Ausstieg am Hauptbahnhof verboten ?!

Ausstieg am Hauptbahnhof verboten ?!

Angesichts der Weiterentwicklung der sozialdemokratischen Repressionsstrategie zur Bekämpfung der Drogenproblematik durch den neuen Senat stehen wir vor einer Kehrtwende in der liberalen Drogenpolitik und einer Gefährdung erfolgreich arbeitender Drogenhilfe. Die Massivität der polizeilichen Vorgehensweise beeinträchtigt die Erreichbarkeit und damit Wirksamkeit der szenenahe Drogenhilfe und führt dadurch langfristig zu massiven Beeinträchtigungen in der gesamten Drogenhilfe einschließlich der Therapieeinrichtungen.

Erinnern wir uns:
Es ist gerade mal 15 Jahre her, da stand die Drogenhilfe, auch in Hamburg, vor dem Bankrott: Die vermutete Zahl der DrogenkonsumentInnen lag in Hamburg bei ca. 10.000, doch nur wenige fanden den Weg in die Beratungsstellen und suchten den Kontakt zur Drogenhilfe. Das hatte auch mit der damaligen Einstellung der Drogenhilfe zu Drogenkonsum und DrogenkonsumentInnen zu tun: Bis dato galt in der Drogenhilfe ausschließlich das Abstinenz-Dogma. Leidensdruck sollte die DrogenkonsumentInnen wie von allein in die Therapieeinrichtungen treiben, forciert durch Strafverfolgung, die mit dem Prinzip "Therapie als Strafe" eine geradezu unheilige Allianz bildete. Prävention bestand im Wesentlichen aus Abschreckung und Verteufelung. Gesundheitsprophylaxe kam nicht vor, durchschnittliche Drogenkarrieren von 10 bis 20 Jahren wurden ignoriert. Substitution, Spritzentausch, Konsumräume oder kontrollierte Originalstoffabgabe waren unvorstellbar, schon der Gedanke daran galt als unprofessionell - bis kriminell.

Aufgrund der steigenden Anzahl von Drogentoten, die rasante Zunahme von HIV- und Hepatitisinfektionen und die mangelnde Inanspruchnahme der Drogenhilfe auf Seiten der Klientel, wurde eine Umorientierung in der Drogenpolitik -und hilfe notwendig, um dem steigenden Problem etwas entgegensetzen zu können.
Seit Mitte der 80er Jahre wurde der Ansatz einer niedrigschwelligen akzeptierenden Drogenarbeit entwickelt und umgesetzt. Beratungsstellen neuen Musters sollten szenenah arbeiten und sich mit ihren Angeboten an den Bedürfnissen der KlientInnen und ihrer Lebenswelt orientieren. Die sozialpädagogischen Grundsätze der akzeptierenden Arbeit klingt heute nach Binsenweisheiten, waren damals aber geradezu umstürzlerisch: Nur wer überlebt kann aussteigen; nur wer den Kontakt zur Drogenhilfe findet, kann unterstützt werden beim Ausstieg aus dem Szeneleben;
auch DrogenkonsumentInnen haben ein Recht auf Menschwürde; es ist ihnen mit Respekt gegenüberzutreten; helfender Zwang ist keine Hilfe etc.
Die körperliche, seelische und soziale Stabilisierung durch niedrigschwellige Hilfen machte es vielen DrogenkonsumentInnen überhaupt erst möglich, aus dem Szeneleben und dem Drogenkonsum auszusteigen.

Dieses von nicht wenigen DrogenhelferInnen, aber auch von berufsfremden Instanzen, wie der Polizei, Initiativen und Stadtteilgremien der jeweiligen Quartiere zunächst mit reichlich Argwohn beäugte Konzept, erregte schnell wohlwollende Aufmerksamkeit: gerade in den betroffenen Stadtteilen, bei Polizei, BürgerInnen und Initiativen im Quartier. Daraus entwickelte sich im Laufe weniger Jahre eine nie dagewesene Lobby für die Drogenhilfe. Die Liberalisierung der Drogenpolitik und die Auseinandersetzung hierüber führte auch zu einer höheren Akzeptanz die DrogenkonsumentInnen bzw. die für sie notwendigen Hilfsangebote betreffend.

