Aidsarbeit in Hamburg

Aidsarbeit in Hamburg:
Verhaltensprävention geht nicht ohne Verhältnisprävention!

Aufklärungsarbeit, zielgruppenspezifische HIV-Prävention und die praktische Unterstützung von Menschen mit HIV und AIDS liegt in Hamburg arbeitsteilig in den Händen mehrerer spezialisierter Einrichtungen, die in der Landesarbeitsgemeinschaft AIDS zusammengeschlossen sind. Miteinander stehen wir für ein Angebot, daß von der aufsuchenden Primärprävention über die Befähigung zu einem möglichst unversehrten Leben mit HIV bis zur Unterstützung und Begleitung aidskranker Menschen und ihrer Familien reicht, und das auch für Zielgruppen zugänglich ist, denen das staatliche Gesundheitswesen verschlossen bliebe. Unser gemeinsamer Arbeitsansatz ist das Konzept der "strukturellen Prävention": In unseren Interventionen haben wir stets sowohl den Einzelnen als auch die allgemeinen Lebensbedingungen und die sozialen Beziehungen (Strukturen) im Blick.

Unsere Präventionsarbeit richtet sich in die am häufigsten betroffenen Gruppen. Es geht darum, dem (oder der) Einzelnen Wissen zu vermitteln und ihn (sie) zu befähigen, Risikosituationen zu erkennen und überlegt zu handeln. Diese Arbeit setzt eine gute Kenntnis der Szenen und Gemeinwesen, der Sorgen und Ängste voraus; sie erfordert ein direktes Zugehen und eine klare Sprache.

Ziel unserer Arbeit ist immer die Erhaltung bzw. das Zurückgewinnen von Handlungskompetenz, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Unsere Projekte stehen für gelebte Solidarität, für Vertraulichkeit und Akzeptanz. Wir wirken aktiv der Vereinzelung entgegen und ermutigen zu politischem Engagement: Niemand soll als "Fall" behandelt, mit den Mitteln von Justiz, Medizin oder Forschung bevormundet oder vereinnahmt werden!

Innerhalb unseres Netzwerkes dekliniert sich dieses Verständnis von emanzipatorischer Gesundheitsförderung folgendermaßen:

Als größte Einrichtung im Hamburger Präventionsnetz steht die AIDS-Hilfe Hamburg e.V. für alle Fragen des Lebens mit HIV und AIDS. Das Angebot reicht von der anonymen Telefonberatung über die Unterstützung in sozialen, psychologischen und ärztlichen Fragen bis zur psychosozialen Begleitung. Mit "Home Base" im AIDS-Hilfe Struensee-Centrum sind die Mitarbeiter regelmäßig in Krankenhäusern, Haftanstalten sowie im Rahmen von Hausbesuchen unterwegs. Offene Angebote, Gruppen und Schwerpunktveranstaltungen sowie die Vor-Ort-Präsenz bei Aktionen erleichtern die Kontaktaufnahme für Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht den direkten Weg in die Beratung finden. Ein wesentliches Element der Aidshilfearbeit ist die Mitarbeit einer großen Zahl freiwillig Engagierter, die neben den Aspekten bürgerschaftlichen Engagements eine wichtige Multiplikatorenfunktion ausüben, vor allem aber Ressourcen der Betroffenenkompetenz in die tägliche Arbeit einbringen.

Die AIDS-Hilfe Hamburg wird jährlich mit rund 5.000 mal in Beratung und Begleitung, 1.000 mal in angeleiteten Gruppen und Schwerpunktveranstaltungen sowie mit 3.000 Kontakten in offenen Angeboten, Selbsthilfegruppen und bei Aktionen in Anspruch genommen.


Der Arbeitsbereich Kinder und AIDS der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Hamburg e.V. unterstützt HIV-betroffene Familien, in denen ein oder mehrere Familienmitglieder HIV-positiv oder an AIDS erkrankt sind. Wir beraten zu Familien- und Erziehungsfragen, geben Informationen zu HIV und AIDS, unterstützen bei Problemen mit Ämtern und bei finanziellen Problemen und bieten regelmäßige offene Treffen, Informationsveranstaltungen und Gruppenangebote für HIV-betroffene Familien an. Neben der Beratung in unseren Räumen besuchen wir bei Bedarf die Familien zu Hause oder im Krankenhaus und begleiten sie zu Ämtern, zu Arzt- oder Klinikterminen.

HIV-betroffene Familien finden selten Zugang zum regulären AIDS-Hilfebereich, da die Angst vor Bekanntwerden der Infektion und damit vor Ausgrenzung und Stigmatisierung, besonders der Kinder, oftmals zu groß ist. Als Kinder- und Jugendhilfeprojekt, das nach außen auf eine Zuschreibung auf die Thematik von HIV und AIDS verzichtet, bieten wir den Familien einen für sie notwendigen Schutz, damit sie aus ihrer Isolation heraustreten können. Die besondere Situation HIV-betroffener Familien stellt sich in der Tabuisierung der Infektion innerhalb und außerhalb der Familie dar. Dies hat besondere Auswirkungen auf das Leben der Kinder, unabhängig davon, ob sie selbst infiziert sind oder nicht. Mit unserer Arbeit innerhalb der Familien, aber auch durch Öffentlichkeits- und Multiplikatorenarbeit versuchen wir, den Familien einen offeneren Umgang in ihrem sozialen Umfeld zu ermöglichen.

