Arbeit im Schlupfloch

Schlupfloch

- flexible familiäre Krisenintervention-

Gästewohnungen für obdachlose Jugendliche in Rahlstedt

Die Arbeit im Schlupfloch

Ein Schlupfloch an der Schnittstelle zwischen offener Jugendsozialarbeit und Hilfen zur Erziehung

Wir verstehen Jugendsozialarbeit als einen freiwilligen Akt zwischenmenschlicher Kommunikation, der davon ausgeht, daß hier Experten verschiedenster Fachlichkeit zusammentreffen und gemeinsam etwas neues entwickeln.

Die Jugendlichen, die zu uns kommen sind Experten in ihrem Wissen, wie sich die jeweils unterschiedliche Jugendkultur mit ihrer Musik, ihren Riten, ihrer Kleidung und ihrem Jargon lebt. Sie sind Experten in der Erfahrung darin, wie es sich anfühlt, unausweichlich erscheinende Schwierigkeiten im Elternhaus zu haben. Sie sind Fachleute in der Frage, wo das derzeitige Schulsystem versagt und an den Anforderungen der Gegenwart scheitern muß. Sie kennen sich aus mit Erwachsenen, die denken, sie wüßten was das jeweils Beste für die heutige Generation Jugendlicher sei und die es nicht schaffen zu ihren Träumen, Hoffnungen, Ängsten und ihrer Trauer vorzudringen. Sie sind Experten darin Erwachsene dort zu ertappen, wo sie anders handeln als sie vorgeben es zu tun. Sie sind die Experten ihrer jeweils eigenen Überlebensstrategien.

Wir in der Jugendsozialarbeit tätigen sind Experten - oder wir sollten es zumindest sein - darin unser Wissen, das wir über Gruppendynamik, Ausbildungsmöglichkeiten, soziale Sicherung, Lebensformen, Berufsperspektiven, erzieherische Hilfen, Rechte und Gesetze, Gesundheitsvorsorge, Konfliktbewältigungstechniken, Krisenbewältigungsstrategien, und vieles mehr zur Verfügung zu stellen.

Im Dialog dieser beiden unterschiedlichen Experten, die ihr jeweiliges Wissen gegenseitig achten und anerkennen, entstehen dann neue Wege der Krisenbewältigung oder neue Lebensentwürfe. Unsere Aufgabe sehen wir darin, die Jugendlichen zu unterstützen um selbige verwirklichen zu können.

Umgesetzt auf unser Projekt bedeutet dies, daß wir viel Zeit dafür zur Verfügung stellen, die Wünsche, Träume, Ziele aber auch Ängste und Trauer der Jugendlichen gemeinsam herauszufinden und Antworten auf möglichst alle Fragen und soweit irgend möglich Lösungsmöglichkeiten herauszuarbeiten. Ein solcher Dialog ist nur bedingt planbar. Er ist immer abhängig vom Vertrauen, das wir als Erwachsene oft sogar Fremde erst einmal gewinnen müssen, und der emotionalen Stimmungslage des Mädchen oder Jungen. Flexibilität und Spontaneität in den Begegnungen sind hier sehr wichtig.

Ein weiteres Prinzip offener Jugendsozialarbeit ist der ganzheitliche Ansatz; dies beinhaltet jeden jungen Menschen, der zu uns kommt so zu akzeptieren wie er oder sie ist mit allen Stärken und Schwächen und ihn/sie zu verstehen auf dem Hintergrund der familiären und kulturellen Herkunft und seines/ihres gesamten sozialen Umfeldes. In der Konsequenz führt dies dazu, daß wir uns in unserer Arbeit für alle Belange dieser Jugendlichen in allererster Linie zuständig fühlen und nur dann weiterverweisen, wenn unsere eigene Fachlichkeit nicht ausreicht. Auch dann sehen wir es jedoch als unsere Aufgabe entsprechende professionelle Kontakte herzustellen beziehungsweise unsere Begleitung anzubieten, wenn der/die Betreffende sich alleine nicht traut andere Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Während dieses Prinzip in vollem Umfang in die Arbeit in den Gästewohnungen übertragbar ist, kann das Prinzip der Freiwilligkeit nur eingeschränkt zum Tragen kommen. Kontaktaufnahme in einer familiären Krisensituation erfolgt in der Regel nicht freiwillig sondern aus der akuten Notlage der drohenden oder faktischen Obdachlosigkeit heraus.

