Ausblick

Ausblick

Seit über 20 Jahren schreitet in den hochentwickelten Industriestaaten - so auch in der Bundesrepublik - der Zerfall der Familien scheinbar unaufhaltsam voran.
Es ist ein gesamtgesellschaftliches Klima emotionaler Dünnhäutigkeit entstanden, in dem viele Bürger es sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen zunehmend leicht machen. Die heutige Zeit zeichnet sich nicht gerade aus durch Verantwortungsgefühl für Andere und Verbindlichkeit im Handeln. Partnerschaften werden in Beziehungskrisen zunehmend beendet anstatt die Kraftanstrengung auf sich zu nehmen, die Krise gemeinsam zu bewältigen.

Kinder werden zunehmend in die Verantwortung des Staates gegeben, statt alle Energien dafür aufzuwenden innerfamiliäre Krisen - gegebenenfalls mit professioneller Hilfe von außen - durchzustehen. In den vergangenen Jahren mussten wir erleben, dass Eltern immer schneller bereit sind, ihre pubertierenden Kinder vor die Tür zu setzen beziehungsweise nach dem Jugendamt zu rufen.

Parallel zu dieser Entwicklung wird im Zuge von Ressourcensteuerung die staatlich finanzierte Familienhilfe, Erziehungsberatung und Hilfe zur Erziehung immer weiter auf die gesetzlich vorgeschriebenen Leistungen reduziert.

Hier droht in der Glitzerkonsumwelt unserer reichen Freien und Hansestadt ein Vakuum in der Verantwortung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen zu entstehen, in dessen Konsequenz besonders die Jugendlichen( - denen gegenüber vom Lebensalter her keine gesetzlich verankerte staatliche Pflicht zur Hilfe besteht- ) aus Armutsfamilien in Gefahr geraten in ein Überlebensdasein (Straßenkinderdasein) gedrängt zu werden, wie wir es aus Drittweltländern kennen.
Nicht zuletzt steht zu befürchten, dass im Zuge von Hartz IV viele Bedarfsgemeinschaften dazu übergehen werden, ihre finanziell sanktionierten Mitglieder (, die in der Regel Jugendliche und Jungerwachsene sein werden, ) auf die Straße zu setzen.

Wir sehen es als Aufgabe aller in der Kinder- und Familienhilfe und in der Kinder- und Jugendsozialarbeit Tätigen an, alle Kraftanstrengung zu unternehmen, den Prozeß der innerfamiliären Entsolidarisierung umzusteuern. Das heißt die Familien in die Verantwortung für ihre Kinder zu nehmen, ihnen Mut zum Zusammenhalt zu machen und sie dabei auch tatkräftig zu unterstützen.

Alle Anstrengungen der für Kinder und Jugendliche Tätigen bleiben jedoch die Kämpfe eines Don Quichotte, wenn nicht unsere bundesdeutsche bürgerliche Gesellschaft mit ihren politisch Verantwortlichen und ihren Medien sich endlich einem neuen Gesellschaftsentwurf verschreibt, der den Wert und das Schutzbedürfnis von Kindern und Jugendlichen als höchste Priorität gesellschaftlichen und politischen Handelns begreift, der Kindern und Jugendlichen wieder den evolutionär gesellschaftlichen Stellenwert einräumt, den sie haben, den der Zukunft unseres Landes.

Als in der Jugendsozialarbeit Tätige, die sich die Verbesserung der Lebensperspektiven von Kindern aus Armutsfamilien zu Ziel gesetzt haben, beobachten wir derzeit, wie diese Lebensperspektiven immer mehr zu Überlebensperspektiven verkommen, inmitten einer von Reichtum nur so strotzenden Stadt.

Kinder aus armen Familien verlassen die Grundschule als halbe Analphabeten. Der Hauptschulabschluß ist endgültig zu einem Schulabschluß degradiert, der ins berufliche Nichts führt.

Trotz Pisa und Alledem: eine seit Jahrzehnten überfällige grundlegende Reform unseres Schul- und Ausbildungssystems findet nicht statt. Allenfalls kosmetische kostengünstige "Reförmchen".

Die Neue Devise scheint eher ein breit angelegtes Selektionsprinzip zu sein.
Fragmente dessen werden wir in diesem Jahr in unserer Arbeit verschärft zu spüren bekommen.
Die Jugendlichen, die wir in unseren Gästewohnungen eine kleine Weile begleiten, haben in der Regel bestenfalls einen Hauptschulabschluß. Zugang zu beruflichen Fachschulen bekommen junge Menschen ab 2005 nur noch mit einer Schulnote von mindestens 3,0. Ausbildungsplätze für Hauptschüler gibt es wie erwähnt auf dem freien Arbeitsmarkt nicht mehr. Die wenigen übriggebliebenen überbetrieblichen Ausbildungsprojekte für benachteiligte Jugendliche werden unter einen an staatliche Zuschüsse gekoppelten Erfolgsdruck gesetzt und sortieren nun durch Kompetenzfeststellungsverfahren aus.

In unseren Arbeitervierteln reagiert eine zunehmende Anzahl von Mädchen genetisch-intuitiv auf die nicht mehr vorhandenen beruflichen Chancen.
Die Zahl derer, die im Alter von 14 bis 16 Jahren Mutter werden steigt fast explosionsartig.
So eröffnet sich wieder ein Feld für uns Jugendsozialarbeiter, wo wir gefragt sind uns vermehrt einzumischen und an die Selbsthilfe und den Zusammenhalt in den noch rudimentär vorhandenen Restfamilien zu appellieren mit dem Ziel gemeinsam Wege zu finden, wie diese Familien es finanziell und emotional wuppen können, dass ihre jungen Töchter -unterstützt von der gesamten Familie- ihre Babys in Würde großziehen können.

Es gibt viel zu tun.

Conny Fiedler

papa

 

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