BASIS e.V. unterhält seit über 15 Jahren ein Projekt, welches AIDS-Präventionsarbeit bei jugendlichen und erwachsenen männlichen Prostituierten (Strichern) leistet. Ohne Niedrigschwelligkeit und Anonymität wäre unsere Arbeit undenkbar. Die Menschen, die wir betreuen, haben ein hohes Maß an Mißtrauen gegenüber allen sozialen Institutionen. Das zweifache Tabu - Homosexualität verbunden mit Prostitution - bedeutet für Stricher, dass sie oft die Erfahrung gemacht haben, auch von sozialen Einrichtungen diskriminiert zu werden. Wir erreichen diese Menschen nur über einen niedrigschwelligen Ansatz, der durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist: Akzeptanz, Aufsuchender Charakter, szenenahe Arbeitsweise, Offenheit gegenüber Migranten, subkulturelle und szenensprachliche Kenntnisse und Garantie der Anonymität.

Seit Jahren sind wir mit diesem Arbeitsansatz erfolgreich. Unsere Arbeit ist in der Szene allgemein bekannt und anerkannt. Wir erreichen bei weitem mehr Stricher, als in den offiziellen Angaben der Stadt Hamburg angegeben werden. Auf ein Jahr bezogen haben wir Kontakt mit bis zu 500 Strichern. Gleichzeitig haben wir durch die Akzeptanz unserer Arbeit in der Szene erreicht, daß in fast allen einschlägigen Bars und Kneipen Kondome und Gleitgel kostenfrei zu haben sind. Dies sind die wichtigsten Hilfsmittel für "safer sex".

Die Aufgabe des Projektes Hein & Fiete ist seit 11 Jahren die zielgruppenspezifische HIV-Prävention bei schwulen und bisexuellen Männern in Hamburg. Dabei leisten wir im Bereich der "Strukturellen Prävention" die Primärprävention. Basierend auf dem ehrenamtlichen Engagement von ca. 60 Mitarbeitern und 2,75 Stellen für die Koordination teilt sich unsere Arbeit in eine Komm -und Gehstruktur. In unserem Infoladen, der an sechs Tagen die Woche geöffnet ist, findet man alle Informationen über HIV und AIDS sowie alle Infos über die gay community. Die Förderung des Selbstbewusstseins von schwulen Männern ist damit Teil der Prävention, die Unverbindlichkeit sich lediglich über das schwule Hamburg zu informieren, senkt die Schwelle sich dem Thema zu nähern erheblich.
In der Gehstruktur "Szene- & Vor-Ort-Arbeit" werden ca. zwei mal pro Monat in der gesamten schwulen Szene ( Kneipe, Partys, Saunen, Pornokinos) Safer-Sex-Promotion -und Kondomverteilaktionen durchgeführt. Hier begegnen wir den Männern im Zusammenhang von Spaß und Freude und unsere Botschaft lautet: "Sex ist toll und ein schöner Bestandteil unseres Lebens. Damit es dabei bleibt, gehört in unserer Zeit "Safer-Sex" einfach dazu!". Pro Jahr erreichen wir mit unserer Botschaft bis zu 25.000 Kontakte. Darüber hinaus werden unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter ständig weitergebildet und stellen so eine nicht unbedeutende Größe im Bereich der Multiplikatoren dar.
Die Stärke dieses Projektes liegt in der Flexibilität sich immer wieder zeitnah an den Entwicklungen der schwulen Szene zu orientieren und entsprechend die Präventionsaktivitäten zu gestalten.


Das Magnus-Hirschfeld-Centrum ist seit 19 Jahren in Hamburg ein Treffpunkt für Schwule und Lesben. Als Beratungs-, Veranstaltungs- und Kommunikationszentrum bietet es zu fast allen Belangen der schwul-lesbischen Lebensweise kompetente AnsprechpartnerInnen. Ca. 40 Gruppen treffen sich regelmäßig im Haus (Freizeit, Gesprächs- und Selbsthilfegruppen). Die Angebote der Beratungsstelle sind über Telefon, persönliche Gespräche, in Gruppenangeboten und per Post zu nutzen. In zwei interaktiven Chatrooms werden Lesben und Schwule getrennt beraten. Um den neuen Medien und den damit einher gehenden neuen Kommunikationsstrukturen gerecht zu werden, wird auch eine Beratung per eMail angeboten. Dabei liegt das Augenmerk darauf, die Hürde der Kontaktaufnahme so niedrig wie möglich zu halten. Trotz Lebenspartnerschaftsgesetz gibt es für viele, selbst in dieser Zeit, noch keinen selbstverständlichen Umgang mit der Homosexualität. Wir sind oft Anlaufstelle für Menschen vor und während des Coming outs. Dabei bieten wir nicht nur Beratung, sondern auch einen Einstieg in das schwul-lesbische Kultur- und Alltagsleben.

Jörg Korell Aidshilfe, Markus Straube Hein & Fiete, Ute Senftleben ajs, Clemens von Lassaulx BASIS e.V.

 

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