Für die in unsere Gästewohnungen aufgenommen Jugendlichen gilt, daß die im Rahmen der offenen Jugendsozialarbeit gegebene Freiwilligkeit des Kontaktes mit den MitarbeiterInnen per se sehr eingeschränkt ist. Die Gästewohnung wegen Unstimmigkeiten oder aus dem Bedürfnis nach weniger Kontrolle zu verlassen, würde den Verlust des Daches über dem Kopf bedeuten. Von daher sind äußerste Behutsamkeit mit den Bedürfnissen der aufgenommenen Jugendlichen und das Reduzieren von Zwängen auf die unabdingbar notwendigsten Regeln für das Zusammenleben in diesen Wohnungen innerhalb von Wohnblocks hochgradig wichtige Grundanforderungen an die SchlupflochmitarbeiterInnen.

Ziele

Ziel unseres Projektes ist die sofortige, kurzfristige und unbürokratische Krisenunterbringung von Jugendlichen aus unserem Stadtteil, die aufgrund schwerer familiärer Probleme für eine Weile aus dem innerfamiliären Druck heraus müssen, von Obdachlosigkeit bedroht oder schon obdachlos geworden sind.

Primäres Ziel ist die Stabilisierung der/des betreffenden Jugendlichen und -in Zusammenarbeit mit der Straßensozialarbeit Rahlstedt- der ganzen Familie mit dem Ziel daß für das Mädchen/den Jungen die Rückkehr ins Elternhaus ermöglicht wird. Ist eine Rückkehr in die Familie nicht mehr möglich wird gemeinsam mit der/dem Betroffenen je nach Alter, Entwicklungsstand und Lebenssituation herausgearbeitet, ob sie/er bei Verwandten leben kann und möchte, in einer Jugendwohnung leben möchte oder schon imstande ist in eine eigene Wohnung oder eine Wohngemeinschaft zu ziehen.

Unser Anspruch ist es, in möglichst kurzer Zeit ein möglichst großes Netz an stabilisierenden Maßnahmen aufzubauen und bestehende Sozialstrukturen und -kontakte im Viertel zu erhalten. Dieses Projekt hat einen ganzheitlichen Ansatz, d.h. wir reduzieren unsere Arbeit nicht auf die Krisenunterbringung sondern wir unterstützen die Jugendlichen in allen Lebensbereichen.

Unser Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit allen Einrichtungen aus dem Stadtteil zu erreichen, daß Jugendliche, die in für sie unhaltbaren familiären Situationen leben, unser Projekt kennen und rechtzeitig zu uns Kontakt aufnehmen können, bevor sie sich an ein Leben auf der Straße gewöhnt und die Verankerung in ihrem Lebensumfeld verloren haben.

Darüber hinaus soll versucht werden "Gastfamilien" in Hohenhorst, Rahlstedt-Ost und Großlohe zu gewinnen, die bereit sind, die vorübergehende Aufnahme, Verpflegung und Betreuung von Jugendlichen zu übernehmen. Zielgruppe sind hier Kinder und Jugendliche, die nicht in den Gästewohnungen untergebracht werden können oder sollen.

