Reichshauptstelle gegen den Alkoholismus", ab 1939 als "Reichsstelle gegen die Alkohol- und Tabakgefahren samt Reichsmeldestelle für Opiatsuchten", nach 1945 als "Hauptarbeitsgemeinschaft" und seit 1947 als "Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren", Westring 2 in Hamm an der Lippe. So ungebrochene Biographien sind in unserer Republik selten, und der Urkonflikt wurde damit gelöst, daß bei Alkohol, Pharmaka und Tabak zur Mäßigung geraten und für alles andere Zwangsabstinenz verordnet wird. Da auch nicht nur Vereine, sondern auch Regierungen am liebsten eine Adresse haben, zeigt sich das in allen Gesetzen und Urteilen, wo man seine Gutachter lieferte.
Dem Rausch hat das alles herzlich wenig ausgemacht. Er ist ein Bedürfnis wie die Sexualität, wenn nicht sogar das stärkere, wenn man die Zahlen vergleicht: Sexualdelikte - Rauschmitteldelikte, Todesfälle aus sexuellen Motiven und Rauschmittelunfälle (und meist kommt das eine zum anderen). Doch die Zahlen lügen, sie können nicht anders: Die Schwellen sind bei "normalen Sexualgewohnheiten" und "normalen Rauschmitteln" deutlich großzügiger bemessen als bei "abartigen" Sexualpraktiken und illegalen Rauschmitteln. Wobei wiederum unterschiedliche Tendenzen bemerkt werden müssen. Die Sexualitätsdebatte wurde lockerer, ihre Härten weichten trotz der spitzen Schreie der Kirchen auf, von §175 bis §218 weit in deren Umfeld hinein, und Gnadenlosigkeit ist vor allem bei der Mangelware deutsches Kind angesagt, denn bei solchen von Ausländern wird weniger gebarmt. Bei illegalen Rauschmitteln ist die umgekehrte Richtung auffällig, die sogar schon Alkohol und Tabak erfaßt hat, während Pharmaka aus Respekt vor unserer Industrie lässiger gesehen werden als Schwulität. Man kann höchstens sagen, daß der Hammer Vereinsverein mehr Divisionen hat als der Papst samt EKD.
Man könnte natürlich auch darüber nachdenken, woher die zivilisatorische Wut kommt, einen menschlichen Urtrieb, wenn man ihn schon nicht ausrotten kann, zumindest büttelstark überwinden zu wollen. Vielleicht ist es so, wie Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung anmerkten: "Der Rausch ist eine der ältesten gesellschaftlichen Veranstaltungen, die zwischen Selbsterhaltung und -vernichtung vermitteln, ein Versuch des Selbst, sich selbst zu überleben. Die Angst, das Selbst zu verlieren und mit dem Selbst die Grenze zwischen sich und anderem Leben aufzuheben, ist einem Glücksversprechen verschwistert, von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht war." Natürlich lassen sich beide Triebe domestizieren, in gewissen Maßen allerdings, und ein Restrisiko wird immer bleiben. Bei der Sexualität weiß man das; beim Rausch will man das nicht wissen und "nicht dulden". Das Wort "Zero-Tolerance" ist ein geistiger Neophyt aus dem steinigsten Boden der US-Konservativen, fast noch enger geschnallt als der Biblic Belt und - wir wissen es doch auch! - eine üble Heuchelei, da die Strenge Anderen strenger gilt als den Predigern.
Dem Rauschbedürfnis wird das auch nichts ausmachen. Es steht eher zu befürchten, daß es damit zunimmt - vom Reiz des Verbotenen angefangen bis zu Tendenz, den Rausch nicht mehr als Urlaub sondern als Abschied von der Gesellschaft zu nehmen, als Verinnerlichung der Verhärtung. Normen wirken in denen besonders stark nach, die sie brechen wollen, und das kann sie dann gefährlich machen. Dieses Paradox wird ungern wahrgenommen, da es die Theorie linearer Regelsetzung verstört. Auch ein alltägliches (ebenso scheinbares) Paradoxon wird selten gesehen: selbst wer nichts, sogar überhaupt nichts gegen Rauschmittel hat, welche auch immer, ekelt sich vor allzu Berauschten. Das ist wenig Erziehungsergebnis und viel Instinkt. Es ist die Verinnerlichung der Paracelsus-Erkenntnis dosis facit venenum. Hier könnte Rauschmittelpädagogik einsetzen, doch ihre geforderte Marschrichtung ist Richtung Askese ausgeschildert. Schlichte Gemüter verstehen darunter Prävention, und das ähnelt den ebenso drastischen wie wirkungslosen Warnungen von der Gesundheitsschädigung durch pubertäre Selbstbefriedigung vor hundert Jahren, deren einziger Nutzwert darin bestand, einige Neurosen zusätzlich zu bescheren.
Man könnte sich auch vorstellen, unter Prävention eine Pädagogik zum Maßhalten zu verstehen, die den mündigen Menschen auch beim Jugendlichen voraussetzt (und das hebt sein Selbstwertgefühl, das meist auch ein Selbstschutz ist) und ihn möglichst emotionsfrei aufklärt. Ja, das haben wir schon auf vielen Gebieten, sogar schon bei Sexualität, wo die Bienen längst in die Vergangenheit entschwirrten, haben es sogar schon teilweise bei den legalen Rauschmitteln (mit rückläufiger Tendenz), doch das Prinzip des Maßes wird nicht mehr zu verankern versucht.
Zugegeben: das ist nicht leicht gegen eine Armada von Verführern, die im Grunde Maßlosigkeit predigen. Ohne zum Fluch auf die progressive Konsumgesellschaft anheben zu wollen, ist problematisch, Luxuria zu Status zu erheben oder senken. Lehrer können ein Lied davon singen, die allermeisten als Jugendkriminalität registrierten Aneignungsversuche gelten Statussymbolen, und Bescheidenheit ist eine so ausgemusterte Tugend, daß jedes Lob des Maßes wie eine hohle Predigt tönt. Man müßte wahre Wunderdinge leisten, und läßt es daher meist bleiben. Man denke sich den Schrecken einer Lehrerin, die sich vor der Tafel bücken mußte und aus der Klasse zu hören bekam: "Das ist aber keine Diesel-Jeans."
Längst haben Psychologen die "nicht stoffgebundenen Süchte" als Land der unbegrenzten Möglichkeiten entdeckt, längst schon wird gefragt, ob nicht jede Konsumgesellschaft im Grunde eine Suchtgesellschaft sei, und immer noch werden als Prävention wurmstichige Tafeln mit ehrwürdig alten Sinnsprüchen hochgehalten. Der Rausch und das Bedürfnis danach ist ein Übel und daher abzuschaffen.
Man versucht gar nicht, ihn als das zu sehen, was er zunächst ist: ein (meist nur zeitweiliger) Urlaub von der Gesellschaft mit einem dafür geeignet gehaltenen Vehikel. Wie überall gilt die Regel: Was man dafür am besten hält, fordert seinen Preis. Goethes Faust kennt die Gefahr. "Wird' ich zum Augenblicke sagen: verweile doch, du bist so schön ..." Wer dies will, hat den Pakt erfüllt und ist des Teufels.
Doch das gilt nicht nur für den Rausch.