Die Errichtung des DROB INN am jetzigen Standort führte zu einer spürbaren Entlastung des Hauptbahnhofes und der Wohnquartiere. Herumliegende Spritzen, öffentlicher Konsum und die Bildung einer offenen Drogenszene an nicht sozialverträglichen Standorten reduzierten sich gravierend, eine nie erreichte Anzahl von DrogenkonsumentInnen befanden sich im Drogenhilfesystem.
Mittlerweile bedienen sich fast alle Hamburger Drogenberatungsstellen mehr oder weniger des niedrigschwelligen akzeptierenden Arbeitsansatzes. Spritzentausch, ein kleines Café, einen Konsumraum, Safer-use-Beratung etc. finden sich überall, kein Vergleich mehr zu den alten Drogenberatungskonzepten. Die Unterschiede liegen eher in der Aussendarstellung und konzeptionellen Nuancen aufgrund des unterschiedlichen Umfeldes und KlientInnenprofils der Beratungsstellen. Deshalb ist es umso törichter, die Drogenhilfe immer wieder, durch die Sortierung in sog. Versorgungseinrichtungen und sog. qualifizierte Beratungsstellen, spalten zu wollen.

Eigentlich könnten alle zufrieden sein, wäre dieser Weg weiter beschritten worden. Doch gab es in dieser Entwicklung einen Bruch: Die Politik hat es versäumt, rechtzeitig weitere steuernde Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen. Das heute in Hamburg vorherrschende Crackproblem wurde jahrelang ignoriert bzw. unterschätzt; hilfreiche Konzepte liegen der Behörde vor, aber die Umsetzung läßt viel zu lange auf sich warten und nach dem Senatswechsel ist bisher nicht erkennbar, ob sie überhaupt noch gewollt ist. Die Umsetzung der beschlossenen Heroinambulanz wurde über Jahre verschleppt - und immer wieder gern politisch mißbraucht.

Seit Jahren fordern die Initiativen des Stadtteils St. Georg die Einrichtung einer zweiten Beratungsstelle mit integriertem Konsumraum zur weiteren Entlastung des Stadtteils - und des völlig überlasteten Standortes DROB INN. Die Nichteinrichtung einer zweiten Einrichtung und die Überstrapazierung der Sozialverträglichkeit des jetzigen Standortes des DROB INN durch die Polizei, die Hauptbahnhof und Innenstadt "drogenszenefrei" machen bzw. halten wollte, führte zu einer katastrophalen Situation vor unserer Einrichtung. Bis zu 150 DrogenkonsumentInnen hielten sich gleichzeitig vor unserer Einrichtung auf. Dieser Splitter im Auge der Öffentlichkeit lud seitdem jede/n DrogenhilfeeinrichtungsgegnerIn ein, gegen unsere, aber auch gegen jede geplante Drogenhilfeeinrichtung Stimmung zu machen. Es drängte sich förmlich auf, die offene Drogenszene zum Thema im Wahlkampf und in der Sauregurkenzeit der lokalen Medien hochzustilisieren.

