Berschreibung Projekt

GÄSTEWOHNUNGEN

Schlupfloch

- flexible familiäre Krisenintervention-

VORBEMERKUNG

Das Projekt "Straßensozialarbeit Rahlstedt" macht seit 1980 stadtteilorientierte, aufsuchende Jugendsozialarbeit in Großlohe, Rahlstedt-Ost und Hohenhorst mit dem Ziel, die Lebensqualität und -perspektiven von sozial benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen zu verbessern. Neben der aufsuchenden Arbeit, feministischer Mädchenarbeit, psychosozialer Beratung, Vernetzung im Stadtteil und politischer Öffentlichkeitsarbeit ist das Straso-Projekt auch auf dem innovatorischen Sektor tätig. Dies hat zur Folge, daß wir unter Berücksichtigung der konkreten Lebenswelt und der jeweils aktuellen Problemlagen unserer Zielgruppen den Standard vorhandener Hilfestrukturen überprüfen, um ggf. neue zielgruppenadäquate Projektideen und Arbeitskonzepte zu entwickeln. Seit 1982 hat die Straßensozialarbeit Rahlstedt zwei Gästewohnungen zur Verfügung, die von uns zur kurz- bis mittelfristigen Unterbringung von obdachlos gewordenen Jugendlichen verwendet wurden. Diese Wohnungen wurden ausschließlich von Jugendlichen aus unserem unmittelbaren Einzugsgebiet genutzt und zwar außerhalb der üblichen sozialbürokratischen Strukturen. So war es uns möglich, den Betreffenden schnell und ohne Hürden vorübergehend Unterkunft zu gewähren. Die Betreuung erfolgte durch KollegInnen benachbarter Jugendeinrichtungen, oder durch die StraßensozialarbeiterInnen ( Je nach dem, wer die Jugendlichen auch vorher betreut hatte). Da die Jugendeinrichtungen heutzutage mit dem zunehmenden psychosozialen Druck, der auf den Jugendlichen lastet, zu kämpfen haben, sind sie nicht mehr in der Lage zusätzliche Betreuungsaufgaben neben dem laufenden Betrieb zu übernehmen. Auch wir, die StraßensozialarbeiterInnen, sahen uns außerstande zusätzlich neben der normalen aufsuchenden Arbeit und des immens steigenden Einzelfallhilfebedarfes eine adäquate Betreuung der Jugendlichen in den Gästewohnungen weiter zu gewährleisten. Die erhöhten Sozialisationsdefizite der Kinder bzw. Jugendlichen und die damit verbundene Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten machten eine intensivere und aufwendigere Betreuungsform notwendig. Aufgrund dieser problematischen Situation , versuchten wir in einem Kooperationsmodell mit einer HZE-Einrichtung eine adäquate Betreuung sicherzustellen. Leider stellte sich heraus, daß unser Anliegen in den derzeitigen Strukturen von HZE nicht durchführbar war. Auf der Grundlage unserer Erfahrungen wollen wir ein völlig neuartiges Konzept der "betreuten, stadtteilorientierten Krisenwohnungen" umsetzen. Es ist uns klar, daß wir mit diesem Projekt in der Hansestadt Hamburg relatives Neuland betreten. Wir können auf die Argumentationskette einiger HZE-Träger bezüglich des Vorwurfes von Dumpingpreisen keine Rücksicht nehmen, da wir immer zuerst an die Interessen unserer Heranwachsenden im Stadtteil zu denken haben. Es entsteht hier ein völlig neues Projekt, welches unserer Meinung nach eine Chance bekommen sollte. Das von uns im Jan.1998 entwickelte "Rahmenkonzept für die stadtteilorientierte, niedrigschwellige, kurzfristige Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in Krisensituationen" sowie die hier veröffentlichte Projektbeschreibung sind vor dem obengenannten Hintergrund zu sehen. Die bewährten pädagogischen und humanistischen Grundelemente unserer bisherigen Jugendwohnbetreuung sollen dabei Berücksichtigung finden.