Straßengräben am Königsweg

Am Anfang unserer Republik war der Wiederaufbau. Das "wieder" war nicht unumstritten. Adenauer meinte "das Erhaltenswerte", und das war vor allem seine Partei, die für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte und ihre potentiellen Verbündeten, von den Liberalen, die dasselbe getan hatten, bis hin zu entnazten Nazis. Es galt ja, die rote Gefahr abzuwehren. An Baulichkeiten wurden Symbole der ordnenden Macht bevorzugt: Kirchen, Rathäuser, Gerichtsgebäude, und alles andere sollte neu werden. Nach den eckig-männlichen Formen, die das Tausendjährige so schön kostümiert hatten, waren in der Architekturmode nun runde, weibliche gefragt, New Look bis zum Nierentisch, Zierleistchen aus echtem Eloxal, genau den alten Plüschmustern nachgesteppte Plastik, und die Kinoneubauten waren die Tempel der Zukunft. Es muß eine herrliche Zeit gewesen sein. Man blickte voller Optimismus nach vorn, und wenn man zurückblickte, sah man als erstes Sissy. Alleinerziehende Väter von Rühmann bis Erhardt trösteten (aus Kriegsgründen) alleinerziehende Mütter, man schaffte die neue Welteroberung mit dem Motorroller schon bis Italien - ein solches Wunder war die Mark -, und als in Bern der entscheidende Ball fiel, sangen sie dort das komplette Deutschlandlied, und die Zeitungen schrieben: "Wir sind wieder wer".
Es gab natürlich auch, was man soziale Probleme nannte. Die sieben Millionen Ostlandsdeutschen von Ostpreußen über Schlesien, Sudeten, Siebenbürgen bis zur Walachei mußten integriert werden, und das gelang so gut, daß sie nur dann mehr auffielen, wenn sie zu Pfingsten ihre Versandhaustrachten anlegten und der heilige Ungeist über sie kam. Für das, was "Wohlfahrt" hieß, gab es ehrwürdige Vereine, die teils mit, teils ohne das vergangene Regime die Zeiten überdauert hatten und mit der Gegenwart nicht viel zu tun hatten. Deren jüngerer Teil wurde mit verächtlichen Worten bedacht, von denen etliche zugkräftige Illustrierten- und sogar Filmtitel wurden: Schlurfs, Existentialisten, Halbstarke, Espressolümmel, Gammler, Hippies. Und dann, Ende der Sechziger, war die Idylle vorbei.
Die Zeitungen und das Bürgertum, auferstanden aus Ruinen, schimpften noch mit den Charakteristika von gestern auf die Marx-Markuse-Jünger, die der Zukunft zugewandt waren. Doch die verstanden darunter etwas anderes. Sie wollten den neuen Menschen machen, und wie Gott den Lehm, nahmen sie Heiminsassen, jugendliche Straftäter und sonst gescheiterte. Sie sagten ihnen: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!", und meinten, daß es schon gut gehen werde.
Es ging, man denke von Bambule bis RAF, nicht gut, und doch sind hier die Anfänge moderner Sozialarbeit. Pädagogik war ein ziemlich junges Studienfach, und wer unter den Jungen ähnlich aktionistisch gedacht hatte, entdeckte zwar die Notwendigkeit (und auch Selbstversorgungsmöglichkeit) der Sozialarbeit, ging sie jedoch mit anderem Impetus und anderer Zielsetzung (z.B. Integration) an. Dem deutschen Naturell entsprechend wurden also, angefangen von den frühen Siebzigern, viele mehr oder minder langlebige Vereine gegründet, manche mit größeren, manche mit geringeren Chancen.
Über die entschieden nicht nur die jeweiligen Behörden, sondern auch Vereine wie die DHS. Und deren Haltung hatte schon der erste Drogenbeauftragte unserer Republik, Herr Franke, als Ergebnis vorzeitlicher Diskussionen und Denkschulen vorgegeben: "Wir haben lange gebraucht, einen gemeinsamen Weg zu finden. Er ist zwar hart, aber gerade, und da dürfen wir keinerlei Abweichungen dulden."
Die ihn trassierten, nannten ihn "Königsweg", und schon dieser Name war in jener doch eher der Demokratie verpflichteten Zeit etwas seltsam. Königswege sind aus dem Mittelalter in einigen Städten erhalten, und sie waren nicht gerade, obwohl sie zur Krönung führten. Eigenartig auch das Bett dieser Avenue, ehrwürdiger Kies aus dem Steinbruch "unveränderlicher gesellschaftlicher Werte", als hätten die sich nicht auch mit der Gesellschaft verändert, planiert mit Asphalt aus einfachen Typenkochern, die für ein Problem nur eine Lösung kennen. In diesem Fall war das Rezept eine der Alchemie ähnelnde Prozedur: also sollte das krude Rohmaterial durch Leidensdruck komprimiert werden, ehe es in das Läuterfeuer der Therapie geschüttet wurde, um dann als Edelmetall wieder dort ausgeschieden zu werden, woher es kam. War der Rohling nach erster Behandlung noch nicht zufriedenstellend geraten, konnte das große Werk noch zweimal wiederholt werden, doch dann kam er als "therapieresistent" auf die Halde. Und dann? Nichts mehr. Die Ausgeschiedenen waren nur noch für die Justiz und ihre Mühlen interessant.
Man müßte über diese Einbahnstraße nicht mehr reden, hätten nicht die sie Pflasternden bereits über ihre Unmöglichkeit Bescheid gewußt. Sie rechneten immer und sie brauchten stets die von ihnen "Wilde" genannten anderen, die mit der Problematik anders umgingen, einzelne Ärzte mit medizinischem Gewissen, obskure Vereine, die früh schon das praktizierten, was man heute "akzeptierende Drogenarbeit" nennt. Sie waren aus vielerlei Gründen bequem. Ihre Unorthodoxie verringerte den Schaden der offiziellen Drogenpolitik, so daß man die als erfolgsversprechend zurechtlügen konnte, und man hatte sie fest in der Hand. Jederzeit konnte man sie "illegaler Praktiken" bezichtigen und seine Hilfstruppen, also Polizei und Staatsanwaltschaften, auf sie hetzen. Wer "Therapieresistente" substituierte, konnte mühelos der Lokalpresse als "krimineller Verschreiber" ausgeliefert werden, und wer in der Sozialarbeit dann nicht kuschte, war logischerweise ein "Sympathisant der Terroristen".
Sie zeterten gerne von "Drogenmafia", doch auch sie waren eine: ein Haufen geübter Paten, unnachsichtig, eisig autoritär und mit allen konspirativen wie clandestinen Verbindungen gesegnet. Sie hatten ihre Agenten an alles für sie interessanten Schaltstellen das Staates, konnten Karrieren machen und zerstören. Keine Lüge war ihnen zu billig, denn sie konnten für eine jede einen von ihnen finanziell Abhängigen als Gutachter aufbieten. Wie ein Kaugummi klebten sie an allen Ansätzen der Macht, und es ist wie ein Wunder, daß eines Tages ihre Gewalt geringer werden mußte.
Es hatte schon gelegentlich im Gebälk gegrummelt. In anderen Ländern war Substitution mit Methadon schon längst ein Teil der Wirklichkeit geworden, nur in unserer Republik kämpfte Herr Heckmann wie ein Mann dagegen, faselte von "nachdenklichen Wissenschaftlern", die auch seiner Meinung seien, und raunte von "Dammbrüchen, die letztlich zu einer Verharmlosung aller Drogen führen werden" und zu einer "gesamtgesellschaftlichen Drogenvergiftung", wozu allerdings die legalen Drogen - er nannte sie gerne Genußmittel - irrelevant wären. Wie alle megalomanen Feldherren merkte er nicht, daß seine Schutztruppen bereits zweifelten. Sogar Polizeipräsidenten begingen die Unbotmäßigkeit, von Substitution eine Kriminalitätsentlastung zu erhoffen. Und beim Hearing der Deutschen Aids-Hilfe 1987 verließen ihn seine jahrelang getreuen Gefolgsleute trotz Flehen, Verheißungen und Drohungen. Es war, wie sich bald zeigte, der Beginn offizieller Akzeptanz akzeptierender Drogenarbeit.
Sie kam spät, für Viele zu spät. Sie ist, wenn die Analogie gestattet ist, ein Ausdruck derselben gesellschaftlichen Entwicklung, die Homosexuelle nicht mehr als Kranke, Entartete sieht, die mit Strafen und Therapien zur "Normalität" gezwungen werden sollen, doch ist es auf dem Gebiet der Sozial- und Drogenarbeit noch lange nicht so weit. Es wird schwer zu verstehen sein, daß suchtähnliches oder süchtiges Konsumverhalten eine ähnlich soziale (oder auch asoziale) Veranlagung sind wie die sexuelle Ausrichtung. Hier steht man noch weit vor einer Reform oder gar Streichung des § 175.
Bei allem Optimismus: Noch versucht die akzeptierende Drogenarbeit sich aus den Gräben zu befreien, die am Rand des Königsweges zu seiner Befestigung gebaggert wurden, auf daß jeder fallen möge, der ihn verläßt. Noch sind seine alten Wächter aktiv, in den Behörden und in den Medien, die wiederum auf die Politik Druck machen. Und ihre verschärften alten Lügen sind bekannt, aber nicht stumpf.
Sie sind im Grunde immer dieselben und entsprechen mittelalterlichen Seuchentheorien. Am anfälligsten sind natürlich die Kinder, immer. Jede kinderfeindliche Gesellschaft heuchelt Kinderliebe, die alles berechtigt, vom Militäreinsatz in Palästina bis zur Lokalpolitik. Keine Drogenambulanz, der Kinder wegen, die durch den Anblick von Wracke zu Junkies werden könnten, kein Bordell in Wohngebieten, da die Kinder sonst Huren würden, obwohl deren Väter aus Schicklichkeitsgründen ohnedies zu diesem Zweck andere Stadtteile aufsuchen ... Und würde der Gesetzgeber Cannabis etwas lockerer sehen, würde die Zahl seiner Konsumenten auf das fünffache steigen. Natürlich könnte man fragen, ob sich die Zahl der Schwulen durch die Streichung des § 175 vervielfacht hätte, man könnte auch darauf hinweisen, daß in den bösen Niederlanden die Zahl der Kiffer eher abgenommen hat, doch diese Argumente werden nicht einmal ignoriert. Zu allerletzt wird die Einstiegsdrogentheorie aufgefahren, wissenschaftlich schon längst verblichen, doch jederzeit aus Bequemlichkeitsgründen frisch aufgepumpt wie ein geliebter Vampir.
Es gibt noch viele solche Beispiele, und sie zeigen allesamt das Paradoxon der Universalausrede, die bei allen Pannen in Neufünfland gilt, egal, ob die Dummheit oder Kriminalität als Grund haben: die vierzig Jahre sozialistischer Mißwirtschaft. In diesem Fall, da der Westen nicht irren konnte, wird von seit vierzig Jahren Bewährtem gelogen, obwohl der Scherbenhaufen des Scheiterns schon ein Vierteljahrhundert unübersehbar ist. Eine Paradigmaveränderung darf jedoch nicht sein, denn es kann sich doch nicht heute als schlecht erwiesen haben, was vorgestern gut schien.