 

Zielgruppe

Zielgruppe sind Jugendliche besonders aus den Rahlstedter Armutsvierteln, die aus ihren Familien geflüchtet sind, weil der Druck der familiären Situation (Verelendung, Alkoholismus, andere Süchte, menschenunwürdig enger Wohnraum, sexueller Mißbrauch, massive Gewalt in jeglicher Form,...) für sie unerträglich geworden ist; die zu Hause rausgeschmissen wurden, weil ihre Eltern sich von ihnen überfordert fühlen oder die für eine Weile eine Trennung vom Elternhaus benötigen um zur Ruhe zu kommen und dann einen gemeinsamen Neubeginn starten zu können. In unserem Turbokapitalismus, der beständig einen aggressiven Druck auf die Menschen in den Armutsvierteln ausübt, sind unsere Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen ständig mit folgenden Problematiken konfrontiert:

 

-Armut

-Ausgrenzung

-Verelendung

-Vernachlässigung

-Fehl- und Mangelernährung

-Verhaltensauffälligkeiten

-geschlechtsspezif. Benachteiligung

-Schulverweigerung

-geringes Selbstwertgefühl

-niedriges Schulniveau

-Arbeitslosigkeit

-problematischer Drogenkonsum

-Gewalt (psych., körperl., sexuell)

-Straffälligkeit

-Verschuldung

-multiethnische Konflikte

-Rassismus

-Lebensangst

All diese auf dem Leben der jungen Menschen aus unseren Vierteln lastenden Probleme müssen während der Zeit, in der sie in unseren Gästewohnungen leben Beachtung finden.

Besonders betroffen sind die Mädchen. Sie sind nach wie vor die jeweils Letzten in der Kette und dem größten Druck ausgesetzt -nicht nur auf der Straße sondern besonders auch in den Familien, die den verspürten gesellschaftlichen Druck nach unten weitergeben-. Ein besonderer Augenmerk muß auf MigrantInnentöchtern liegen, die in ihrem Spagat zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen einem Höchstmaß an Druck ausgesetzt sind.

 

Angebote, mit denen die Ziele verwirklicht werden sollen

Aufsuchende Arbeit

-Regelmäßiger Besuch der umliegenden Jugendeinrichtungen und offenen Mädchentreffs,

-Teilnahme an Ferienmaßnahmen (z.B. Mädchencamp),

-Präsenz bei Stadtteilfesten und Stadtteilaktionen, damit den Jugendlichen die Gesichter der Schlupflochmitarbeiter bekannt werden und so die Schwellenangst gesenkt werden kann von unserem Hilfeangebot Gebrauch zu machen.

Aufnahme von Jugendlichen in die Gästewohnungen

Aufnahme von Jugendlichen in die Gästewohnungen Die Jugendlichen, die von dem Schutzraum unserer Wohnungen Gebrauch machen wollen, kommen über die KollegInnen der Straßensozialarbeit Rahlstedt, aus den umliegenden Jugendeinrichtungen, über das Amt für soziale Dienste oder vielfach auch auf Tip von jungen oder erwachsenen Menschen aus den Vierteln, die wissen, daß man im Büro der Straßensozialarbeit Rahlstedt Hilfe jeglicher Art bekommen kann.

Wir gewährleisten, wenn es gewünscht wird und noch Plätze frei sind eine sofortige unbürokratische Aufnahme für die Dauer von circa acht Wochen.

Während der Zeit, die das Mädchen oder der Junge bei uns verbringt, versuchen wir möglichst viele Faktoren zur Stabilisierung des Lebens zu erhalten oder zu schaffen. Besonders wichtig ist die Förderung aller noch bestehenden positiven Kontakte.

In den Wochen, in denen der/die Jugendliche bei uns lebt, zielen alle unsere Aktivitäten darauf, daß sie uns mit einer positiven Zukunftsperspektive verlassen, deren Grundpfeiler wirgemeinsam mit ihm/ihr zusammen gelegt haben.

