"Familienfreundliches Hamburg"

"Familienfreundliches Hamburg"
- alltägliche Demütigung von Unterschichtsmüttern auf dem Sozialamt -

Das Arbeitsprinzip der Straßensozialarbeit Rahlstedt ist seit 1981 akzeptierend und ganzheitlich, was bedeutet, jeden Menschen, der zu uns kommt so zu akzeptieren wie er ist mit allen Stärken und Schwächen und ihn zu verstehen auf dem Hintergrund seiner familiären und kulturellen Herkunft und seines gesamtes sozialen Umfeldes. In der Konsequenz führt dies dazu, dass wir uns in unserer Arbeit für alle Belange dieser Menschen in erster Linie zuständig fühlen und nur dann weiterverweisen, wenn unsere eigene Fachlichkeit nicht ausreicht. Auch dann sehen wir es jedoch als unsere Aufgabe entsprechende professionelle Kontakte herzustellen beziehungsweise unsere Begleitung anzubieten, wenn der/die Betreffende sich alleine nicht traut fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wir arbeiten parteilich, d.h. wir setzen uns für die ständig wachsende Zahl von Menschen ein, die an den Rand dieser Gesellschaft gedrängt werden.
Heute scheint unser Arbeitsansatz mit seiner humanistischen Weltsicht nicht mehr gefragt. Wir sind bestenfalls Dinosaurier aus längst vergangener Zeit - aber umso wichtiger.

Seit 3 Jahren beobachten wir in unserem Projekt die dramatische Zunahme der Verweigerung von Sozialhilfeansprüchen bei alleinerziehenden Müttern. Wir gehen davon aus, dass nur ca. 10% der Mütter aus dem Großraum Rahlstedt, die nicht zu ihrem Recht kommen, von unserem Projekt Kenntnis haben und sich hilfesuchend an uns wenden.
Die Zugangssteuerungsexperimente der Sozialämter führten dazu, dass Sachbearbeiter im Wettlauf vorauseilenden Gehorsams sich an Willkür und Gutsherrenartgebaren überbieten. Verachtung von Menschen aus der Unterschicht darf wieder offengezeigt werden und davon wird reichlich Gebrauch gemacht. - Vorbei mit dem zwanghaften Vorspielenmüssen von Akteptanz.

Um ihren Rechtsanspruch gegenüber dem Sozialamt durchsetzen zu können müssen sich diese Mütter in der Regel viermal von uns beraten lassen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre haben diese Mütter circa dreimal im Jahr massive Schwierigkeiten Leistungen nach dem BSHG zu erhalten. Jede Woche kommen etwa drei neue Mütter zu uns in die Beratung; das ist ein Beratungsumfang von ungefähr 150 Müttern jährlich. Zusammengefasst gehen wir mittlerweile von 1.800 Sozialberatungen alleinerziehender Mütter pro Jahr aus; Tendenz steigend. Oft arbeitet unser Team bis 24 Uhr nachts in der Sozialberatung.
Was in dieser Darstellung wie Einzelfälle wirken könnte ist heutige ganz alltägliche Normalität.

Hinter diesen nackten Zahlen verbergen sich menschliche Schicksale und massive Existenzbedrohung und Ausgrenzung derer, die am gesellschaftlichen Rande unserer reichen Freien und Hansestadt Hamburg leben. Es ist unerhört mit ansehen zu müssen, wie gestandene Frauen, die sich abmühen ihre Kinder die Armut nicht spüren zu lassen und sie halbwegs in Würde großzuziehen, von den Dompteurversuchen ihrer Sachbearbeiter an den Rand des Nervenkostüms gebracht immer mehr zusammenbrechen.

Grundsätzlich kämpfen diese Mütter um die sozialhilferechtliche Anerkennung als "Alleinerziehende", was entsprechend höhere Regelsätze beinhaltet.
Da wird Fahrgeld für die Arbeitssuche nicht bewilligt, Bekleidungsgeld zuwenig oder gar nicht gezahlt, Wohngeldansprüche nicht anerkannt, Wohngeld bis zur Zwangsräumung nicht regelmäßig gezahlt. Bei Mietschulden, die aus unwirtschaftlichem Verhalten der Haushaltsvorstände entstanden sind, wird nicht mehr Rücksicht auf die Situation der Gesamtfamilie genommen, was zur Räumungsklage führt. Vermehrt wird seitens des Sozialamtes versucht, alleinerziehende Mütter mit unter 3-jährigen Kindern über Zeitarbeitsfirmen in "Lohn und Brot" zu bringen. Bei nicht erfolgreicher Arbeitssuche der Sozialhilfeempfänger gehen die Maßregelungen mittlerweile bis zur völligen Einstellung der laufenden Hilfe zum Lebensunterhalt. Es geht sogar soweit, dass das BSHG gebrochen wird, indem die Kinder in Sippenhaft genommen werden und ihre ihnen rechtlich verbürgte laufende Hilfe gekürzt oder gestrichen wird, um Druck auf die Eltern auszuüben. Kindergartenbeiträge werden mit dem Argument der häuslichen Ersparnis zum Teil von der laufenden Hilfe abgezogen, was zur Folge hat dass viele Familien besonders Migrantenfamilien darauf verzichten ihre Kinder in einem KTH anzumelden, was nicht nur bei unseren deutschen Unterschichtskindern sondern besonders bei den Migrantenkindern massiv zu Lasten der Integration geht. Besonders bei schwangeren Jungerwachsenen haben die Verstöße gegen die Beratungspflicht (§5 BSHG) gravierende Folgen und lassen sie Schwangerschaft zur Existenzbedrohung werden. Hinzu kommt die stigmatisierende Praxis der Gutscheinvergabe für Schwangerschaftsbekleidung. Babyerstausstattung wird erst nach der Geburt des Kindes bewilligt, doch das ist ja nichts Neues.

Der Grundkonsenz der ehemals liberal humanistischen Gesellschaft, sich zumindest nach außen den Anschein zu geben der am Rande lebenden Bevölkerung akzeptierend und integrierend gegenüberzutreten, erscheint im ausgehenden Neoliberalismus endgültig aufgekündigt.

Wir, die wir tagtäglich damit konfrontiert werden, wie quasi jedem mittellosen Menschen von vorneherein Betrug unterstellt wird, sind gelinde gesagt grotesk berührt, wenn wir - auch das tagtäglich - durch die Medien erfahren, wer wieder aus den Reihen derer, die satt und sahnig vom Reichtum dieser Stadt profitieren Steuern in Milliardenhöhe hinterzogen oder Betrug im wirklich großen Stil betrieben hat - folgenlos -.

Wir bieten allen Politikern an bei uns im Projekt Straßensozialarbeit Rahlstedt zu hospitieren um die Sorgen und Nöte der Unterschichtsmütter kennen zu lernen.

Streetlife e.V., Straßensozialarbeit Rahlstedt

 

© Bündnis für mehr Solidarität