 

Ausgangslage, Zielgruppe, Bedarfsermittlung

Im Rahmen unserer Arbeit im Projekt 'Straßensozialarbeit Rahlstedt' stellten wir bereits seit längerer Zeit fest, daß es an kurz-, mittel- und auch längerfristigen Unterkunftsmöglichkeiten für in Not geratene Kinder und Jugendliche in der Stadtteilregion Rahlstedt einen erheblichen Bedarf gibt. Dies zeigt sich auch in den hohen Zahlen der HZE Maßnahmen in Rahlstedt. Das Standby-Projekt der Pestalozzi-Stiftung in unserer Region, das wir sehr begrüßen, kann unmöglich den hohen Bedarf an kurzfristiger Unterbringung junger Menschen decken. Die zunehmende Verfestigung von Armutsstrukturen führt auch bei uns vor Ort zu vielfältigen Formen von sichtbarer und unsichtbarer Not. Insbesondere stellen wir vermehrt fest, daß Kinder und Jugendliche aus ihren Familien flüchten, weil der Druck der familiären Situation (Verelendung, Alkoholismus, andere Süchte, menschenunwürdiger enger Wohnraum, sexueller Mißbrauch, massive Gewalt jeglicher Form) für sie unerträglich ist. Um derartigen destruktiven Tendenzen entgegen zu wirken und die positiven Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen zu begünstigen, haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie insbesondere in Krisen- und Notsituationen, Familien und Mütter entlastet werden können und in welcher Form vernachlässigten oder gar bedrohten Kindern und Jugendlichen zu helfen wäre. Diese Überlegungen wurden insbesondere deshalb gemacht, weil wir zunehmend beobachten, daß bei immer mehr Kindern und Jugendlichen eine zeitweilige Trennung von der Familie erfolgt oder aber förderlich wäre, bzw. daß immer mehr Kinder und Jugendliche von zu Hause flüchten (wollen), jedoch kein adäquates Angebot für sie zur Verfügung steht und sie aus dieser Situation heraus in bedrohlichen Wohnkonstellationen verbleiben oder aber unterkommen. Gerade Kinder und Jugendliche, die sich in akuten Notlagen befinden, benötigen angemessen betreuten Ersatzwohnraum, der ausreichend Schutz und Geborgenheit gewährleisten kann. Deutlich wurde bei unseren Überlegungen, daß die vorhandenen Hilfesysteme, wie z.B. Jugendwohnungen, Frauenhäuser, Kinder- und Jugendnotdienst zwar notwendig und hilfreich sind, aber oft keinen ausreichenden Stadtteilbezug haben, zu hochschwellig angelegt, nicht flexibel genug hinsichtlich der Länge der Unterbringung sind, nur begrenzte Kontinuität bieten, zusätzlich betroffene Bezugspersonen und das gewachsene soziale Umfeld nicht berücksichtigen und deshalb von den Betroffenen nicht angenommen werden. Darum spricht u.E. vieles dafür, bereits bei der Grundkonstruktion eines entsprechenden Hilfeprojekts dafür zu sorgen, daß gerade für die Kinder und Jugendlichen, die sonst aus allen Rastern herausfallen, die sozialen Bezüge so weit wie möglich erhalten und die pädagogischen Kriterien an deren Lebenswelt orientiert werden, wenn eine Fremdunterbringung erforderlich sein sollte. In extrem hohen Maße ist für Kinder, aber auch für Jugendliche der Verlust der Familie so einschneidend, daß sie nicht bereit oder in der Lage sind auch noch den Verlust ihres gesamten sozialen Umfeldes (Geschwister, Clique, Schule, Kinder- und Jugendeinrichtung) hinzunehmen. Sie pendeln dann eine Weile von Kinder- und Jugendnotdienst oder Jugendwohnung zu ihrem Viertel (meist ohne Abmeldung und Fahrgeld) und kehren früher oder später nicht mehr zurück.

 