 

Flexible Betreuung der Jugendlichen in den Gästewohnungen

Der Arbeitsplatz im Schlupfloch erfordert ein hohes Maß an Flexibilität, Engagement und Einfühlungsvermögen für unsere Zielgruppe. Fertige, wohlstrukturierte Arbeitszeiten sind aufgrund der knappen Personalstruktur nicht umsetzbar. Von den Mitarbeitern des Schlupfloch wird ein hohes Maß an persönlicher, fachlicher und zeitlicher Flexibilität gefordert. Die Tätigkeit im Schlupfloch erfordert Persönlichkeiten, die voll Herz und Solidarität für unsere Zielgruppe sind, handwerklich geschickt und persönlich flexibel

Die Betreuung gliedert sich in folgende Bereiche:

- Aufnahmegespräche/Regelung der Modalitäten des Einzugs (Abholen, Kleidung, Möbel, Geld für Essen).

- Erkundung der Bereiche, die stabilisiert werden müssen und Umsetzen entsprechender Maßnahmen:

  • · Familie (Elterngespräche)
  • · Unterhaltssicherung (Eltern, Kindergeldkasse, Sozialamt,...)
  • · Kontaktaufnahme mit dem ASD
  • · Schulische Maßnamen
  • · Berufsfindung
  • · Ausbildungsplatzsuche
  • · Job-/Arbeitssuche
  • · Hilfestellung bei der Gewöhnung an regelmäßiges, frühes Aufstehen
  • · Motivierung, gesteckte Ziele auch zu erreichen
  • · Schuldenregulierung
  • · Rechtsberatung
  • · Begleitung zu Gericht
  • · Hilfe bei der Beantragung eines Dringlichkeits-, §5-Scheins
  • · Festigung und Erhalt der sozialen Bezüge
  • · Kontakt halten zu den Jugendeinrichtungen, aus denen die Jugendlichen kommen
  • - Erklären und durchsetzen der Schlupfloch-Regeln

- Förderung eines korrekten, konstruktiven und möglichst streßfreien Zusammenlebens innerhalb der Wohnungen

- Mutmachen und gegebenenfalls auch antreiben, damit die Jugendlichen die gesteckten Ziele: neues Zuhause, schulische/berufliche Perspektive, Unterhaltssicherung, Schuldenregulierung innerhalb der jeweils angepeilten Frist auch schaffen. Denn auch die nächsten, die auf der Straße sind, haben ein Recht auf einen Platz bei uns. - Ständige telefonische Erreichbarkeit (Handy)

- Instandhaltung der Wohnungen und Sicherung der Mietverhältnisse

- Durchsetzung eines Minimalstandards an Sauberkeit innerhalb der Wohnungen

- Ständige Kontrolle der Wohnungen im Hinblick auf Sauberkeit und Funktionalität

- Die Mitarbeiter sorgen dafür, daß die Wohnungen als normale Wohnungen für alle im Haus tragbar sind und keine informellen Jugendtreffs entstehen

- Es wird ein guter und kooperativer Kontakt zu den anderen Bewohnern des Hauses aufgebaut und gehalten.

 

Gastfamilien

Vorhandene nachbarschaftliche Hilfestrukturen sollen in das Gesamtkonzept eingebracht werden. Hierzu gehört es Familien, die bisher schon bereit waren, Jugendliche kurzfristig aufzunehmen dazu weiter zu motivieren, sie fachlich und menschlich zu begleiten, bei der Erlangung zusätzlicher materieller Hilfe zu unterstützen und ihnen so eine professionelle Anleitung und Betreuung zu gewährleisten.

Weitere Familien sollen zur kurzfristigen Aufnahme von Kindern und Jugendlichen motiviert werden.

 

Mädchenarbeit

Anbindung von Mädchen an bestehende offene Mädchenangebote. Motivierung der Mädchen an den in Zusammenarbeit von Straßensozialarbeit und Jugendeinrichtungen angebotenen Mädchencamps teilzunehmen.