Zwischen den Mühlsteinen

Es war jetzt viel von Rauschmittelpolitik die Rede. In Wahrheit ist sie nur ein Teilbereich der Sozialarbeit, nicht einmal ein sehr großer. Vom Arbeitsverständnis her sind Sozialarbeiter zunächst Anwälte der jeweils Schwächeren. So ist es auch von Staats wegen, doch der Staat hat in seiner unendlichen Weisheit der Instanzenvervielfachung auch eine Behörde geschaffen, mit der er sein Sozialsystem zu regeln versucht. Das ist gut und schön, aber nur so, als hätte er eine Justiz zustandegebracht, in der nicht nur Staatsanwaltschaften, sondern auch Richter weisungsgebunden seien und es natürlich keine Richterwahl gibt. Und da schon die Unabhängigkeit der Justiz eine Farce ist, darf man sich die "Objektivität und reine Sachbezogenheit der Sozialbehörden", wie sie so gerne beschworen wird, auch vorstellen. Sie sind naturgemäß die Gegner der auf soziale Maßnahmen Angewiesenen, und die Behörden sehen sie samt ihren Anwälten auch so.
Andererseits sind die behördlichen Gaben für die sozial Schwachen so gering, daß auch zwischen Sozialarbeiter und Sozialopfer immer eine Mißtrauensschwelle bleibt, die wiederum der Behörde dient. Dazu kommt die allgemeine Verinnerlichung von Staat und seiner Macht bei Staatsangestellten und Beamten, die oft nur eine Duck-Kompensation der internen Hierarchie ist, auch die allzu lange ausgetragene Beförderungshoffnung, die jeweilige Tagesform ... es ist scheußlich für alle.
Die so gern gerühmte "Befriedigung, Gutes getan zu haben", gibt es nicht, höchstens als erschöpften Seufzer nach einem für alle Seiten ermüdenden, im Wortsinn würdelosen Ringen, in dem die Obstakuli aller möglichen, einander zu größten Interpretationsfreiheiten widersprechenden Bestimmungen die Hauptrolle spielten. In einer Nebenrolle agieren die diversen Sympathien und Antipathien der einzelnen Parteien, kurz "Chemie" genannt, und die dienen auch der Produktion schlechten Gewissens. Man will und soll ja gerecht sein, doch was heißt das?
Wer sich einst "links" nannte, lasse alle Hoffnung fahren. Zu den Absurditäten dieses institutionalisierten Staatsmißtrauens gehört nämlich der süße Aberglaube, ausgerechnet dieser Staat würde sich gelegentlich an seine Gesetze halten. Das ist eine stete Quelle von Frustrationen, die sehr am Seelengleichgewicht zerrt. Von Staats wegen sind solche Linke ganz brauchbar: Man kann, weil sie ja Linke sind, jederzeit ihre "Begehrlichkeiten abwehren", wie dies Herr Kohl nannte, und ihre bekannte Tugend der Selbstausbeutung läßt sich mit wenig Argumentationsaufwand jederzeit strapazieren. Sie haben ja den Blick auf die "Opfer" gerichtet, die doch in Wahrheit Gescheiterte oder Ausschuß der Gesellschaftsproduktion sind. Vom Standpunkt des "sauberen Bürgertums" haben gerade motivierte Sozialarbeiter den Makel, daß sie sich "mit Dreck abgeben". Natürlich muß sich jemand auch darum kümmern, vor allem darum, daß es unsichtbar wird, doch die Sozialarbeit wird genauso geliebt wie die Müllbrigade. Gelegentlich gibt es etwas kommunales Lob, zur Image-Aufbesserung, doch die Klagen überwiegen: zu ineffektiv, zu teuer, viel zuviel Aufwand und für wirkliche Sauberkeit garantieren sie auch nicht, vor allem jene, die sich zu allem Überfluß auch noch "akzeptierend" nennen. Kaufleute beklagen, daß sie nicht jede einzelne Schmutzgestalt persönlich von ihrem gekehrten Gehweg entfernen. Behörden klagen, das sichtbare Elend würde zu Umsatzeinbußen führen, viele Bürger und das vielzitierte "alte Muttchen" würden sich aus Angst davor nicht mehr aus dem Haus wagen und rechts außen wählen ... Es gibt immer Anlaß zu unzähligen Klagen, und hinter alle stellen sich die Politiker, die sich sonst mit dem Argument, daß man es nie allen recht machen könne, vor irgendwelche Organe stellen.
Seit Andersens Prinzessin auf der Erbse sollten wir wissen, daß die kleinste Störung die größte ist. Verstärkt wird diese durch mediale Neuschöpfungen, denn auf jedes Modewort stürzen sich unsere Politiker wie der Hund auf den Knochen. Kürzlich waren es die "aggressiven Bettler". Vom österreichisch verhockten Graz - vor tausend Jahren war das "die Stadt der Volkserhebung" - ausgehend, verbreitete sich diese neue Plage über die Lande und muß ausgerottet werden. Nun gut, Bettler gab es immer schon, und sie gehörten so zum mittelalterlichen Stadtbild, daß schon lange vor dem Dreißigjährigen Krieg "Bettelordnungen" existierten. Von ihren Standplätzen, hauptsächlich Kirchenportalen, zu verjagen waren Frauen mit um den Bauch gebundenen Kissen, dreimal überführte Taschendiebe, falsche Prothesenträger und Personen, die während der Gottesdienste laut plärrten. Damit hat man also das ganze Personal von Herrn Peachum, und es ist heute nur geringfügig anders besetzt. Da gibt es südöstlich aussehende Jungmütter mit ein oder zwei Kindern, die oft auch Leihgaben der Sippe sind. Oder den sanften Späthippie auf dem Plaster, dessen Hundchen auf Decke und Pappe ruht. Und das sind schon die Extreme, unterwürfig, mitleiderregend und leicht durchschaubar - aber was ist daran aggressiv? "In Horden" würden sie auftreten, raunten die Hüter der Ordnung, deshalb müsse unbedingt was dagegen getan werden, da sie die Einkaufswilligen aus der City vertrieben. Und als die Einzelfiguren der Invasion gezählt wurden, ergab sich, daß sie ganze vierzig Personen waren, nie alle gleichzeitig in ihrem Gewerbe. Natürlich sind die Sozialarbeiter schuld, sowohl daran, daß sie die Landplage nicht bereinigen, als auch daran, daß sie so gering ist, aber das ist - vom Politischen her gesehen - auch nicht gut so.
