Ausgrenzung und soziale Spaltung auch in der Bildungspolitik

Ausgrenzung und soziale Spaltung auch in der Bildungspolitik



In einer Nacht- und Nebelaktion hat die Schulbehörde Mitte März sechs Berufsschulen mitgeteilt, dass ihr zweijähriger Bildungsgang "Fachoberschule" (FOS) und Berufsfachschule ab sofort liquidiert sei. Begründung: Es seien genügend Ausbildungsplätze für diese Schülerinnen und Schüler vorhanden. Die Abschaffung der zweijährigen FOS als Weiterbildungseinrichtung macht exemplarisch deutlich, wohin es auch bildungspolitisch mit der neuen Regierung geht: Beschneidung von Chancengleichheit, ein geradezu rüpelhafter Umgang mit den Bildungsinteressen der Betroffenen, die bedingungslose Unterwerfung unter die Ansagen der Handelskammer und dazu kommt eine dramatische Kürzungspolitik auch im Bildungsbereich.

Mit der ersatzlosen Streichung der zweijährigen FOS handelt es sich um einen Angriff auf den Zweiten Bildungsweg und auf die Eröffnung größerer Chancen nach der Sekundarstufe I. Die Berufswahlfreiheit wird deutlich eingeschränkt und durch Maßnahmen ersetzt, die den Betroffenen entweder ungewollte unattraktive Restberufe aufnötigen oder sie zwingen, einen Berufswunsch aufzugeben, der gerade über die zweijährige FOS möglich wäre. Schulsenator Lange hat dieses je nach Auftrittsort entweder mit Hinweis auf notwendige Sparzwänge begründet oder darauf, dass dieser Bildungsgang in dem Moment seine Berechtigung verloren hätte, wo genügend Ausbildungsplätze für diese Jugendlichen zur Verfügung stehen. Dies ist in vierfacher Hinsicht unerträglich, inkompetent und verlogen:

1.
Ein Blick auf die angeblich massenhaft offenen Ausbildungsplätze macht deutlich, dass in bestimmten Berufen sich die freien Plätze zwar häufen, während auf andere Ausbildungsplätze erheblich mehr Bewerbungen als Plätze vorliegen. Wenn dieses Verfahren ernstgemeint ist, dann müsste die potentielle Goldschmiedin eben Gebäudereinigerin werden, solange noch Plätze frei sind. Denkt man diesen Vorgang zuende, dann gäbe es eine Pflichtbesetzung eines jeden noch so unattraktiven Ausbildungsplatzes mit der Folge, dass schwächere SchülerInnen aus diesen Berufen auch noch verdrängt werden und sich so vielleicht ein Potential für die merkwürdigen neuen 100 Ausbildungsberufe der Handelskammer ergeben, die jedem bisherigen Standard an Ausbildung wiedersprechen.

2.
Ein Teil der SchülerInnen hat gerade die zweijährige FOS gewählt, weil dieser Bildungsgang der adäquate zur Erreichung eines bestimmten Berufsziels ist. Was nützt dem Jugendlichen, der Sozialpädagogik im Auge hat, der Hinweis auf freie Stellen im Fleischereigewerbe?

3.
Ein Teil der tausend Jugendlichen hat unendlich viele vergebliche Bewerbungen auf bestimmte Ausbildungsplätze hinter sich. Gerade diese Jugendlichen empfinden den Hinweis auf die vielen freien Plätze als puren Zynismus. Besonders pikant in diesem Zusammenhang, dass die Handelskammer nach bekannt werden der geplanten Abschaffung des Bildungsganges ihre Mitgliedsunternehmen in einem Bettelbrief aufforderte, für die nun auf der Straße stehenden Jugendlichen geeignete Ausbildungsplätze zu schaffen.

4.
Während der Bürgerschaft die Abschaffung der FOS als notwendige Sparmaßnahme verkauft werden sollte, beweist ein schlichter Blick in die Stundentafel, dass selbst dieses Argument hinfällig ist. Ein Teil der SchülerInnen wird in vollzeit-schulische Bildungsgänge (Wirtschaftsgymnasium, Aufbaugymnasium) abwandern; diejenigen, die tatsächlich noch Ausbildungsplätze finden, werden im dualen System in der elften Klasse mehr Unterricht haben als auf der FOS 11. Auch hier wieder ein Paradebeispiel, wie sich der neue Senat im Gestrüpp seiner eigenen Ideologie verfängt.

Doch mit diesem Coup ist der Schulsenator diesmal - mindestens vorläufig - auf der Nase gelandet. Der Massenprotest von betroffenen SchülerInnen, den beteiligten Schulen und der GEW hat zu einer Rücknahme der Schließung mindestens für dieses Jahr geführt. Und er hat uns bewiesen: Widerstand lohnt sich.

Anna Ammonn
 

 

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