 

Vernetzung

Es besteht eine seit über 20 Jahren aufgebaute enge Vernetzung der Straßensozialarbeit mit den vorhandenen Jugend- und anderen sozialen Einrichtungen, Schulen, dem ASD und den jeweils zuständigen Abteilungen des Jugendamtes. Das Projekt Schlupfloch kann so auf geregelte intensive strukturierte Beziehungen zu institutionellen Kooperationspartnern in den Stadtteilen (z.B. Stadtteilkonferenzen, AK Jugend, AG Mädchen Jenfeld/Rahlstedt, etc.) aufbauen, die mit unserer Zielgruppe arbeiten bzw. mit ihr zu tun haben. Selbstverständlich ist die Grundlage jeglicher Zusammenarbeit das Profil von Streetlife e.V. einer parteilichen stadtteilorientierten Jugendsozialarbeit, das nicht aufgegeben wird.

 

Kooperationen

Die intensive Vernetzung bedeutet für das Projekt Schlupfloch, daß es auf all diesen Vernetzungsstrukturen aufbauen und sie zu noch engeren positiven Kooperationen nutzen kann. Dies ist eine optimale Grundlage um schnell und möglichst niedrigschwellig adäquate Hilfe anbieten zu können.

 

Innovation

Der innovative und modellhafte Charakter des Projektes Schlupfloch kommt nicht nur in der Form einer sozialbürokratielosen Krisenunterbringung zum tragen, die frei ist von quartiersfremden Belegungszwängen.

Die Konzeption und Arbeitsweise beinhaltet zugleich eine neue Definition von Flexibler Betreuung, die streng gemeinwesenorientiert und für die Belange der Zielgruppe parteilich ist und die den beteiligten Menschen sowohl den betreffenden Mädchen und Jungs als auch den Mitarbeitern mit ihrem Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit zu sozialen Bezügen Rechnung trägt.

 

Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit des Projektes Schlupfloch bewegt sich auf drei Ebenen:

Bekanntmachen des Projektes Schlupfloch in den Vierteln

Hierzu dienen zum einen die Besuche von Jugendeinrichtungen, offenen Mädchenangeboten, Stadtteilaktionen, Stadtteilkonferenzen, etc. zum anderen soll ein Flyer erstellt werden, der kurz und prägnant unser Projekt vorstellt.

Erfahrungsbericht des Projektes

Es wird ein Erfahrungsbericht des Projektes erstellt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, der Schwerpunkte der Arbeit, Chancen und Grenzen des Projektes aufzeigt.

Sozialpolitische Stellungnahmen

Das Projekt wird seine Aufgabe als "Sprachrohr der Sprachlosen" wahrnehmen und zu den für unsere Zielgruppe relevanten Problematiken (z.B. Hunger von Kindern und Jugendlichen, Jugendarbeitslosigkeit, Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Geringverdiener, Kinder aus Armutsfamilien, stigmatisierende Sozialhilfepraxis, Rassismus, Verelendung, sexueller Mißbrauch, multiethnische Konflikte) und den sich daraus ergebenden Bedarfen öffentlich Stellung beziehen. Dies impliziert regionalen und überregionalen Fachaustausch.

Momentaufnahmen aus der Arbeit im Schlupfloch

Das Projekt Schlupfloch ist für die umliegenden Jugendeinrichtungen in Großlohe, Rahlstedt-Ost und Hohenhorst eine nicht mehr wegzudenkende Größe in den vergangenen fast fünf Jahren geworden. Die immer größer werdende Bereitschaft von Eltern sich der Kindeserziehung in der pubertären Phase ihrer Kinder zu entziehen hat bei den Jugendeinrichtungen dazu geführt, das sich die Anfragen ob wir eins ihrer Kids bei uns im Schlupfloch unterbringen können häuft. Leider sind unsere Kapazitäten begrenzt.

Kurzfristige Krisenaufnahme adé?