Es sind ja die Sozialmaßnahmen, die nach Ansicht des Herrn Polizeipräsidenten Nagel an den sozialen Problemen schuld sind, "schlicht und ergreifend". In Hamburg also sind die "Drogenräume schuld an der Drogenkriminalität", denn deshalb würden die Junkies aus seiner bayrischen Heimat an die Elbe kommen. Vielleicht aber haben sie nur Heimweh nach ihm. Aber nein, Herr Nagel hat nur in der vorgestrigen Theoretik von Verkehrsstudien geschmökert, die besagen, daß Entlastungsstraßen den Verkehr magisch anziehen. Vielleicht kennt er, von der Gnade der späten Geburt gekitzelt, das Theorem der Nachkriegsökonomie, daß, wo kein Angebot sei, auch die Nachfrage nur eine mindere Rolle spiele.
Aber vielleicht denken die konservativen Herrschaften gar nicht so weit, sondern haben nur die Schlagworte verinnerlicht, die von Vordenkern des Vorgestern von FAZ bis Welt gestreut werden und wohlfeil klingen. Da werden die Ausgangsorte von Sozialarbeit zu "Verständnisindustrie" erklärt, die "zwangsläufig aus Tätern Opfer machen muß", und Tante FAZ schrieb nach Erfurt von einem "Reflex, der seit langem von pädagogischen wie familientherapeutischen, psychologischen wie soziologischen Schulen und Beratungsindustrien bewirtschaftet wird. Das Böse erscheint als letzte Verhaltensmanifestation in einem Spektrum, das mit Allergien und Eßproblemen beginnt, Hyperaktivitätssyndrome und Aggression einschließt oder auch Kontaktschwäche, Prüfungsangst, Konkurrenzdruck. Der Mörder erscheint als Patient." Ja, ja, Verstehenwollen ist Schwäche, eigentlich abartig.
Sehr viel praktischer ist da der konservative Manichäismus, der, von Falwells Erweckungslehre inspiriert, die Welt in ein Schlachtfeld zwischen Gut und Böse aufteilt, und das von sich aus Böse muß besiegt, bestraft und ausgerottet werden. Natürlich gibt es Pfade zwischen den Extremen, Bekehrungen und Sündenfälle, doch die sind Gottes Wege und rätselhaft. Der Mensch aber sei das Ebenbild Gottes, richtend und strafend, vielleicht mit ein wenig Gnade versehen, und das Andere ist des Teufels. Deshalb hat ein Knast auch ein Ort der Buße zu sein und kein "Luxushotel", wie Herr Schill dem Fernsehen per Handy mitteilte, oder "mit Teichen und Seen ausgestattet", wie Herr Kusch erzählte. "Zwölf Quadratmeter Zelle samt Naßzelle!" - die Herren konnten sich nicht einkriegen und auch nicht darüber, daß "jeder Häftling pro Tag den Steuerzahler mehr als 180 Mark" koste oder "soviel wie ein Bett im Krankenhaus". Da dieselben Herren die Knäste auch üppig füllen wollen, muß gespart werden, "auf jeden Fall bei der üppigen psychosozialen Betreuung". Es könne doch nicht angehen, plapperte der bürgerschaftlich-rechtspolitische CDU-Sprecher im Kirch-Lokalfernsehen, daß es jemand "im Knast besser habe als am Mümmelmannsberg". Recht so.
Damit wird Sozialarbeit aus der derzeit herrschenden Sicht charakterisiert: als luxuriös und überflüssig. Ist sie ja auch, da sie die klaren Grenzen verwischt, die unser Senat ziehen möchte, und für die es ja eine Behörde gibt. Die soll sich, ihre Leistungen als Zuckerbrot verstehend, wie ein Zirkusdompteur verhalten. Wer durch ihren Reifen springt, bekommt ein Häppchen, und der Reifen wird immer höher gehalten. Verluste muß man hinnehmen, die gibt es überall.
Daß die Kirchen gegen diese Politik murren, liegt an ihren vollen Säcken, auf denen sie sitzen wollen, denn diese Sichtweise läßt sich doch als zutiefst christlich verkaufen - am Jüngsten Tag gibt es ja auch nur Himmel und Hölle, und das Fegefeuer dazwischen wird abgeschafft. Außerdem, das soll niemand vergessen, kommt ein neues Polizeigesetz billiger als Sozialarbeit und verspricht sogar, sie weitgehend zu ersetzen. Die "verdachtsunabhängige Personenkontrolle" beispielsweise wird eine unabsehbare präventive Wirkung haben, kann man doch derzeit davon ausgehen, bei etwa einem Drittel der Personen unter vierzig auch Illegales in den Taschen zu finden. Der "finale Rettungsschuß" verspricht, Justizbehörden und Strafvollzug ein klein wenig zu entlasten, und ganz allgemein verschafft eine extensivierte Polizeikompetenz die sozialpolitische Erkennbarkeit, bei deren Mithilfe Sozialarbeiter gelegentlich mauern.
Außerdem soll man nicht vergessen, wes Geistes Kind die Sozialarbeit war. Schon Mitte der Achtziger des vorigen Jahrhunderts wurde das Wort "Altachtundsechziger" Schimpf. Mit den geistigen Verirrungen, aus denen störende Realitäten wurden, endlich aufzuräumen, dauert naturgemäß länger.