FLEXIBEL BETREUTE GÄSTEWOHNUNGEN

Das neue Projekt greift auf die beiden bereits vorhandenen 3-Zi-Wohnungen des STRASO-Projektes zurück, die bisher als Krisenwohnungen genutzt wurden. Beide Wohnungen liegen in Arbeitersiedlungen, die eine in Hohenhorst, die andere in Rahlstedt-Ost. Eine Wohnung soll zur kurzfristigen Aufnahme von Mädchen, die andere von Jungen, im Alter von 16 bis 18 Jahren, genutzt werden. Insoweit stehen hier insgesamt 6 Wohnplätze zur Verfügung. Im Ausnahmefall ist die Aufnahme von Müttern mit Kindern möglich. Den Lebensunterhalt während der Krisenaufnahme tragen in der Regel die BewohnerInnen selbst. Die notwendigen Schritte zur Unterhaltssicherung werden von uns begleitet. Im Notfall und bei ausbleibenden Unterhaltszahlungen der Eltern gewährt das Projekt Überlebenshilfe. Aufgabe der SozialpädagogInnen ist es, die Jugendlichen in allen ihren Belangen zu unterstützen und eine adäquate Betreuung sicherzustellen. Die Betreuungsinhalte umfassen alle Bedürfnisse und Problemlagen der BewohnerInnen. Hierzu gehört der Kontakt zu den Eltern (in Absprache mit den vor Ort arbeitenden Strasos) und zum ASD, sowie die notwendigen Hilfen zur Lebens- bzw. Krisenbewältigung. Ebenso muß durch die Betreuer eine Sicherstellung der Wohnungsinstandhaltung gewährleistet werden.

 

STADTTEILORIENTIERUNG

Wie bereits angedeutet, werden die vorhandenen Hilfesysteme oft nur ungern von den Betroffenen angenommen. Die Gästewohnungen sind als Sondermaßnahme des Gesamtprojektes "Straßensozialarbeit Rahlstedt" zu verstehen; dies bedeutet, daß die SchlupflocharbeiterInnen eng mit dem Team der STRASOS zusammenarbeiten. (Gemeinsame Teamsitzungen, Einzelfallhilfen, konzeptionelle Absprachen, etc.). Ein stadtteilnahes Projekt, welches mit den vorhandenen Jugend- und anderen sozialen Einrichtungen eng vernetzt ist, hat den Vorteil, daß es im Viertel bekannt ist und die vorhandenen menschlichen und institutionellen Bezüge im Quartier erhalten hilft. Aufgabe der SchlupflocharbeiterInnen ist neben der pädagogischen Betreuungstätigkeit auch, Kontakte zu den ortsansässigen Einrichtungen zu pflegen und sich im Stadtteil bekannt zu machen. Dies kann auch eine Beteiligung an einzelnen Projekten im Stadtteil bedeuten. Das hier dargestellte Projekt ist als erweiterter Bestandteil des bereits erbrachten Angebots der Straßensozialarbeit Rahlstedt zu betrachten. Entsprechend ist zu berücksichtigen , daß die bereits in den vergangenen Jahren der Arbeit hergestellten und gefestigten Kooperationen zwischen der Straßensozialarbeit einerseits und Haus der Jugend Großlohe, Kirchengemeinde Großlohe, Jugendzentrum Startloch, Bauspielplatz Rahlstedt-Ost, Haus der Jugend Hohenhorst, der Schule Charlottenburger Straße, der Schule Großlohering, der Schule Neurahlstedt, dem ASD Rahlstedt wie auch den jeweils zuständigen Abteilungen des Jugendamtes andererseits fortgesetzt und weiter entwickelt werden.

 

BEGLEITUNG VON 'GASTFAMILIEN' IM STADTTEIL

Vorhandene nachbarschaftliche Hilfestrukturen sollen zusätzlich in das Gesamtkonzept eingebracht werden. Konkret soll versucht werden, zunächst je 2 'Gastfamilien' in Hohenhorst, Rahlstedt-Ost und Großlohe zu gewinnen, die bereit sind, die vorübergehende Wohnunterbringung, Verpflegung und Betreuung von Kindern, die aus ihren Familienzusammenhängen wegen innerfamiliärer Konflikte, Störungen oder Bedrohung 'rausfallen', zu übernehmen. Zielgruppe sind hier Kinder und Jugendliche die nicht in den Krisenwohnungen untergebracht werden können oder sollen. Die Familien sollen menschlich und fachlich flankierend unterstützt werden. Aufgabe der SozialpädagogInnen ist in diesem Zusammenhang eine professionelle Anleitung und Betreuung zu gewährleisten.

 

Auswertung des Projektes "Schlupfloch"

Da zu prüfen ist, ob das hier skizzierte Projekt für unsere Jugendlichen und Jungerwachsenen eine sichtbare Verbesserung in der menschlichen Angebotsstruktur unserer Viertel darstellt, werden wir die Sinnhaftigkeit unserer Konzeption genau überprüfen, deren Erfolge dokumentieren und öffentlich machen. Darüberhinaus wäre eine weitere wissenschaftliche Begleitung wünschenswert.

 

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