Die Verweildauer der Kids bei uns in den Gästewohnungen hat sich um einiges verlängert. Das rührt insbesondere daher:
- seit Einführung des Euro sind vorher bezahlbare kleine Wohnungen so gut wie unerschwinglich geworden
- die Sozialämter sind immer weniger bereit, über den Mindestfinanzierungssatz hinauszugehen
- es wird immer schwerer Jugendliche überhaupt in Sozialhilfebezug zu bekommen
- junge Leute auf dem ersten sowie auf dem zweiten Arbeitsmarkt in Arbeit zu bekommen wird immer dramatischer
- immer mehr ehemals billiger Wohnraum fällt aus der Sozialbindung heraus
- mehr und mehr Wohnungsbaugesellschaften -allen voran SAGA und GWG- weigern sich Menschen mit egal welcher Art von SCHUFA-Einträgen als Mieter zu akzeptieren
- die öffentlichen Mittel für Hilfen zur Erziehung sind so drastisch reduziert worden, dass es äußerst schwierig und langwierig geworden ist, Jugendliche in einer Jugendwohnung unterzubringen.

Das Schlupfloch aus der Sicht von Jugendlichen

Die Akzeptanz bei den Nutzern unserer Gästewohnungen ist sehr groß. Auch das Umfeld der Jugendlichen ist unserem Projekt mehrheitlich sehr zugetan. Immer mehr wird aus den Cliquen angefragt, ob es nicht möglich sei, den einen oder die andere bei uns aufzunehmen. Diese Jugendlichen sind oftmals in keinster Weise in Jugendeinrichtungen eingebunden, sondern sie haben über ihre Freunde oder aus anderen Stadtteilbezügen von unserem Projekt gehört und würden dieses gerne nutzen. Immer wieder kommt es vor, dass unsere Kids ihre Kumpels in die von Streetlife angebotene Sozialberatung anschleppen, weil sie davon ausgehen, dass wir in der Lage sind bei der Problemlösung behilflich zu sein.

Junge Mütter

Wir erleben allgemein in unseren Arbeitersiedlungen, das junge Mädchen zunehmend dazu bereit sind sehr früh Mutter zu werden. Das liegt im wesentlichen nicht an einem Mangel an Aufklärung sondern an einem wachsenden Mangel an anderen positiven Lebensentwürfen. Auch dieser Boom geht an unserer Einrichtung nicht spurlos vorbei. Die große Masse der Mädchen oder jungen Frauen, die in den vergangenen Monaten und Jahren bei uns in der Gästewohnung gelebt haben, ist bereits Mutter geworden oder derzeit schwanger. Manchmal entsteht bei uns im Büro ein richtiges Gedränge, wenn junge Mütter mit ihren Kinderwagen freudig die neuen Erdenbürger vorstellen. Da kann es durchaus sein, das bei aller wichtigen Themenbesprechung die Kolleginnen und Kollegen in ihrer Arbeit innehalten und sich plötzlich um die Babys kümmern. Es gibt viel zu erzählen, bis hin zum Sinn des Lebens. Das macht viel Freude und die Mütter merken ganz genau, dass sie bei uns willkommen sind. Sie haben überhaupt nichts dagegen, dass ihre Kinder auch ein bisschen unsere Kinder oder Enkel sind. Wir beraten bei der Wahl des Krankenhauses und bemühen uns bei der Erstausstattung dieser Babys eine liebevolle persönliche Note mit einzubringen. Der Stolz und die Lebensfreude der jungen Mütter lassen sofort das Büro zu einem Ort der Lebensbejahung werden. Gespräche über Menschenwürde und Sinn des Lebens bekommen hier eine unmittelbare Bedeutung. Auf Klingelzeichen des Telefons wird auf einmal nicht mehr geachtet. Ernährung, Stillen und Schlafgewohnheiten der kleinen Mäuse sind plötzlich wichtiger.

Weckdienst

Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass unsere Jugendlichen es oft von zu Hause nicht gelernt haben pünktlich aufzustehen, weil sie von ihren Eltern nicht geweckt wurden. Wir haben uns angewöhnt unsere Mädchen und Jungs morgens zu wecken, wenn sie dies wollen. Wir sind nämlich der Meinung, dass jedes unserer Kids das Recht hat- genau wie unsere eigenen Kinder- morgens liebevoll geweckt zu werden. Sie wachen auf und sie merken, dass sie nicht alleine sind sondern dass jemand an sie denkt und sogar für sie aufsteht. Wer will das nicht- den Tag positiv beginnen-. Jedenfalls nimmt die Mehrzahl unserer jungen Leute dieses Angebot gerne an.