Hamburg wird ein heiles Dorf

Gestikologie und Standortitis

Die Bewerter der Aktion "schöneres Dorf" müssen auf viele Kriterien achten, z.B. darauf, ob die Blumenkästen üppig und die Stores dahinter sauber sind. Ersteres gilt fünfmal höher. Überhaupt ähnelt der Kriterienkatalog einem schönen, bunten Teppich, unter den man getrost auch eine Menge Dreck kehren kann.
Hamburgs lange verheißener und groß propagierter Wechsel bestand zunächst vor allem aus großen Gesten für das Lokalfernsehen. Da erklomm der Innensenator eine schwanksichere Leiter, um einen Stoffsack über einen Starenkasten zu stülpen, der Bausenator ließ schweres Gerät auffahren, um leichte Hand an einen Poller zu legen, und der Justizsenator beaufsichtigte den Abbau eines Spritzentauschautomaten aus dem Knast, vermutlich als Beschäftigungsprogramm für die Aidshilfe. Aber so doppelsinnig sind alle diese Gesten. Der demonstrative Verzicht des Senators auf Geschwindigkeitskontrolle ist natürlich keine Aufforderung zu Raserei, sondern "ein Appell an die mündigen Autofahrer", vermutlich, keine Unfälle zu verursachen. Wahrscheinlich appelliert auch der Verkehrssenator an denselben Verkehrsteilnehmer, nicht verboten parken zu wollen.
Dieser unerschütterliche Glaube an das Gute im Menschen ist der Wechsel. Davor waren die sozialdemokratischen Büttel mit ihren Statistiken, die feststellten, daß 90% aller innerstädtischen Parkvorgänge illegal sind, und nun die Freiheit, die sicherlich niemand mißbrauchen wird. "Der Autofahrer ist ein Bürger." Whow !!! Ist das eine Degradierung, wo doch alle anderen Politiker dem Auto huldigen, als seien ihre Fahrer Fürsten? Ach, es lohnt nicht, darüber nachzudenken, denn bald nach dem Verhängen des Starenkastens meldete sein Christo stolz, daß die Einnahmen durch Geschwindigkeitsübertretungen kräftig zugenommen hätten, und mehr Poller gibt es nun auch, wie sein Kollege vermeldete. Maulaffereien, die das kleinbürgerliche Vorurteil bestätigen, von oben herab beschissen zu werden. Die Zeugnisse, die Hamburgs Regierung vom Volk verteilt wurden, waren dementsprechend untermittelprächtig. Zuviel war danebengegangen, von der vollmundigen Ankündigung einer "Bürgerpolizei", © USA Midwest, die den begeisterten Beifall der Neonazis fand, angefangen. Was auch immer an Law&Order-Neuheiten zwischen Singapur und Dallas in die Medien schwappte, wurde in der nächsten Woche als Sanierungsvorschlag für den Hamburger Sumpf angekündigt und in der übernächsten vergessen.
Bei der hektischen Ankündigungitis, also dem Normalgeschäft politischer Eintagsfliegen, wird gerne übersehen, was inzwischen an lange gewachsenem und erprobten Strukturen und Möglichkeitsangeboten einfach zerschlagen und atomisiert wird. Für Grausamkeiten wie auch Gemeinheiten haben die Herrschaften natürlich ihre Leute, zum Beispiel das Bürgerschaftsmitglied von Schills Gnaden Richard L.H. Braak. Da soll beispielsweise die "Bürgerinitiative ausländische Arbeitnehmer" im Bereich Süderelbe stranguliert werden, da sie infolge offenbarer Integration "nicht mehr erforderlich" sei. Die aufs Trockene Gesetzten schrieben zurück: "Viele Abgeordnete in den bezirklichen Gremien, viele Fachleute vor Ort, Kirchenvorstände und auch wir sehen das nicht so." Da griff Herr Braak voll in die Tastatur und zeigte, wo der wahre Feind steht: "Die von Ihnen angesprochenen Abgeordneten sind der 68-Generation zuzuordnen, die Fachleute vor Ort sind selbsternannte Ideologen und von den Kirchen haben die Bürger, seitdem dort linke Kadergruppen Einzug gehalten haben, keine Heimat mehr." ) Abgesehen von der Feldbusch-Grammatik, ist das eine ebenso dumme wie klare Einschätzung, und sie geht noch eins weiter: "Die Begründung, die Integration habe bereits stattgefunden, die Sie, wem auch immer in den Mund legen, beweist einmal mehr mit welcher unglaublich perversen und ins Gegenteil verkehrten Argumentation die Menschen in Ihrem Umkreis vorgehen ... Wir wollen keinen Gottesstaat auf deutschem Boden, so wie die, die Einfluß auf die Migranten ausüben, ganz unverhohlen anstreben." Nun ja, wahrscheinlich müßten wir Herrn Braak ja noch dankbar sein, daß er die von ihm Erwähnten immerhin als Menschen bezeichnet. Man soll von einem Ochsen ja nicht mehr erwarten als ein Stückchen Rindfleisch, und worum es gehen soll, hat er schon am Anfang seines Briefes geschrieben: "da die Koalition schon im vorwege darüber Einigkeit erzielt hat, daß bei der unübersichtlichen Zahl von Einrichtungen, die sich mit Integration beschäftigen, bisher nicht den Nachweis erbringen konnten, ausländische Mitbürger so zu integrieren, daß eine multikulturelle Gesellschaft sich in gegenseitiger Bereicherung zu einem zukunftsorientierten Europa entwickelt." Daß Herr Braak Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hat und auch nicht zählen kann, mag ja angehen und mag schulisch zu verbessern sein, doch gegen intellektuelle Legasthenie hilft das auch nicht. Die Utopie, für oder gegen alles Mögliche einen einzigen Verein haben zu wollen, läßt sich nicht einmal mit lustlosen Rutenstreichen ahnden.
Das ist natürlich ein Fall boshafter singulärer Dummheit. Es ist auch von solchen kollektiver zu berichten, und Hegels demokratische Hoffnung, ihre Tiefe würde durch vielfältige Gedanken verringert, ist trügerisch. Es ist eine lange Geschichte, die damit anfängt, daß Politiker Probleme oft erst wahrnehmen, wenn sie ihr privates Umfeld verheeren. Ein rührendes, gewissermaßen ländliches Beispiel war eine landesministerielle Mutter, die durch das Alter ihrer Tochter auf den Gedanken kam, Haschisch solle in Apotheken verdealt werden. Es gab viel Lärm, einiges Pro und bedenklich-betuliches Contra, und natürlich wurde nichts daraus. Als sie - die Jugend ist ja schnell - kurze Zeit später Extasy in Gespräch brachte, hörte schon niemand hin. Bundesweites Echo erweckte hingegen ein hamburgisch vorvorbürgermeisterlicher Onkelversuch in Sachen Heroin. Natürlich gab es auch hier spitze Schreie und stumpfeste Bedenklichkeiten, doch andere EU-Länder hatten mit der Vergabe von Heroin schon gute Erfahrungen gemacht. Es ließ sich nicht leugnen, zumal die Leidensdrücker schon vorher Konkurs anmelden mußten. Es war noch Kohlzeit, und dennoch beschloß der Bundesrat, das auslandserprobte Modell vorsichtig zu versuchen - es könne ja sein, daß die deutsche Erfindung Heroin in unserer Republik anders wirke. Etliche Städte meldeten sich mit vorgefaßten Teilnehmerzahlen an, Hamburg stolz mit den meisten, und dann verging Zeit.
Während sie in den anderen Städten zur Vorbereitung genutzt wurde, diente sie in Hamburg der Obstruktion. Herr Runde mochte mit der Idee seines Vorgängers nichts zu tun haben, auch nicht die zu seiner Ja-Sagerin gewordenen Stellvertreterin. Es war ja noch ungeheuer viel Zeit, und es gab so viel zu tun. Kleine Gremien schmorten vor sich hin und wurden schließlich mit einer aufgelassenen Polizeiwache als künftigem Tatort fündig. Sie sah, von den üblichen Schmierereien abgesehen, ganz schmuck aus, doch ob der Vorschlag ernst gemeint war, läßt sich nicht mehr nachvollziehen. Es lagen nämlich in der Gegend, wenn auch in einigem Abstand, einige Schulen herum, und nun wirkte die durch viele Jahre geraunte Lehre, daß der Anblick eines Junkies auf Heranwachsende mindestens tausendmal verführerischer wirke als vor dreihundert Jahren der Don Juans auf ansonsten treue Gattinnen. Es gab also einen locker dirigierten Chor besorgter Eltern, Lehrer, lokaler Medien und Bürgervereine, der in höheren Ohren so lieblich klang, daß man wieder lange in Meditation versinken konnte. Keiner der maßgeblichen Politiker hatte die Sache hörbar unterstützt, und somit war ja alles klar. Der nächste Standortvorschlag war die triste Grotte einer eingegangenen Disco unter Bahngleisen - Bahnhof!, wir wissen -, und das Bezirksamt Mitte hatte etwas dagegen. Der Plan wanderte weiter in ein entlegenes Gewerbegebiet. Unseligerweise hatte nahedort ein Parteifreund Herrn Schills ein Bürohaus hingeklotzt und befürchtete Mietwertminderung. Das Ei des Columbus fand sich schließlich auf einer wilden Müllkippe zwischen einem Kanal und Gleisen (Bahnhof!), der nun mit Containern verschönert werden soll, und wohin sich kein halbwegs normaler Mensch verirren wird.
In anderen Städten ist das Heroinprojekt angelaufen, und frei nach der Bibel darf gesagt werden: Die erste Stadt, die es anstieß, wird die letzte sein, die es realisiert. Zu dieser beachtlichen Nichtleistung gehört einiges: Die mutwillige Vernachlässigung eines vom Vorgängersenat übernommen Projektes durch den (vergangenen) SPD/GAL-Senat, der in vorauseilender Duldungsstarre dachte, an der Macht zu bleiben, wenn er die Geschäfte der Opposition betreibe; der alte links-rechts-Konflikt der SPD, in dem die Rechte mit ihrer Postengier immer obsiegt; die Verbohrung der CDU in die Frustration, vier Jahrzehnte von der Gestaltung der Politik abgespänt zu sein; die dumpfe Amokwut der Schillinge gegen die herkömmliche Politik "derer da", die ohne Perspektive einfach alles anders will und nichts, was ihr nicht persönlich zugutekommt.
Für sie die hektische Großgestik, die pampige Versprecherei, und es stört sie nicht, daß bislang kein Versprechen einer der Regierungsparteien eine Halbwertszeit von mehr als zwei Monaten hatte. "Alle sind sie ja Lügner", heißt es, und daß sie deshalb die dreistesten wählen, ist ein Zeichen ihrer punkigen Demokratieverdrossenheit. Für sie ist es sogar ästhetisch richtig, daß ein Therapieangebot im Müll stattfindet, Müll zu Müll, und vom Versprechen eines Junkies ist bekanntlich ebenso wenig zu halten wie von dem eines Polit-Junkies. Wahlen finden heute nach dem Motto "Denen zeigen wir's mal" statt, die Vermittlung politischer Gedanken orientiert sich an den Quatschsendungen des Fernsehens, und die wiederum behaupten, Politik wiederzugeben und machen sie. Da gelten Westerwelles Schuhe mehr als Gedanken, und im Circensischen lassen sich Gedankengänge, wie sie zu Sozialpolitik nötig sind, überhaupt nicht mehr vermitteln.