Die Folgen des öffentlichen Gesinnungswandels werden heute für alle Beteiligten spürbar. Statt mit Augenmaß gelenkt und gesteuert, wird die Drogenszene einem massiven Repressionsdruck ausgesetzt. Mit einem nie dagewesenen Polizeiaufgebot wird versucht, Szeneansammlungen auflösen, als ließe sich damit das Drogenproblem unsichtbar machen - wahrlich nicht gerade innovativ. Die Folgen hingegen sind fatal. Oberflächlich betrachtet könnte man den Eindruck bekommen, als wäre die Drogenszene aus St. Georg verschwunden. Diese Erfolge wurden "dem Wähler" ja auch medienwirksam dargelegt. Was fehlt in der Darstellung, ist die gewachsene, ständig zunehmende Belastung für AnwohnerInnen und Geschäftsleute im Quartier St. Georg, die sich jetzt wieder mit versprengten, in die Haus- und Geschäftseingänge verdrängten DrogenkonsumentInnen auseinandersetzen müssen. Was fehlt in der Darstellung, ist eine wieder sich verstärkende Verelendung der Klientel - alles schon mal erlebt, alles schon längst überwunden geglaubt und für viele St. GeorgerInnen und KlientInnen deshalb umso schmerzlicher, dieses Rollback zu erleben.
Deutlich wird hier auch, das Drogenszene nicht gleichzusetzen ist mit "Dealern". Ein Großteil der Angehörigen der offenen Drogenszene sind langjährige, schwerstabhängige DrogenkonsumentInnen. Sie sind es, denen der neue Senat "alle Hilfe" versprochen hat und die diese dringend benötigen. Z. Zt. wird ihnen die Inanspruchnahme von Drogenhilfe jedoch deutlich erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.

Unter dem derzeitigen Polizeidruck droht das DROB INN als eine Art "Fluchtburg" mißbraucht zu werden: Wenn die Türen aufgehen, füllt sich das DROB INN-Café in Windeseile, danach geht wegen der Polizeianwesenheit keiner mehr raus. Da unsere Einlaßkapazität durchaus begrenzt ist, entsteht ab einem gewissen Grad absoluter Stillstand. Alle Angebotssegmente unserer Beratungsstelle werden davon in Mitleidenschaft gezogen: Beratung, Therapievermittlung, Krisenintervention, Suchtbegleitung, medizinische Versorgung, Nutzung der Konsumräume etc. Sprich, es wird wieder vermehrt in der Öffentlichkeit konsumiert, die Beratung und Weitervermittlung in andere Hilfeeinrichtungen gerät ins Straucheln. Dazu kommt, dass viele KonsumentInnen unsere Einrichtung offenbar gar nicht mehr aufsuchen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie allesamt andere Einrichtungen nutzen, sondern zum überwiegenden Teil gar keine Drogenhilfeeinrichtung mehr aufsuchen. Es liegt in der Natur der Sache, dass DrogenkonsumentInnen, die sich schon aufgrund des Drogenbesitzes in der Illegalität befinden, die Einrichtung meiden, wenn sie ständig von Polizei umstellt ist. Ein Einstieg in das Drogenhilfesystem und - damit verbunden - eine Möglichkeit zum Ausstieg aus Szeneleben und Drogenabhängigkeit wird somit polizeilich abgeschnitten. Ausstieg am Hauptbahnhof Verboten?

Warum glauben politisch Verantwortliche, man könne sich über alle Erfahrungswerte im In- und Ausland hinwegsetzen - einschließlich derer, die hier in Hamburg im Laufe vieler Jahre von Hamburger Trägern und Einrichtungen gemacht wurden?
Die Aufhebung der Trennung, der Aufgabenbereiche zwischen Drogenhilfe einerseits und polizeilicher Repression andererseits kann es nicht geben; wird Drogenhilfe in diese Doppelstrategie von Helfen und Strafen integriert, wird sie tatsächlich unters Repressionssystem subsumiert und ist letztlich nur noch "soziale Kontrolle light".
Es geht nicht um Zusammenarbeit, sondern um einen modus vivendi auf der Grundlage wechselseitiger Anerkennung des jeweiligen Aufgabenbereiches. Dort wo eine klar abgegrenzte "Zusammenarbeit" stattfindet muss es klare Absprachen geben. Nur wenn das gelingt und wo das gelingt, kann erfolgreich gearbeitet werden - und das war in St. Georg in den letzten Jahren immer wieder der Fall. Gelingt es nicht, können wir alle einpacken - zuerst die Drogenhilfe, dann die Polizei und irgendwann die politisch Verantwortlichen!

Peter Möller
DROB INN

 

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