Spätabendliche Gespräche

Die abendlichen Gespräche dienen in erster Linie nicht zur Sozialkontrolle sondern hier wird gemeinsam der Tag verdaut und alles Schöne und auch anstrengende oder traurige kann vor dem Schlafengehen noch mal erörtert werden.

Hamburger Mauern der Bürokratie

Spätestens seit der Schill-Administration mußten wir feststellen, das Sachbearbeiter, die sich vorher nicht gewagt haben, ihrer Verachtung gegenüber unseren Jugendlichen freien Lauf zu lassen, dies nun umso massiver taten. Menschenwürde und bürgerliche Rechte wurden immer mehr verwehrt. Das hat zur Folge, dass wir bei fast allen Ämterbesuchen mitgehen müssen. Es ist unerhört, das junge Menschen, die zwar mit Anfangsschwierigkeiten aber dennoch ins normale Leben starten wollen, sofort als Sozialschmarotzer diffamiert werden. Manchmal können wir uns nur mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde wehren. Es ist schon recht merkwürdig, das wir eine nicht unerhebliche Zeit dafür aufwenden müssen, um anderen sozial tätigen Menschen, die es nicht gerade gut mit unserer Zielgruppe meinen, das Recht unserer jungen Menschen auf Essen, Dach über dem Kopf und Bildung abzutrotzen.

Kindergeld

Wir sind der Meinung, dass die Gesetzeslage dahingehend verändert werden müsste, das spätestens nach vier Wochen das Kindergeld dahin zu fließen hat, wo das Mädchen oder der Junge lebt. Die derzeitige Regelung hat zur Folge, das vielfach Eltern rücksichtslos das Kindergeld für sich einbehalten, obwohl sie ihr Kind schon lange vor die Tür in die Obdach- und Mittellosigkeit gesetzt haben; dies ist ein Skandal.

Schwarzfahren

Sozialtickets sind bekanntlich abgeschafft. Jugendliche, die völlig mittellos und dadurch gezwungen sind den HVV unentgeldlich zu nutzen und erwischt werden, haben heute, wenn es bei der SAGA oder GWG um die Wohnungssuche geht, aufgrund ihrer Schulden das Handykap durch die SCHUFA-Auskunft als Mieter nicht mehr akzeptiert zu werden. Schwarzfahren- nebenbei bemerkt- ist ein Straftatbestand, die Verweigerung der Teilhabe an einer Gesellschaft jedoch nicht.

Recht auf Bildung

Nach Abschaffung der Hauptschulabschlussprojekte, Verringerung der überbetrieblichen Berufsvorbereitungsmaßnahmen und Ausbildungsprojekte auf ein fast unterirdisches Minimalangebot bei gleichzeitiger Quasi-Abschaffung des Hauptschulabschlusses als einem für eine betriebliche Ausbildung anerkannten Schulabschluss durch die Innungen und Kammern erinnert unser Bestreben, unseren Jungs und Mädchen eine Teilhabe an Bildung und Ausbildung zukommen zu lassen, eher an Don Quichottes Kampf mit den Windmühlen. Die Garantenfunktion für künftige Erwerbsarbeit nimmt uns folgerichtig zunehmend das Gesetz der Straße aus der Hand in Form von Schwarzmarktarbeitsplätzen jeglicher Schattierung. Durch Dealen -mit egal was- kann (oder muss) man als junger Mensch auch versuchen im globalisierten Hochkapitalismus zu überleben. Wer sich in jungen Jahren an den -manchmal ziemlich leichten- Erwerb von vergleichsweise viel Geld für wenig Buckelei gewöhnt, der wird später recht schwer davon zu überzeugen sein, dass eine regelmäßige schwere Arbeit für wenig Lohn eine wertvollere Alternative sein soll.

 

© Streetlife e.V.