Stadtreinigung

Nur Schiller konnte die Zeit zwischen Wahlkämpfen so präzise beschreiben: "Der Wahn ist kurz, die Reue lang." Im Rhythmus von Schaltjahren setzt eine absurde Reflexion über richtig und falsch ein, als sei dafür dazwischen keine Zeit gewesen, und sie ist aufgrund ihrer Knüppelargumente von vornherein sinnlos. Die einen behaupten, die Bürger seien bei ihrer letzten Stimmabgabe doof gewesen, und die anderen, sie seien von der Opposition obstruiert worden. Das Gezänk, es fehle an Konsensfähigkeit, ist so ritualisiert, daß sich immer weniger Bürger dafür interessieren, und das Hausfrauenwort "Sauberkeit" dröhnt wie in der Fernsehwerbung für Putzmittel am lautesten. Haushaltsführung und politische Lösungen müssen selbstverständlich sauber sein, sogar der Unterschied zwischen sauber und rein wird der Werbung nachbuchstabiert ... Und Max Weber erwähnte schon 1909: "Es ist, als wenn in der Politik der Scheuerteufel, mit dessen Horizont der Deutsche ohnehin schon am besten auszukommen versteht, ganz allein das Ruder führen dürfte, als ob wir mit Wissen und Willen Menschen werden sollten, die >Ordnung< brauchen und nichts als Ordnung, die nervös und feige werden, wenn diese Ordnung einen Augenblick wankt, und hilflos, wenn sie aus ihrer ausschließlichen Angepaßtheit in diese Ordnung herausgerissen werden." (Was Sie wahrscheinlich nicht wissen werden, Herr Innensenator: Max Weber war weder "Linker" noch "Altachtundsechziger", aber das wird Ihnen, der Sie so gern als Scheuerteufel auftraten, auch wurscht sein.)
Also ist nun zunächst einmal unser Hauptbahnhof sauber geworden. Wie frische Tünche tropft von überall her klassische Musik auf die Leute, und schon wird man stutzig. Derartige Berieselung soll sich in Kuhställen zur Steigerung der Milchproduktion bewährt haben und in Kaufhäusern zu der des Umsatzes. Nun gut, Läden gibt's hier ja en masse, doch scheint die Klassik hier atropäische Funktion zu haben, wohl aus dem geistigen Dunstkreis jener sich Konservative nennenden Sekte, die der Ansicht ist, schon einige gesetzte Akkorde würden alles Übel vertreiben. Natürlich ist dem nicht so, denn die erhoffte Funktion der Klassik besorgen Wachdienste und Polizisten, und viele Zivilfahnder lungern auch herum, an verjährten Szeneklamotten erkennbar. Ein paar Stricher wurden dem OB zuliebe auch gelassen, klassikresistent und als Symbol weltstädtischer Toleranz, und was sonst die Bahnhofswirtschaft ausmachte, ist nur noch bruchstückhaft zu sehen: scheinbare Passanten mit kurzem Blickkontakt, die auf getrennten Wegen zum selben Ziel gehen, wo dann die Geschäfte stattfinden. Furchtlose stromern ein, zwei Ecken weiter, nach St. Georg oder in die City, vorsichtig ihren Weg sichernd, damit ihnen Herr Nagel nicht nachgehen kann; Vorsichtigere nutzen öffentliche Verkehrsmittel, manchmal sogar verschiedene zum selben Treff ... Das Leben ist voller Risikos, und die neue Sauberkeit erinnert an das alte Prinzip sozialdemokratischer Stadtreinigung, nämlich: den Dreck gleichmäßig und so großflächig zu verteilen, daß es am Ende überall und relativ sauber aussieht.
Man wolle "keine offene Szene aufkommen lassen", ist ein seit vielen Jahren gebetetes Mantra, und gegen die klandestine könne man eh nichts tun. Das Wort "offen" besagt wohl, daß der mündige Bürger nicht davon wissen soll, was ist, getreu Baron Korff, daß "nicht sein kann, was nicht sein darf". Man könnte dieser Druckserei ja entgegenhalten, daß der mündige Bürger sogar weiß, daß so vieles gibt, was nicht sein darf, daß er es sogar im politischen Getriebe vermutet, und daß ihn ähnliche Exorzismen nicht einmal aus Baubehörden bekannt seien. Außerdem weiß er von der vielgepriesenen Wirtschaft, daß es in einer Großstadt für alles irgendwelche Märkte geben müsse; und daß nach Rauschmitteln eine große Nachfrage besteht, ob man nun was dagegen hat oder nicht, kann er auch nicht leugnen. Er ahnt sogar, daß zwischen der Macht und der von ihr gerne so genannten Mafia irgendwelche Kanäle bestehen müssen. Was er allerdings nur selten bedenkt: Diese exorzistischen Reinigungsrituale sind auf eine ganz mittelalterliche Weise mörderisch. Daß Streß töten kann, ist bekannt, und den - selbstverständlich durch Eigenverschulden - hilflos Gewordenen wird durch die Jagerei unmöglich gemacht, ein Minimum an gesundheitlicher Versorgung oder sozialen Reintegrationshilfen erreichen zu können, wie klein das auch immer ist. Natürlich werde für die Gejagten gesorgt, gäbe es Angebote, heißt es höheren Orts, eben Sozialarbeit, doch deren Angebote würden einfach nicht wahrgenommen, so verstockt sei eben die Szene. Eine schöne, plausible Erklärung und eine Lüge.
In einer hyperkomplexen Gesellschaft, wie wir sie nun einmal haben, arbeiten nämlich weniger Institutionen miteinander als gegeneinander, und das angeblich auftrags unterschiedlicher Interessen. Die Polizei handelt qua Gesetz und so streng, wie es das jeweilige Innenministerium vorschreibt, während Sozialarbeit gewissermaßen ein geduldeter Gnadenakt ist, nicht nur im Zweifelsfall ohne Rückhalt. Für den nicht so ganz mündigen Bürger ist daher die Polizei, nicht nur aufgrund ihrer Uniformen und Amtsgewalten, a priori und oft wider besseren Wissens schon im Recht. Ähnlich sind die der Klienten wegen häufigen Konflikte zwischen Sozialämtern und Sozialarbeit gewichtet. Wer auf einer gesetzlich eigentlich zustehenden Leistung besteht, zu der ein Beamter einmal gerade nicht gnädig ist, gilt ohnedies als Querulant, und kommt er dann noch mit einer Sozialarbeiterin an, ist der Kohlhaas schnell erreicht.
Nun will unser Senat in seiner Weisheit dieses wirre Gestrüpp stutzen, und die Staatsgewalt soll übrig bleiben und in reiner Schönheit strahlen: Der Polizist als Sozialarbeiter. Ein paar Stunden psychologische Ausbildung hat er ja auch bekommen, die Organisationsstruktur ist probat, und Widersprüche ihrerseits sind kaum zu erwarten. Vor allem: der Vorrang der Legalität ist gewahrt. Dieser Überlegung folgt die Streichliste der Sozialarbeit, und vielleicht hat der Erste Bürgermeister ein Wort dafür eingelegt, daß ein Stricherbetreuungsprojekt davon wieder ausgenommen wurde.
Aber nicht nur gewachsene Strukturen fallen dem Putzteufel zu Opfer, auch gewachsene Grünanlagen. So wurde in Altona ein Park weitgehend entgrünt, mit der Begründung, daß dort keine düsteren Dinge wie Kindesmißbrauch oder Drogenhandel stattfinden sollten. Nein, derlei habe dort zwar nicht stattgefunden, aber es könnte ja einmal geschehen, und um dieses zu verhindern ... Noch nie etwas von Prävention gehört? Nur ein aus- und abgeholzter Park verhindert Mißbrauch, und das erinnert nur oberflächlich an den sozialdemokratischen Kreuzzug vor etlichen Jahren, bei dem man der Natur den letzten Giftzahn ziehen wollte und Eiben wie Goldregen aus der Hansestadt rupfen. Es könnten daran ja Kinder zu Schaden kommen ... Die konservative Kreuzzugsvariante sieht nicht die Natur als Feind des Menschen - dazwischen lag ja Ökologie und Artenschutz - sondern gleich den Menschen. Homo hominem lupus. Es trifft ja auch meist zu. Nur: es ist nicht zu verhindern. Die Entschärfung potentieller Tatorte müßte, konsequent betrieben, zur totalen Planierung der Welt führen. Man bedenke nur, wie viele Untaten in Wohnungen stattfinden ...
Aber vielleicht haben unsere Saubermänner wirklich ein hehres Ziel: die totale Abschaffung alles, was man vielleicht menschlich oder riskant nennt. Daß Hunde riskant sein können, ist bekannt und hat schon die letzte Regierung in hektische Aktivitäten versetzt. Deren Ergebnis war etwas rassistisch, und mittlerweile hat sich herausgestellt, daß auch andere Hunderassen durchdrehen können. Derzeit steht also - von des Deutschen Liebstes auf das Zweitliebste abgeleitet - ein "Hundeführerschein" im Raum, mit psychologischer Qualifizierung von Herrchen und Wau. Eine schöne Idee, und bevor wir fragen, ob das Risiko dadurch geringer werde, schlagen wir - was nach Erfurt ja auch in der Luft liegt - einen "Menschenführerschein" vor.
Das sei, wird uns darauf bald vorgeworfen, nicht nur Westerwellechic, sondern zynisch. Die Demokratie bestehe aus Menschen, und die seien ... und das ist eben schade. Aber man muß alles versuchen, Volkes Stimme.
Der Mensch ist ein seltsames Wesen, stets nach Verbesserung lechzend bis brüllend, der er sich mit durch Jahrhunderte erprobter Hartnäckigkeit entzieht. Geht's um Anstand, läßt er gerne jedem den Vortritt, und an der Krippe keinem. Niemand will von den Gesetzen getroffen werden, nach denen er heuchelt, immer sollen sie nur für andere gelten. Das ist ein Normalzustand, aus dem sich nur die Privilegierten erlösen können, denn sie sind durch ihre Verbindungen die Ausnahmen. Der Normalmensch aber muß mit seiner Frustration leben, die durch eine in Wahlkämpfen geschürte Grandiosität immer heftiger wird. Und es kommt immer mehr dazu, und da muß man gar nicht an die bürgerliche Leistungserwartung denken, die in der Groteske gipfelt, daß der Arbeitnehmer seinem Unternehmer eigentlich zahlen müßte, daß der ihm Lebenssinn gewährt. Der normale Wahnsinn, multipliziert mit dem Terror einer Konsumgesellschaft und ihrem Wertesystem, das Markenwert ist. Alles ganz normal. Und etliche, immer mehr, schaffen es nicht. Und dann? Sollen sie ausgespieen werden oder kann man, darf man sie akzeptieren?
Es ist leichter, ein soziales Netz zu zerreißen als es aufzubauen. Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis eingesehen wurde, die aus der Gesellschaft Gefallenen nicht mehr mit Zuckerbrot und Peitsche zu traktieren, sondern sie zu nehmen, wie sie sind, und ihnen zur Seite zu stehen. Ebenso lange wurde immer daran geknabbert und geknapst. Die Maschen sollten fester und gleichzeitig größer werden - es gibt ja immer Restrisiken und Collateralschäden. Es entstanden Knotenpunkte, fast Sekundärheimaten. Das paßt nicht in eine saubere, überschaubare Gesellschaft, das muß weggeputzt werden.

