Aus dem Tagebuch der Sozialarbeit

Aus dem Tagebuch der Sozialarbeit


"Job weg, Wohnung auch bald" - soweit die durchaus realistische Prognose des jungen Mannes, Alter Anfang 30.
Bei geneigter Betrachtung der Ablehnungsbescheide des Sozialamtes offenbart sich eine Hamburger Spezialität: also so gehe das ja nun auch nicht, einfach so arbeitslos zu werden! Und dann auch noch so dreist, ein Vermittlungsangebot des Sozialamtes für die Fa. Randstadt (Bruttostundenlohn: 6 EURO!) abzulehnen! Ne, also wirklich, bei aller Güte und allem Wohlwollen, so geht das nun wirklich nicht! Da könne man nichts mehr machen. Empörung und Irritation - auf allen Seiten.
Die Fakten, zum tieferen Verständnis zusammengefasst: eigene kleine Wohnung im Abriss-Hochhaus, der Job weg, weil wegen nicht mehr zu gebrauchen, beim Vermieter mit mehr als drei Monatsmieten im Verzug, bisher bei Muttern und Vattern durchgefressen (hat gerade mal so geklappt, reicht auch noch für Zigaretten!), Telekom-Rechnungen unbezahlt, ebenso die der HEW, die Krankenkasse will auch noch die ein oder andere Mark (jetzt Euro) für die unlängst erneuerte Kauleiste, diverse ungeöffnete Schreiben vom Inkasso-Dienst aus Posemuckel, und - ach, dass hätte ich fast vergessen in dieser leidvollen Auflistung: das Jugendamt fordert nachhaltig Unterhalt für das minderjährige Kind.
Und da hat dieser Kerl doch die Dreistigkeit sich an das Sozialamt in seinem Bezirk zu wenden! In der wahnwitzigen Überzeugung, dass ihm dort geholfen würde stellt er also Antrag auf Antrag, naiv und gutgläubig ausschließlich mündlich, na ja - wie er sich eben das nun Mal so denkt. Die Ablehnungsbescheide kann er beim besten Willen weder inhaltlich, noch der Form nach begreifen. Was bedeutet das alles?, so die bange Frage.
Haltlose Forderungen stehen da Schwarz auf Weis im feinsten Behörden-Deutsch: man habe sich gefälligst zu bewerben, und das pausenlos, täglich und schriftlich - auch wenn die genannten Firmen sowieso niemanden einstellen, man habe darüber dann einen schriftlichen Nachweis zu erbringen. Und Mietschulden? Also, wenn der mündige Bürger soweit ins soziale Abseits gerät - selber schuld! Von wegen Maßnahmen zur Vermeidung von Obdachlosigkeit, oder gar so etwas wie Beratung! Wie, der Strom und das Telefon würden demnächst abgestellt? Dann lesen Sie doch eben im doch auch ganz romantisch wirkenden Kerzenschein!
Da keimt der Verdacht, dass schwarz-schillernde Überzeugungen nicht nur hoffähig werden, sondern zum eigentliche Programm mutieren - gleichsam ein vergilbter Lochkartenstreifen der Ur-Version von DOS, den heute, ob der braunen Verschleißschlieren kaum noch jemand lesen, geschweige denn sonst wie gebrauchen kann. Allerdings: das Programm läuft, und das beängstigend präzise!
Golemhaft erschaffen sich die Vertreter der Neuen Steuerungsideologie selbst, werden zu deren Protagonisten, verschanzen sich hinter Schreibtischen und Verordnungen, faseln etwas von "Synergie-Effekten" (die wohl im Zweifelsfall auch Omas Sparstrumpf einschließen), deutsches Recht (nicht nur das BSHG) wird bis zum Abwinken strapaziert. Ab und an ein paar gequält inszenierte Aufschreie der verkalkten einstigen Nomenklatura - das war`s dann allerdings.
Stille kehrt ein - und ein Aufschrei, nämlich der des oben erwähnten jungen Mannes. Trotz der (vermutlich mehr als) 4,3 Millionen Arbeitslosen Bundesbürger führt er behend den Nachweis, dass ihn niemand einstellen will/kann/zu gebrauchen ist; er fordert nun schriftliche Absagen (bisher ging das alles mündlich oder telefonisch) von den potentiellen Arbeitgebern ein, die sich ob solch widersinniger Anliegen doch etwas pikiert zeigen, aber immerhin: die Rücklaufquote liegt bei gut 50%, denn: viele Absagen bringen ihn doch möglicherweise dahin, Sozialhilfe zu beziehen, der Nachweis ausreichender Bemühungen um einen Arbeitsplatz ist ein winzig kleiner Schritt in diese ach so verheißungsvolle Zukunft, die immerhin perspektivisch das eigene Bett in einer beheizbaren eigenen Wohnung sicherstellen könnte.
Zwischendurch erhält er einen Nachweis vom zuständigen Sachbearbeiter des Sozialamtes, der ihm doch tatsächlich bescheinigt, dass er prinzipiell einen Anspruch auf Sozialhilfeleistungen hätte, derzeit aber keine bezöge. Mutmaßungen machen sich in der Amtslandschaft breit: ist der Kerl etwa arbeitsunwillig, gar faul, ein verkommenes Subjekt vielleicht? Soweit zumindest das für sein Kind zuständige Jugendamt, dass ja doch gerne mal wissen möchte, in welcher Höhe denn Einkommen da sei. Die hilflosen Beteuerungen, dass eben seit drei Monaten schlicht nichts, auch keine Sozialhilfe auf das überzogene Konto (Achtung: Giros-Zinsen!) wandert, stößt auf blanke Ungläubigkeit: so was sei in einem Rechtsstaat keinesfalls denkbar. Dieses Wort des Kindes-Vormunds, der ja nun vorgeblich immer nur zum besten Wohle tätig wird, in Gottes Ohr: aber doch ... Wobei: diese Widerrede kommt doch sehr verhalten ob dieser Ungeheuerlichkeiten, die sich auf Senats-bekopftem Recycling-Papier breit machen.
Sei`s drum, flugs Widersprüche gepinselt. Optimistische Parolen werden geklopft. Und dann, nach Wochen verzweifelter, mit unter tränen-nass durchweichter Korrespondenz: wer Arbeit sucht, findet auch welche! Ein (Kalb-)Fleisch gewordenes Klischee rettet zumindest zeitweilig die Zukunft, der Amtsschimmel kackt plötzlich euro-strotzende Goldäpfel, die Wohnung ist bezahlt, den klitzekleinen Rest bekommen Sie ja denn nun auch noch geregelt - gehen Sie doch mal zur Beratung. Wann eigentlich, ich hab` doch ´nen neuen Job?
Fazit: jeder ist seines Glückes Schmied (wie schon die Altforderen zu berichten wußten), aber wer schwingt denn hier mit welcher Berechtigung den Hammer? Oder doch vielleicht besser: die Sense?
Übrigens: das nächste Mal werde ich mir nicht unbedingt das Maul fusselig sabbeln, um den erwähnten Bürger davon abzuhalten, bei dem für ihn zuständigen Sozialamt massiv aufzulaufen, denn dann wäre die Wohnungsfrage und das Problem mit der leidigen Versorgung auch staatlich geregelt, möglicherweise abschließend!
Also dann - bis zum nächsten Mal.

Streetlife e.V., Straßensozialarbeit Rahlstedt, Jürgen Sandner

 

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