Neues Leben aus Ruinen ?

Neuere Studien der Gehirnforschung zeigen, daß es mit dem "freien Menschen mit freiem Willen" nicht sehr weit her ist. Das Bewußtsein, stellt sich immer deutlicher heraus, hat höchstens eine gewisse Veto-Funktion gegenüber dem, was man einst "animalische Triebe" nannte. Auf jeden Fall hinkt das Bewußtsein eine Drittel- bis halbe Sekunde hinter dem Bereitschaftspotential her. Die Befürchtung besteht, daß sich daran trotz aller Absichtsbemühungen nichts ändern wird. Gut, einiges wurde erreicht. Bei der Jugend sieht man wieder "das freie Raubtier aus den Augen blitzen", wie das der Führer so schön sagte, und "sie bahnen sich rücksichtslos ihren Weg". Da hat die Erziehung gewirkt, die von den Eltern längst auf die Medien übergegangen ist, und nach Erfurt hat sich ganz Deutschland einige Tage lang gefragt, was da wohl schief gelaufen sei. "Als wir jung waren, war das Leben leichter", sagt Al Campino mit gerunzelter Stirn und meint es wohl ernst. Ja, das wäre schön: Welpenschutz forever.

 

Seit Jahren wird ganz öffentlich Kindesmißbrauch getrieben: Man hat ein Herz für sie und klebt es an Karosserien; "den Kindern ein Vorbild" soll man im täglichen Verkehr sein und wird damit von grauhaarigen Ewigkindern bepredigt, und selbst der Regent mit seinem Opa-Kampfnamen tut "alles für die Zukunft unserer Kinder". Man darf ihm guten Willen unterstellen, er hat ja keine. Je mehr nämlich Kinderliebe gefaselt wird, desto jugendfeindlicher wird die Welt. Keine Neuigkeit.

DerClown

Herbert Ploberger Der Clown 1927

Alles wurde erwähnt, gesagt und bemerkt, mindestens tausendfach, Ursachenforschung wird ununterbrochen betrieben und in Talkshows verbreitet, doch der Homo animalis ist, außer an der Krippe vielleicht, aber auch da nur kurzfristig, nicht lernfähig. Und die vielbeschworene Entwicklung gibt es auch nicht, nur einander gegenläufige Entwicklungsströmungen, und die sind nicht so antagonistisch, wie sie die Gesellschaftsphilosophie gerne hätte. Es ist kein Zufall, daß zur Zeit der Turbulenzen Ende der Achtziger, als der Kalte Krieg ein Kalter Sieg zu werden schien, die Chaoswissenschaften gerade Mode waren. Es ist ja eine tröstliche Vorstellung, daß der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas El Ninjo auslösen könnte, und niemand daran ist schuld.
Davor hatten sich fast ein halbes lang Jahrhundert zwei fast zu ideologischer Zuverlässigkeit dressierte Blöcke gegenübergestanden, das Reich des Guten und das des Bösen, vice versa. Allmählich ließen sie das Säbelrasseln bleiben, Armageddon und Star Wars dem Kino, und sie taten, als könne man miteinander reden. Und es gab die ganze Zeit auch kleine Grüppchen, die fanden die Gegenseite sympathisch und faselten von Frieden. Die jeweiligen Generale achteten penibel darauf, daß man ihnen nicht zuhörte. Sie hatten auch verschiedene Götter: den freien Markt, den die anderen Mammon nannten, und den freien Menschen, als Sozialismus verteufelt, und die Frömmigkeit erforderte lautstarke Psalmen. Natürlich sind alle Götter Fiktionen, und als der Gott Mammon den bösen Sozialismus niedergerungen hatte, zeigte sich, daß er gar nicht so gut ist, sondern auch seine Opfer fordert und verschlingt. Wie das geschieht, entspricht den Jahrtausende alten Opferregeln von Asien bis zu den Anden, von den Homiziden in Fürstengräbern bis zum Verscharren in neuen Fundamenten. Kein Segen ohne Opfer, und zu einem Ersatzgottesdienst zählte schon immer die Verfolgung der Ketzer. Darüber nachzudenken lohnt nicht, denn das jeweils Gute und das jeweils Böse halten sich jeweils die Waage wie ein halbvolles oder halbleeres Glas, und Missionare haben mittlerweile selbst in Afrika Besseres zu tun.
Davor war übrigens, kaum mehr erinnerlich, eine Zeit der Erweckungsbewegungen. Große Messiasse predigten ihre Lehren, fanden begeisterten Zulauf und führten ihre nationalisierten Volksmassen brüllend ins Verderben. Manchmal dauerte das eine Weile, schien sogar zeitweilig siegreich wie der Kommunismus unter Stalin, der dann zum Zerbröseln lange brauchte, manchmal ging es schneller, zum Beispiel in Mitteleuropa. Dort glaubte man nach einer Weile, demokratisch umerzogen zu sein, und das war nur, weil es sich an der Krippe rechnete, doch jede Investition muß sich einmal amortisieren. Moloch ist Moloch, und die täglichen Börseberichte aus dem Innersten seines Heiligtums sollen dem Glauben fördern, daß es ein guter Gott sei, zu dessen Ehren "Geld verbrannt" werden müsse. Paranoide Gemüter konstruieren zwischen seiner Priesterschaft und seinem Himmel unermüdlich Verschwörungstheorien, aber die sind nicht nötig, denn seine Macht funktioniert auch mit einem Mindestmaß an Glauben. Auch seine Priester benötigen Verschwörungstheorien. Ihr Gott könnte der beste sein, wäre seine Herrschaft unangezweifelt, gäbe es da nicht "Mißbrauch", von der Stütze bis zum Milliardenbetrug. Man müßte also alle Schädlinge, von den sicht selbst deklarierenden Zweiflern bis zu den deklarierten Parasiten, abschaffen, und das Paradies wäre ausgebrochen.
Auch Erweckungsprediger haben Konjunktur, zumal sogar Konservative diesen Staat als "Konsensrepublik" schmähen. Ihnen ist dieser Gott nicht streng, nicht radikal genug, und sie zeigen voller Abscheu in die Tiefe, auf das Gewürm, das es des Paradieses wegen zu vernichten gilt. Ihre Rivalen bekritteln ihre single-issue-Ideen, die zu Erweckungsbewegungen gehören, doch ihre demokratiefeindlichen Parolen finden in einer demokratiemüden Zeit immer mehr Echo, von Le Pen über Fini und Bossi, über Haider und Fortuyn bis Schill. Kein Konsens!, auch wenn sie ihn, an die Krippen der Macht gelangt, gelegentlich eingehen müssen. Wie im Schulhof sind immer die Anderen schuld, und als Berufsjugendliche geben sie sich allemal.
Im Grunde ist es ein Revival der NS-Jugendarbeit. "Wir sind die neue Generation" und "es zittern die morschen Knochen". Die gesellschaftliche Brutalisierung reicht von Computerspielen bis zum Wochenmarkt, zu dem mittlerweile entschuldigungsloses Angerempeltwerden gehört. Und manchmal gibt es "Familientragödien" und Amokläufe, der reine Spaß, und die Überlebenden umarmen sich.
Ein Foto aus der Dreißigern "des letzten Jahrhunderts", wie man derzeit stets betont, zeigt einen Ertrunkenen von seiner Freundin, und sie, die eine Kamera sieht, präsentiert automatisch ihre Figur und grinst Cheese. Dieselbe animalische Reaktion ist heute das "bedeutende Gesicht" vor einer Kamera, egal wozu, wofür und weshalb, - man ist für einen Augenblick wichtig. Ist das Wort "animalisch" falsch? Tiere haben Drohgesten und Imponiergesten. Vielleicht aber auch nicht, und jede Nachmittags-Talkshow, jede Gerichtssendung und Frau Kallwas zeigt uns dasselbeangemaulte Gesicht, prollig-deftig, als Einübungen ins Loosertum.
Die da zu jämmerlich-wichtigem Unterhaltungswert aufgeblasen aufeinander losgehen, sind entweder Schauspieler oder die Jungwähler der neuen Rücksichtslosigkeit, wenn sie denn zu Wahlen überhaupt gehen, denn in öffentlichen Gebäuden zu Stimmabgabe anstellen, bringt doch keinen Fun. Und sie werden ja um und um umworben, nicht nur von Politikern, die auf den Lehrereffekt setzen, der ja in Erfurt erfolgreich gewesen sein soll, oder von Westerwellscher Wuseligkeit, sondern auch von dem gesamten Tinnef der Gebrauchsgüterindustrie, die schon längst nicht mehr ihre Ware verkauft, sondern ein Lebensgefühl, natürlich nicht Leben, und Gefühl ist doch alles. Wer dies begreifen will, möge Balzac lesen.
Auch wenn sie von Stütze leben, werden sie sich für Sozialarbeit nicht interessieren. Die ist für den Abschaum da, der noch schlechter dran ist und einfach ekelhaft, also Nutten, Stricher, sonst irgendwie Gefallene und Süchtige. Gut, man sauft zwar selbst wie ein Loch, hat oft auch zweifelhafte Nebenverdienste - aber "so wer" ist man doch nicht; sollen die sehen, was aus ihnen wird.
Aus der römischen Antike hat die neue Rechte zwei Sprüche geerbt: divide et impera und vox populi - vox die. Das Teile und herrsche ist praktisch. Und daß man auf das Volk höre, läßt sich schön erzählen. Man "glaube an den Menschen", ist die neue Parole, und vermutlich ist er abstrakt wie Gott. Da ohne Seinen Willen kein Spatz vom Dach fällt, muß man sich nicht sorgen. Vom real existierenden Volk kennt man seinen Hang zu Brutalität, und der will berücksichtigt werden, von "brutalstmöglicher Aufklärung" bis zu "einem notwendigerweise brutalen Sparprogramm".
Nun ja, das Abendblatt, das den gegenwärtigen Senat liebevoll herbeimästete, hält die gegenwärtige Politik für "im Ansatz gut". Daß sie für die Sozialarbeit desaströs ist, dürfte mittlerweile auch bekannt sein. Alles Nachrichten, die modischerweise Informationen heißen, und mit solchen wird man bis zum Achselzucken überschüttet. Ist doch alles egal und dasselbe. Und das ist ja nur ein Detail im gesamten Gezänk, von der Schulpolitik angefangen. Die Bildungspolitik hat eine größere Lobby, doch die hilft auch nicht, und wenn es Wirbel gibt, interessiert der nicht. Das hat die Frau Senatorin erklärt, und Politik wird im Senatsgehege, in Jesteburg oder sonstwo gemacht und natürlich nicht mit den Betroffenen. Von Arroganz der Macht zu sprechen, ist unverschämt, und Unverschämtheiten werden hanseatisch vornehm ignoriert. Die neue Folge von Star Wars ist gegebenenfalls interessanter als das übliche Gejammere von Unterlegenen, und das Wort "menschenverachtend" wird schon für alles mögliche angewendet.
Hamburg versucht derzeit ein gesellschaftliches Laboratorium, dessen Zukunft H.G. Wells mit Eloi und Morlocks beschrieben hat. Alle Zersetzungsbakterien werden eingesetzt, von Sozialneid über Schadenfreude bis zur alltäglichen Verleumdung des gesamten Sozialklimbims, daß beispielsweise ein Bekannter gehört habe, eine Asylbewerberin habe siebenhundert Mark für eine landesübliche Frisur bewilligt bekommen. Es gärt übel. Zu diesem tapferen Ausstieg aus der Konsensrepublik gehört die infantile Freude an Scherben. In den über vierzig sozialdemokratischen Jahren muß sich bei der Ewigopposition eine Berserkerwut angesammelt haben, den ewig Zukurzgekommenen vergleichbar, und die macht sich nun Luft in Zerschlagen, was man nur kann.
Wer von einer menschlicheren Gesellschaft geträumt hat, möge sich ernüchtern. Sie ist nicht vorgesehen.

Hans-Georg Behr

 

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